Zeitung Heute : Quadratisch, praktisch, Trumpf

Der Tagesspiegel

Erst wurden sie als „Arbeiterschließfächer“ bezeichnet und mies gemacht. Jetzt sind sie Trumpf: DDR-Plattenbauten. Inzwischen gibt es sogar ein Quartettspiel, in dem vorwiegend graue Betonsilos die Hauptrolle spielen.

Der 33-jährige Architekt Cornelius Mangold hatte die Idee zu dieser ungewöhnlichen Freizeitbeschäftigung. Als er Anfang der 90er Jahre von Hamburg nach Berlin kam, fielen ihm die vielen genormten Hochhäuser im Ostteil der Stadt auf. „Ich war neugierig und wollte einfach mehr über die Bauten wissen“, sagt er. Doch was er in Bibliotheken und Archiven fand, war wenig hilfreich. „Haufenweise Zahlen über irgendwelche Planerfüllungen, aber nichts über die architektonische Qualität“, erinnert er sich. So drang er neben seinem Examen-Thema „Plattenbauten“ noch tiefer in die Geschichte der DDR-Baukultur vor. Er sprach mit Architekten, Planern und mit Firmen, die aus einstigen DDR-Betrieben hervorgegangen waren. Mangold hat auf seiner Spurensuche auch jede Menge Plattenbauten fotografiert. Aber nur unsanierte, um das Ursprüngliche, Unverfälschte zu zeigen. Und auf den zweiten Blick hat er viele Unterschiede entdeckt. Mit seinem Quartettspiel tritt der Erfinder jetzt den Beweis an: Von „Einheitsbrei“ könne bei DDR-Plattenbauten keine Rede sein. Schließlich gebe es ganz verschiedene Fassadengestaltungen.

Mangold hat sie in seinem Spiel in drei Gruppen unterteilt. Da wäre zunächst der vornehm graue Beton, den wohl die meisten Leute als hässlich bezeichnen würden. Dann gibt es eine Mischung aus farbigen Keramikfliesen und Beton sowie die pure Keramik-Außenwandplatte. Wie bei einem Quartett üblich, gehören jeweils vier Motive zu einer Gruppe. Die insgesamt 32 Spielkarten gleichen einem Mini-Lexikon.

Unter dem Foto sind Straße, Bezirk und mehrere Kennwerte zum Haus wie Geschosszahl, Jahr der Fertigstellung oder Elementbreite vermerkt. Wer die Karte mit dem eher unscheinbaren Gebäude am Weißenseer Weg in Lichtenberg auf der Hand hat, ist dem Sieg ganz nah: „Die Geschosszahl liegt mit 18 bis 21 am höchsten und auch die 269 Wohneinheiten sind Spitze“, sagt der Erfinder.

Überrascht ist Mangold von der durchweg positiven Resonanz. Viele Stadtplaner, Architekten und Plattenbau-Bewohner interessieren sich für das Spiel. Zurzeit ist die vierte Auflage in der Spielkartenfabrik Altenburg im Druck. Ungefähr 10 000 Sätze wurden bislang verkauft. „Nicht nur in Deutschland“, sagt Mangold, „auch in Japan und Amerika“. Es werde auf jeden Fall ein Fortsetzungsspiel geben. Mehr will Mangold aber nicht verraten. Noch trifft er sich manchmal mit Freunden zu seinem ersten Quartett. Und dann werden Kindheitserinnerungen wach – auch wenn sich die Karten damals eher um Tiere und Autos drehten. Dass Mangold die unsanierten Plattenbauten sogar schön findet, können viele Bekannte nicht verstehen. „Darauf kann auch nur ein Wessi kommen“, heißt es dann. bey

Das Quartettspiel „Plattenbauten - Berliner Betonerzeugnisse“ gibt es für 12,50 Euro in Buchläden oder unter www.superclub.de .

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