Zeitung Heute : „Putin kann Sicherheit nicht organisieren“

Russlandexperte Halbach über das Unglück und mögliche Zusammenhänge mit der Lage in Tschetschenien

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In Russland sind fast zeitgleich zwei Flugzeuge abgestürzt. Was steckt dahinter, Herr Halbach?

Herr Halbach, was ist davon zu halten, dass der russische Geheimdienst FSB wenige Stunden nach dem Absturz der Flugzeuge die Ursache in der „Verletzung von Regeln für den zivilen Luftverkehr“ sieht?

Das ist in der Tat merkwürdig, weil der FSB sonst fast jedes Gewaltereignis in Russland der tschetschenischen Seite zuschreibt. Jetzt soll es sich um einen Pilotenfehler gehandelt oder an schlechtem Flugbenzin gelegen haben.

Was sagt es über den Zustand einer zivilen Luftfahrt aus, dass das als Absturzursache überhaupt in Betracht kommt?

Das Flugsicherheitssystem in Russland ist in keiner Weise mit dem Standard Deutschlands und Europas vergleichbar – und schon westliche Systeme sind nicht in der Lage die Gefahr eines terroristischen Anschlags im Flugverkehr völlig auszuschließen. Russland ist auch unter der vermeintlich starken Hand Putins generell nicht in der Lage, innere Sicherheit zu organisieren und zu garantieren. Man schaue sich nur die Gewaltaktionen an, wie seinerzeit die Geiselnahme im Moskauer Theater, als tschetschenische Trupps ausgestattet mit russischen Pässen durch ganz Russland reisen konnten.

Ist deshalb die Angst vor einem terroristischen Hintergrund so groß?

Möglicherweise sind die Abstürze tatsächlich Unfälle. Möglicherweise will Putin aber auch die Wahlen am Sonntag in Tschetschenien nicht belasten. Es gibt gegen Putins Politik und seinen Versuch, den Kampf gegen tschetschenische Rebellen in tschetschenische Hände zu legen, erheblichen Widerstand.

Hat der auch etwas mit der Lebenssituation der Tschetschenen zu tun?

Die Situation ist dort unsäglich. Die Arbeitslosenquote liegt zwischen 70 und 80 Prozent. Russlands Versprechungen, die Menschen zu entschädigen, die in der Kriegsphase ihre Wohnungen verloren haben, ist bisher nur zu einem winzigen Bruchteil erfüllt worden. Die Infrastruktur ist zerschlagen. Die Sicherheitslage ist so prekär, dass die Menschen Angst haben, nach ihrer Flucht in ihre alten Wohngebiete zurückzukehren.

Was macht eine Lösung so schwierig?

Die Gewalt ist im zweiten Tschetschenienkrieg ungeheuer eskaliert. Durch das Vorgehen der russischen Seite ist das starke Bedürfnis nach Rache entstanden. Vieles, was es vorher nicht gab, wie Selbstmordattentate, an denen sich Frauen beteiligen, hat diesen Hintergrund. Zudem sind die Fronten nicht mehr klar erkennbar: Es gibt Gewaltakteure verschiedener Kategorien. Einige, die sich gegen nichtmilitärische Ziele richten unter der Führung von Rebellenkommandeur Maschadow. Andere, die unter der Führung von Feldkommandeur Bassajew, dem Inbegriff des radikalen und terroristischen Flügels, schon Anschläge auf Pendlerzüge und Konzerte verübt haben. Diese Region zu befrieden, eine Verwaltung aufzubauen, von einem Rechtsstaat ganz zu schweigen, ist ungeheuer schwierig.

Gibt es Kooperationen mit Rebellen in anderen Regionen?

Es gibt eine gewisse Internationalisierung. Es gibt auch eine gewisse Islamisierung der nationalistischen Unabhängigkeitskämpfe. Aber im Prinzip handelt es sich um einen Konflikt zwischen Russland und einem abtrünnigen Landesteil.

Gehört zu der Islamisierung auch eine größere Nähe zu Al Qaida?

Das wird von Russland immer wieder angedeutet. Ich sehe da keine besondere Verbindung. Aber wir haben eine Situation in der das, wofür Al Qaida steht – eine islamistische Internationale – sich überall einmischt, wo es Konflikte gibt: in Kaschmir, in Palästina, in Indonesien. Da ist Tschetschenien keine Ausnahme.

Uwe Halbach ist Russlandexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Das Gespräch führte Michael Schmidt.

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