Zeitung Heute : Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige!

Esther Kogelboom

Nein, diese Kolumne wird weder von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung noch vom Verkehrsministerium gefördert. Ich bin ohne Witz der größte Fan des Tiergartentunnels. Und jetzt ist der Hauptbahnhof fertig! Ich liebe ihn. Aber warum nur?

Letzte Nacht habe ich geträumt, dass ich dort lebe. In einer kleinen Wohnung zwischen gläsernen Fassaden, Blick Richtung Reichstag und Kanzleramt. Jeden Morgen habe ich die Auswahl zwischen 85 verschiedenen Kaffeesorten, ein Bote vom Virgin Megastore liefert zum Frühstück alle Zeitungen und aktuellen CD-Neuerscheinungen. Jeden Abend kann ich bis 22 Uhr alles einkaufen, was man braucht. Verkehrsgünstig ist es dort auch. Wenn es langweilig ist, fahre ich schnell nach Hamburg Dammtor, ein Franzbrötchen essen.

Ich finde: Wohnungen haben sie dort vergessen.

Eigentlich will ich etwas anderes erzählen. Seit einiger Zeit beobachte ich nämlich eine neue Eigenschaft an mir selbst, die etwas mit dem neuen Hauptbahnhof zu tun hat. Man denkt ja, seine Eigenschaften hat man und Schluss. Doch in Wirklichkeit funktioniert das mit den Eigenschaften so ähnlich wie diese Bettelarmbänder: Das Grundgerüst wird einem mitgegeben, die restlichen Anhänger muss man sich später dazuwünschen (oder mühevoll mit der Kneifzange entfernen).

Jedenfalls bin ich von einer Sekunde auf die andere pünktlich geworden. Ein Wunder! Früher war ich immer unpünktlich, immer. Den ganz speziellen Gesichtsausdruck der Pünktlichen, mit dem sie die Zuspätkommenden mustern, diese Mischung aus Selbstherrlichkeit und Geringschätzung, kenne ich sehr gut.

Ich war immer und überall zu spät, weil ich die Entfernungen in Berlin nicht einschätzen konnte. Wenn beispielsweise ein Seminar in der Rostlaube um zehn Uhr ct begann, stieg ich um 9 Uhr 30 mit ungeputzten Zähnen an der Bornholmer Straße in die S-Bahn. 45 Minuten, nahm, ich an, würden locker reichen. Dabei kalkulierte ich den Weg von der Wohnung zum S-Bahnhof, den Weg vom U-Bahnhof Thielplatz und das Absatz-Kopfsteinpflasterproblem blöderweise nicht mit ein. Am nächsten Morgen passierte das gleiche.

„Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige“, sagte meine elegante Freundin, die ich an der Uni kennen lernte, schon damals. Ich dachte, na ja, die Monarchie ist in Deutschland vorbei. Dann gab es auf einmal überall Mobiltelefone, so dass man sich bequem von unterwegs für sein Zuspätkommen entschuldigen oder Beschwerdeanrufe ignorieren konnte.

Aus irgendwelchen diffusen Gründen erscheine ich seit neuestem zu jeder Verabredung mindestens zehn Minuten zu früh. Dann stehe ich ratlos rum, schreibe SMS, schaue in die Luft und warte. Es ist ein seltsam schönes Gefühl, in einem Zeitloch zu stecken. Die Außenwelt dreht sich schneller, aber man kann nicht mitmachen. Es ist, als würden unsichtbare Handwerker blitzschnell eine Mauer aus Glasbausteinen um einen herum errichten. So wie in „Die Wand“ von Marlen Haushofer.

Neulich stand ich vor dem Paul-Löbe-Haus und habe die Fahrer der Abgeordneten beim Warten beobachtet – die sind natürlich echte Experten darin. Obwohl der Himmel bedeckt war, trugen alle beim Auf- und Abgehen schwarze Sonnenbrillen. Ich habe mir auch eine Fahrer-Sonnenbrille besorgt, die ich nur im Tiergartentunnel und bei der Besichtigung der unterirdischen Gummizelle der früheren Stasi-Untersuchungshaftanstalt in Hohenschönhausen von der Nase nehme. Es hilft.

Der Hauptbahnhof ist meiner Meinung nach ebenfalls ein dunkles Zeitloch – man tritt ein und wird gnadenlos absorbiert, wird von einem übergeordneten System rückstandslos aufgesaugt und bleibt doch Individuum.

Ich muss los.

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