Zeitung Heute : "Public Enemy": Schwarze Panther, graue Haare

Daniela Sannwald

Er war Nigger, Neger, Farbiger, Schwarzer, Amerikaner afrikanischer Abstammung, Afroamerikaner, "und jetzt bin ich, glaube ich, wieder schwarz", lacht Bobby Seale. Vor allem aber war er 1966 Mitbegründer der Black Panther Party, die ein knappes Jahrzehnt lang das weiße Amerika in Angst und Schrecken versetzte. Zusammen mit seinen ehemaligen Mitstreitern Kathleen Cleaver und Jamal Joseph ist Bobby Seale nach Berlin gekommen, rechtzeitig zur morgigen Premiere von Jens Meurers Dokumentarfilm "Public Enemy". Was aus den ehemaligen Staatsfeinden geworden ist, wollte Meurer wissen. Dass sie trotz des Scheiterns ihrer Ideale nicht aufgegeben haben, immer noch Kämpfer für eine gerechtere Welt sind und dabei auch noch über Witz und Selbstironie verfügen, hat ihn, wie man seinem Film ansieht, ziemlich beeindruckt. Und wenn Bobby Seale, inzwischen Mitte 60, wie ein Kriegsveteran Anekdoten aus dem Kampf gegen "die rassistische Schweine-Machtstruktur" erzählt oder vielmehr vorspielt, wobei er nacheinander in sämtliche Rollen schlüpft, dann lachen Kathleen Cleaver und Jamal Joseph so laut, als hätten sie das noch nie gehört.

So ähnlich die drei einander früher sahen - im Unisex-Stil der 60er, mit so genanntem Afro-Look, Sonnenbrille, taillierter Lederjacke und schwarzem Barett -, so verschieden wirken sie heute: Bobby Seale ist nicht nur Autor von zwei biografischen Bänden, sondern vor allem von Barbecue-Rezeptbüchern. Jeans, T-Shirt und Basecap stehen ihm genauso gut wie früher die "Uniform" der Black Panthers; und man sieht ihn förmlich vor sich, wie er am Gartengrill Fleischstücke wendet. Kathleen Cleaver dagegen ist eine elegante Frau in den Fünfzigern; Pullover und Rock im gemäßigten Folklorestil, die langen Rasta-Zöpfe zu einem ordentlichen Pferdeschwanz frisiert, wie es sich für eine Juraprofessorin an Elite-Universitäten gehört. Und dann Jamal Joseph, der jüngste von ihnen, der schon mit 15 zu den Panthers kam: ein ruhiger, strahlend freundlicher Mann in der erwachsenen Variante des Rapper-Outfits; auch er mit langen Zöpfchen. Er ist Theater- und Filmautor, inszeniert seine Stücke mit Jugendlichen in den Ghettos, die es eben immer noch gibt.

"Wir sind gescheitert", sagen alle drei. Und wenn man sie nach den Afroamerikanern fragt, die neben Verteidigungsminister Colin Powell in der Bush-Regierung sitzen, etwa nach der Sicherheitsberaterin Condolezza Rice oder dem Erziehungsminister Rod Paige, dann lacht Bobby Seale kurz und trocken, und Kathleen Cleaver erklärt, dass diese Leute "nicht zu uns" gehören: "Sie haben erzkonservative Grundüberzeugungen und dienen der Bush-Regierung zu Täuschungsmanövern. Die Frage ist nur, wen sie täuschen sollen. Jeder weiß doch, dass sie Lakaien sind." Auf jeden Fall halte es die Regierung für einen schlauen Coup, die Kürzung des Bildungsetats, die doch hauptsächlich die arme Bevölkerung in den Ghettos betreffe, durch einen afroamerikanischen Bildungsminister rechtfertigen zu lassen. "Aber", wiederholt sie, "wirklich täuschen können sie doch niemanden."

Bestimmt nicht die Tausende von Jugendlichen, die Mitte April in Cincinnati mit Steinen und Stöcken gegen weiße Polizeigewalt rebellierten, nachdem der 19-jährige Timothy Thomas erschossen worden war - nur weil ein Polizist glaubte, er habe eine Waffe. Durch den Tod des wehrlosen Jugendlichen wurde das ganze Ausmaß der Benachteiligung, von dem die Afroamerikaner immer noch betroffen sind, wieder einmal zum Thema: Die Arbeitslosenquote ist fast drei Mal so hoch wie bei den Weißen, während 50 Prozent der Gefängnisinsassen schwarz sind, aber nur 13 Prozent der Gesamtbevölkerung. Beim Begräbnis von Timothy Thomas sah man seit langem wieder einmal in die Luft gereckte Fäuste, das Kampfzeichen der Black Panthers.

Sind die Straßenkämpfer in den Ghettos die Nachfahren der Bewegung von damals? Jamal Joseph sieht sie eher in den Rappern, den Hip-Hoppern. "Wir waren ja keine linke Bewegung", sagt Kathleen Cleaver, "wir wollten eine kulturelle Revolution, wollten den weißen Mainstream desavouieren." Man müsse sich einmal vorstellen, dass bis in die sechziger Jahre hinein junge Afroamerikanerinnen versucht hätten, ihre Haare glatt zu kriegen, sich die Haut zu bleichen und einem Schönheitsideal nachzueifern, das mit ihrer eigenen Kultur nicht das Geringste zu tun habe. Deswegen war "Black is beautiful" ein Schlachtruf, der sich auch gegen herrschende ästhetische Normen richtete. "Unsere Leute waren damals klug und schön, kreativ und charmant", sagt Kathleen Cleaver, "plötzlich fanden weiße Studenten uns cool."

Aber wenigstens das ist doch jetzt auch wieder so, denkt man an Filmstars wie Eddie Murphy, Will Smith, Denzel Washington; an Filme wie "Shaft", "Romeo Must Die" oder erst kürzlich "Exit Wounds" mit ihren smarten, schwarzen Helden? "Alles Stepptänzer", korrigiert Jamal Joseph sanft; die habe es immer gegeben - vom weißen Establishment geduldet, weil sie zu dessen Amüsement beitrugen. "Das ist die Vereinnahmung der Subkultur durch den Mainstream, Ausbeutung mit anderen Worten." Man solle sich doch nur einmal fragen, wie oft man Liebesszenen zwischen Weißen und Schwarzen auf der Leinwand gesehen habe. Na also.

Bobby Seale war immer wieder in Untersuchungshaft, ist aber nie verurteilt worden; Jamal Joseph hat eine jahrelange Gefängnisstrafe verbüßt; Kathleen Cleaver ging mit ihrem damaligen Ehemann Eldridge ins algerische Exil, weil beider Leben in den USA bedroht war. Schon 1968 nämlich begannen die zunächst friedlichen Demonstrationen zu eskalieren, gab es schließlich Tote auf beiden Seiten. Dass sie nach all dem nicht verbittert sind, sondern unbeirrt damit fortfahren, die eigenen Erfahrungen an andere, Jüngere, weiterzugeben, ist beeindruckend. Könnten sie das denn, wenn sie wirklich der Meinung wären, gar nichts erreicht zu haben? "Wir wollen mal sagen", lächelt Kathleen Cleaver, "dass die Gegenrevolution sehr fest im Sattel sitzt."

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