Zeitung Heute : PYTHAGORAS HAT NICHT NUR  IN  MATHE  WAS ZU SAGEN

LATEIN ODER GRIECHISCH SIND AM HUMANISTISCHEN GOETHE-GYMNASIUM WILMERSDORF PFLICHT – ALS LEISTUNGSFACH. DAS IST WENIGER SCHLIMM ALS ES KLINGT. GRAMMATIKDRILL IST LÄNGST OUT

Um den Hass geht es und um die Liebe: „Odi et Amo“ steht in großen Buchstaben an der Tafel – der Beginn eines berühmten Gedichtes des römischen Dichters Catull. Begriffe schwirren durch den Raum im Erdgeschoss des Goethe-Gymnasiums: Pentameter. Optimierte Version eines Prosatextes. Reimschema. Chiasmus, Parallelismus. Gequältheit des Lyrischen Ich. Alliteration.

Meric, Dario, Vincent, Janis und die anderen aus dem Leistungskurs Latein, viertes Semester, diskutieren gerade hitzig darüber, was Dichtung ausmacht und was sie von Prosatexten unterscheidet. Seit der fünften Klasse, also seit achteinhalb Jahren lernen Meric und die anderen Latein und sind jetzt bei den Feinheiten angekommen – vor allem bei der Interpretation und Diskussion. Wirklich freiwillig ist kaum einer von ihnen in diesem Kurs. Latein oder Griechisch als Leistungsfach ist am Goethe-Gymnasium an der Gasteiner Straße in Wilmersdorf Pflicht, streng nach alter humanistischer Tradition. „Das wird von einigen Schülern als belastend empfunden“, hat Leistungskurslehrer Peter Danz vor der Stunde gesagt.

Aber hier im Kurs ist von Belastung nichts zu spüren. „Ich habe durch Latein und Griechisch extrem viel gelernt“, sagt der 19-jährige Meric, der besonders eifrig über Dichtung diskutiert hat, in der Pause begeistert. „Ein Gespür für den Umgang mit Sprache im Allgemeinen zum Beispiel, und philosophische Werte fürs Leben.“ Eigentlich hätte er ja lieber Physik als zweiten Leistungskurs gewählt. Aber jetzt ist er mit diesem hier sehr zufrieden. Für Latein und gegen Griechisch hat er sich entschieden, weil er die Sprache des alten Roms „strukturierter“ findet. „Griechisch ist dagegen manchmal ein ziemliches Kauderwelsch mit vielen Ausnahmen.“ Trotzdem war für ihn ein griechisches Werk der interessanteste Unterrichtsstoff in all den Jahren am Goethe-Gymnasium: Die Odyssee hat er mit Begeisterung übersetzt. „Ich habe dabei gemerkt, wieviel man ausdrücken kann mit der alten Sprache.“ Aber nicht nur deshalb geht er gern aufs Goethe-Gymnasium: „Ich mag es, dass der humanistische Gedanke in jedem Fach wichtig ist. Wir werden dazu erzogen, möglichst viel zu sagen und immer wird ein Bezug zu den alten Sprachen hergestellt, zum Beispiel zu Pythagoras im Matheunterricht und zu Cicero und Vergil in der Deutschstunde.“

Die Argumente von Schulleiterin Gabriele Rupprecht gehen in die gleiche Richtung: „Die Schüler lernen, die entscheidenden Texte zur menschlichen Existenz und zur Entstehung unseres Kulturkreises zu verstehen – etwa Platon und Aristoteles.“ Durch die Auseinandersetzung damit schaffe man eine „Grundlage für eine kulturelle europäische Identität.“ Außerdem entstehe durch den zeitlichen und kulturellen Abstand der antiken Texte zum Alltag der Schüler ein Vorteil. „Bei der Beschäftigung damit kommen ganz andere Erkenntnisse heraus, etwa, wenn man vor dem Hintergrund der Antike über Fremdenfeindlichkeit diskutiert.“ Vor allem beim Griechischlernen setzten sich die Schüler zudem „sehr intensiv mit Texten auseinander, die sich nicht sofort erschließen. Dabei lernen sie, sich nicht mit oberflächlichen Antworten abzufinden, sondern sich gründlich mit einem Thema auseinander zu setzen.“ Peter Danz ergänzt: „So erreicht man eine ganz andere Ebene der Sprachreflexion.“ Und immerhin werden an der Schule auch noch mehrere moderne Sprachen neben Englisch gelehrt: Französisch kann als vierte Fremdsprache von der elften Klasse an gewählt werden, wird aber schon für die zehnte als Arbeitsgemeinschaft angeboten. Weitere AGs gibt es für Italienisch und Russisch.

Trotzdem verlassen nach der sechsten Klasse in manchen Jahrgängen mehrere Schüler die Schule: Grundschulflüchtlinge, nennt Schulleiterin Rupprecht diese Kinder. „Die wechseln auf eine Schule, wo sie es leichter haben.“ Das Goethe-Gymnasium sei bekannt für hohe Leistungsanforderungen. Danz ergänzt: „Besonders Latein und Griechisch werden als schwer wahrgenommen. Aber das heißt nicht, dass die beiden Fächer das auch tatsächlich sind.“ Es gebe längst kaum noch den traditionellen „Grammatikdrill“. Die Bücher für die Anfänger seien inzwischen wesentlich kindgerechter als noch vor zehn Jahren. Oft würden Spiele in den Unterricht integriert und es gehe von Anfang an um Inhalte, nicht nur um die Grammatik: um Mythologie, Geschichte, Theater. Trotzdem sei vor allem Griechisch noch immer nicht so „akzeptiert“ bei den Schülern.

Amadeus sieht das anders. Der Achtklässler ist ursprünglich „wegen Latein“ auf das altsprachliche Gymnasium gegangen. Griechisch war für ihn anfangs nur Beigabe. Aber inzwischen lernt er es seit einem halben Jahr und es gefällt es ihm wesentlich besser als Latein: „Vor allem das Schreiben ist lustig.“ Amadeus sitzt neben Yasemin in der letzten Reihe seiner Klasse. Die beiden 14-Jährigen sind gerade in eine ernsthafte Diskussion über den Kasus eines griechischen Adjektivs in einer Aufgabe vertieft. Kurz zuvor hat Lehrerin Ursula Neuß Aufgabenblätter verteilt, mit denen sich die Schüler gegenseitig mündlich im Deklinieren von Adjektiven testen sollen – im Flüsterton, hatte sich die Lehrerin gewünscht. „Und vermeidet es, die Antworten gleich mit vorzulesen.“

Das Stimmengewirr beim Üben wird doch ziemlich laut. Aber alle konzentrieren sich. Yasemin fragt Amadeus nach dem nächsten Adjektiv: megas. Das Wort ist an diesem Tag neu für die Schüler, die Lehrerin hat es früher in der Stunde gemeinsam Benjamin aus der ersten Reihe mithilfe eins Fremdwortes erklärt: „Megalomanie“ bedeutet „Größenwahn“, und „megas“ deshalb „groß“. Nur: Welche ist jetzt gerade die richtige Deklination? Amadeus guckt nachdenklich – und zwar demonstrativ: Er kneift ein Auge zu und spitzt die Lippen. Dann antwortet er, zieht die vorletzte Silbe ins Endlose, während er noch weiter nachdenkt, bis er wesentlich leiser und kürzer die letzte, entscheidenden Silbe ausspricht und dabei die Stimme wie bei einer Frage anhebt. „Falsch“, sagt Yasemin. „Wir brauchen den Nominativ.“ Ach so! Jetzt ist es nicht mehr so schwierig.

Als alle Formen auf dem Zettel abgehakt sind, hat Amadeus Zeit, zu erzählen, dass er besonders den Schulhof mit dem kleinen Amphitheater mag, wo im Sommer manchmal der Unterricht draußen stattfindet. Und Yasemin berichtet, dass sie Geige im Schulorchester spielt. Neben der Antike spielt auch die Musik eine wichtige Rolle an der Schule: etwa 150 der 800 Schüler lernen ein Instrument. Und wer gut genug ist, spielt in einer von mehreren Jazzbands – je nach Können. Die besten sind gemeinsam mit Schülern des Arndt-Gymnasiums in der „United Big Band“ – und schon mit dem Jazzmusiker Till Brönner aufgetreten.

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