Zeitung Heute : Putzige Preisträgerin

Der Tagesspiegel

An ihr müssen alle vorbei, wenn sie mal müssen. Und „müssen“ muss fast jeder mal, wenn er in der Hafenbar, dem Club in der Chausseestraße, die Nacht über trinkt und tanzt. Helga Schmidt steht dann schon mit ihrem Scheuerlappen in der Hand vor den Toiletten und ruft „Ich zuerst“, wenn es einer der Gäste ganz besonders eilig hat.

Ihr beruflicher Ehrgeiz besteht nämlich darin, jedes Klo einzeln zu putzen, bevor der Nächste es benutzt. Wohl auch deswegen ist die 63-Jährige jetzt Deutschlands „Toilettenfrau des Jahres“. Der Verein „Toilettenfrau e.V.“ vergibt diesen Preis zum ersten Mal in diesem Jahr. Am 27. April wird Helga Schmidt an ihrem Arbeitsplatz in der Hafenbar „mit einem Pokal“ gekürt. Von Gregor Gysi. „Weil der ja jetzt auch für die Frauen zuständig ist, nicht nur für die Wirtschaft“, sagt die Preisträgerin. Den Gysi findet sie „ganz sympathisch“, aber wenn ein Stellvertreter vorbeikäme, sei ihr das auch egal. „Wichtig ist mir, dass die Gäste zufrieden sind.“

Und das können sie wohl sein, denn einfach nur im Vorraum zu sitzen und Kreuzworträtsel während der Arbeitszeit zu lösen, „das ist nichts für mich“, sagt die Frau mit der Stimme, die so tief ist, wie die der Bar-Damen im Fernsehen. Helga Schmidt mag es lieber praktisch: hier ein Schwätzchen, dort einen Stammgast umarmen. Und wenn jemand vom Tanzen verschwitzt gen Klo steuert, dann reicht sie ihm oder ihr ein Deo-Spray. Es kommt auch schon mal vor, dass sie einem jungen Mädchen die Hose näht. „Die hatte eine ganz enge an, die plötzlich hinten aufgeplatzt ist“, verrät sie und grinst. Als „Klofrau“ habe sie noch niemand abfällig behandelt. Ihr macht der Job Spaß. Deswegen nimmt sie auch in Kauf, dass sie kein Gehalt, sondern nur das Trinkgeld bekommt. Toilettenpapier, Seife und Scheuermittel muss sie selbst mitbringen. „Es kommt schon einiges zusammen, aber leben könnte ich ohne meine Rente davon nicht“, merkt sie an.

Gestern Abend hat sie ihren Kollegen von der Hafenbar Kartoffelsalat und Kasseler mitgebracht. Schließlich hatte sie am Montag Geburtstag, und da wollte sie „einen ausgeben“. Gearbeitet hat sie trotzdem. Was muss, das muss.Tanja Buntrock

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