Zeitung Heute : Prügel von den Außerirdischen

Hartmut Scherzer

Wer mit den Großen spielen will, der muss auch Prügel einstecken können: Für die deutsche Eishockey-Mannschaft war nach der grandiosen Qualifikationsrunde der Olympiasieger von Nagano und Weltmeister der letzten drei Jahre zwei Nummern zu groß. 8:2 (3:0, 3:1, 2:1) siegte die Tschechische Republik, und der deutsche Bundestrainer schwärmte: "Das war Eishockey vom anderen Stern." Hans Zach sprach von einem "Anschauungsunterricht für uns". Dennoch: "Meine Mannschaft hat sich gut geschlagen, sich von Drittel zu Drittel gesteigert, war nicht destruktiv, sondern hat sich auch ein paar Torchancen herausgespielt."

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Zweimal Superstar Jaromir Jagr an seinem 30. Geburtstag, Sykora, Hejduk, Havlak, Lang, Elias und Reichel waren die Torschützen. Leonard Soccio zum 1:4 und Stefan Ustdorf zum 2:6 bezwangen zweimal den weltbesten Torhüter, Dominik Hasek. Dem hohen Tempo, dem eleganten Schlittschuhlauf, der sicheren Puckführung, den traumhaften Kombinationen standen die Deutschen fast staunend gegenüber. "Das ist eine andere Liga", bekannte Kapitän Jürgen Rumrich. "Auf dieses Tempo müssen wir uns erst einstellen." Nur Jochen Hecht und Marco Sturm, Wegbereiter der beiden Gegentore, konnten das Tempo mithalten, spielen sie doch auch in der nordamerikanischen Profiliga.

Die tschechische Olympia-Mannschaft ist eine reine Auswahl der National Hockey League (NHL). Nur zwei der 22 Spieler haben noch nicht den Sprung in die Elite-Liga des Eishockeys geschafft. Erstmals seit dem Olympiasieg vor vier Jahren in Nagano trugen die NHL-Stars Jagr (Washington Capitals) und Hasek (Detroit Red Wings) wieder bei einem großen Turnier das tschechische Trikot.

Nun sind die Ergebnisse in den Gruppenspielen eigentlich bedeutungslos für den weiteren Turnierverlauf. Es geht nur um die Paarungen in den Play-offs. Die Deutschen stehen im Viertelfinale, und wer hier der Gegner sein wird, können sie ohnehin nicht beeinflussen. Hat Zach seine Mannschaft nach der kraftraubenden Vorrunde vielleicht zur Zurückhaltung gemahnt? Ganz so wie Sepp Herberger, der seine Fußballer 1954 in der Vorrunde 3:8 gegen Ungarn untergehen ließ, den Gegner in Sicherheit wiegte und später das Endspiel 3:2 gewann? Zach winkt ab. Es gehe ums Image, um den bisher so guten Eindruck, ums Selbstvertrauen. "Wir wollen uns nicht abschlachten lassen", sagt der Bundestrainer. "Wenn es gegen solch hochkarätige Gegner Niederlagen hagelt, geht das Selbstvertrauen wieder runter." Seine Burschen könnten in solchen Spielen zwar nur lernen. Doch die Erfahrung, die sie dabei machten, sei "die bitterste und intensivste".

Am Sonntag heißt der nächste Gegner Kanada. Zach setzt darauf, dass seine Mannschaft mit den kanadischen "Powerspielern" besser zurechtkommt als mit den tschechischen Technikern. "Das wird ein anderes Spiel." Auch für die Kanadier, die ihr erstes Spiel gegen die Schweden überraschend hoch mit 2:5 verloren. Teamanager Wayne Gretzky, von dem die gesamte Nation Gold erwartet, saß mit versteinertem Gesichtsausdruck an der Bande und sagte vorsichtshalber gar nichts. "So wollten wir mit Sicherheit nicht spielen. Aber das ist das Schöne an Olympia. Wir haben noch zwei Spiele Zeit, bevor es wirklich um etwas geht", sagte der zweimalige Stanley-Cup-Sieger Mario Lemieux nach seinem Olympiadebüt für Kanada.

Gegen die Deutschen will sich der zusammengewürfelte Haufen von Multimillionären so richtig warmspielen. "Die Deutschen - die spielen doch nur defensiv, oder können die auch was anderes?", lästerte Lemieux. Damit war das Thema erledigt.

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