Prüfung nach zwölf Jahren : Jeder Fünfte in Berlin scheitert am Turbo-Abi

Mehrheit der Länder hält an kürzerer Schulzeit fest

Berlin - Der zusätzliche Leistungsdruck durch die verkürzte Schulzeit zeigt Folgen: Der diesjährige Berliner Abiturjahrgang ist im Laufe der Oberstufe erheblich zusammengeschmolzen. Von den ursprünglich 10 500 Schülern, die vor zwei Jahren in Klasse 11 gestartet sind, ist nach Informationen des Tagesspiegels etwa jeder Fünfte nicht mehr dabei. Einen ähnlich großen Schülerschwund gab es nur im vergangenen Jahr, als das Turboabitur Premiere hatte.

Die Erwartung der Fachleute, dass die hohe Verlustquote damals vor allem dem schwierigen Doppeljahrgang geschuldet war und ein einmaliger Vorgang bleibe, hat sich nicht erfüllt. Vielmehr sind abermals mehr als acht Prozent bereits nach der elften Klasse freiwillig zurückgetreten, was laut Bildungsverwaltung einer Zahl von 850 Schülern entsprach. Sie sind zurzeit dabei, die elfte Klasse an ihrem eigenen oder an einem anderen Gymnasium zu wiederholen.

Weitere 550 Schüler haben ihre Schullaufbahn komplett abgebrochen. Die übrigen 420 versuchen, ihr Abitur an einer Sekundarschule oder einem Oberstufenzentrum zu schaffen, wo es weiterhin 13 Schuljahre gibt. Eine noch unbekannte, aber nach den Erfahrungen des Vorjahres wohl dreistellige Zahl von Schülern ist nicht zum Abitur angetreten, sondern wiederholt die zwölfte Klasse. Insgesamt dürfte sich der Schwund also auf über 2000 Schüler summieren.

Die Mehrzahl der Bundesländer hält wie Berlin an der gymnasialen Schulzeitverkürzung fest. Hingegen erlauben es Baden-Württemberg und Nordrhein- Westfalen den Gymnasien, zwölf und 13 Jahre parallel anzubieten, wovon aber nur wenige Gebrauch machen. Hessen beginnt im Sommer mit diesem Schulversuch. In Schleswig- Holstein haben vereinzelte Gymnasien ganz auf 13 Jahre umgestellt. Bayern geht einen anderen Weg: Hier sollen schwächere Schüler durch Klassenwiederholungen in der Mittelstufe ihren Rückstand aufholen. Das Ganze nennt sich „individuelle Lernzeit“. Susanne Vieth-Entus

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