Zeitung Heute : Puccinis Bühnenmeister

Architekten und Bauingenieure bilden sich an der TU zum Master of Arts weiter

Maxi Leinkauf

Norman Heinrichs sitzt in einem hellen Raum in der Ackerstraße und schaut auf einen schwarzen Karton. Ein silbermetallic-glänzendes Minidach überdeckt eine Bühne aus Pappe, aus einem talergroßen Gulli steigt eine winzige Gipsfigur. Das Bühnenbild ähnelt einer Puppenstube – es ist das Modell zu Puccinis Oper „Il Trittico“, Heinrichs Abschlussarbeit. Sie besteht aus drei Teilen, ein Bild für jeden Akt. Jetzt ist sie fertig.

Jedem der 20 Studenten des Masterstudiengangs „Bühnenbild“ der Technischen Universität Berlin (TU) war das selbe Thema vorgegeben. In wenigen Tagen erhalten Heinrichs und seine Kommilitonen ihr „Master of Arts“-Diplom. Es ist ihr zweites Examen, denn alle Studierenden des Aufbaustudiengangs haben schon einen Abschluss als Architekt oder Bauingenieur. „Sie haben gelernt, Modelle technisch umzusetzen, Pläne zu zeichnen oder zu kalkulieren“, sagt Brigitte Dierker, Koordinatorin des Studiengangs. Nun werden sie an der TU-Zweigstelle in der Ost-Berliner Ackerstraße zu Bühnenbildnern ausgebildet.

„Wir wollen eine Symbiose schaffen, technisches Können mit künstlerischer Sensibilität verbinden“, sagt Brigitte Dierker. Der Umgang mit den neuen Medien ist Programm:ob elektronisches Zeichenprogramm „Autocad“ oder virtuelles Bühnenbild in 3 D-Manier, gelehrt und gelernt wird mit modernster Technik.

Norman Heinrichs hat vor seiner Weiterbildung in Dresden Technische Gebäudeausrüstung studiert. Jahrelang kümmerte er sich um Bauleitungs-Projekte, plante und managte die Installation von Klimaanlagen. „Aber das Ästhetische hat mir dabei immer gefehlt“, sagt der 39-Jährige. Als er von dem außergewöhnlichen Studiengang hörte, kündigte der Mann mit Robin Williams-Lächeln seinen Ingenieursjob, um wieder Vorlesungen zu hören.

Vier Semester lang (drei Fach- und ein Mastersemester) beschäftigten sich Heinrichs und seine Kommilitonen mit Theaterwissenschaft, Bühnenbild, Kostümbild oder Darstellungstechnik. Die einzelnen Bereiche sind als Module gegliedert. Parallel zur Theorie wird schon zu Studienbeginn gebastelt. Praxis ist alles. Die Kooperation mit Theatern ist sehr eng. Dort werden die Dozenten gewonnen und die Studenten absolvieren an den Bühnen ihre zweimonatigen Pflichtpraktika. Eine große Chance, „denn so knüpft man wichtige Kontakte“, sagt Koordinatorin Brigitte Dierker. Das klingt alles paradiesisch. Umsonst ist diese in Deutschland einmalige Zusatzqualifikation freilich nicht: 1800 Euro betragen die Semestergebühren. Mit privatwirtschaftlichen Sponsorengeldern allein wäre der Studiengang nicht realisierbar. Heinrichs und seine Kommilitonen mussten für ihren Lebensunterhalt und die Semestergebühren jobben, manchmal sogar nachts.

Pia Wessels hat ihr Puccini-Modell im Maßstab 1 zu 25 gebaut, sie ist stolz und erschöpft nach drei Monaten Dauerarbeit an dem Abschlusswerk. Gleichwohl fiel ihr die Umsetzung nicht sehr schwer: 14 Jahre lang war die blonde Enddreißigerin Kostümbildnern an Theatern und hatte also Routine im „Basteln“. Aber Kostümarbeit reichte ihr nicht. „Ich wollte mich mit Bühne beschäftigen, die Zeit hätte ich mir sonst nie genommen.“ Ein Sprung ins kalte Wasser, nicht nur finanziell. „Man weiß nie was danach kommt, es ist eine permanente Angst.“

Koordinatorin Brigitte Dierker ist da weniger pessimistisch: 70 Prozent der Absolventen seien als Assistenten an Theatern untergekommen – mit mal mehr, mal weniger Überbrückungszeit. Die Bühnen nähmen solche Absolventen mit Kusshand, sagt Dierker. Kaum verwunderlich: Die „Masters of Arts“ verstehen durch ihr Erststudium die aufwendigen Bauten und auch die Sprache der Schreiner und Techniker. Zudem sind sie universell einsetzbar, das erspart den Theatern Personalkosten.

„Wir konkurrieren mit den klassisch ausgebildeten Bühnenbildnern“, sagt Koordinatorin Dierker. Und damit liegt die Technische Universität im Trend. Leere Kassen, zusammengestrichene Budgets und verschärfter Wettbewerb unter den Bühnen. Da kommen universell einsetzbare Kräfte, die Kostüme ebenso beherrschen wie Technik und Bühnenbild, wie gerufen.

Die großen Theater sind schon aufmerksam geworden – vor allem in Berlin. Der Friedrichstadtpalast etwa veranstaltete im vergangenen Jahr einen Realisierungswettbewerb. Für die Meisterstudenten ist er Teil der Ausbildung. Wer gewinnt, darf das Bühnenbild für die kommende Show entwerfen, in diesem Herbst ist es „Münchhausen“.

Auch Absolvent Norman Heinrichs hat schon mal so ein Talente-Messen gewonnen. Er setzte seine Visionen im Bühnenbild der Produktion „Grimm Total“ des Lichtenberger Caroussel-Theaters um. Aber das Stück lief nicht sehr lange und dann wurde das ganze Material auf dem Hof verschrottet. „Das tat schon weh“, sagt Heinrichs, „andere Bauprojekte haben eine Haltbarkeit von 20 Jahren“. Trotzdem: unvorstellbar für ihn, wieder in seinem alten Beruf zu arbeiten. Wie es jetzt bei ihm weitergeht steht in den Sternen. „Wichtig ist die Leidenschaft.“ Wenn sie auch mit Risiko verbunden ist. Derzeit träumt Heinrichs von einem halben Jahr Praktikum in Kapstadt. Oder davon, seine Modelle auch praktisch umsetzen zu können. „Man bräuchte jemanden der sagt: Komm wir machen was zusammen.“

Die Studentin in spe Andrea Wild ist von solchen Überlegungen weit entfernt. Neugierig läuft sie durch die Gänge der Universität und bewundert die Modelle ihrer Vorgänger. Im Oktober fängt die diplomierte Architektin mit dem Masterstudium an. Sie sucht derzeit eine Wohnung in Berlin, ihre Stellung in Mannheim hat sie gekündigt. „Architektur mit Theater und Musik zu verbinden, das war immer mein Traum“, schwärmt sie. Wie sie sich den finanzieren wird? Andere haben es ja auch geschafft. Diese Studenten und Absolventen präsentieren vom 22.-31. Oktober im Foyer der Berliner Festspiele ihre Modelle.

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