Zeitung Heute : Qualifikation bei der Arbeit

Die arbeitsprozessorientierte Weiterbildung bietet IT-Spezialisten international anerkannte Berufsabschlüsse

Paul Janositz

„Der Prüfling kommt richtig ins Schwitzen“, sagt Peter Schisler. Das liegt nicht nur an den hochsommerlichen Temperaturen, die derzeit in Berlin herrschen. Das Examen am L4-Institut in Mitte selbst ist schweißtreibend, schließlich handelt es sich um eine Premiere. „Dieser Prüfungszyklus ist die bundesweit erste APO-Zertifizierung von Multimedia-Developern“, erklärt Schisler, Geschäftsführer der Weiterbildungseinrichtung für Berufe im Bereich der Telekommunikation.

„APO“ ist die Abkürzung für „Arbeitsprozessorientierte Weiterbildung“. Der Begriff drückt aus, worum es geht. Der Lernort ist nicht, wie sonst oft bei Weiterbildungskursen, der Seminarraum, es ist vielmehr der Arbeitsplatz.

Ein neues Denken im System der Weiterbildung: Das Lernen orientiert sich an konkreten Anforderungen im Arbeitsumfeld. Bearbeitet werden nicht vom Lehrer erdachte Aufgaben sondern reale Projekte. Es geht um Arbeit, die im Unternehmen unabhängig von Weiterbildung erledigt werden muss.

„Die Projekte sollen herausfordernd sein“, sagt Katja Manski, Projektleiterin von „APO IT“ beim Berliner Fraunhofer-Institut für Software und Systemtechnik (ISST). „IT“ steht für Informationstechnologie, die Branche, in der zuerst die neue Philosophie der Weiterbildung praktiziert wird. Im IT-Bereich gab es lange Zeit nur wenig strukturierte Aus- und Weiterbildung. Dafür aber viele klangvolle Bezeichnungen – allesamt ungeschützt – wie Java-Entwickler, Netzwerktechniker, Webmaster oder Systemadministrator. Die Liste ließe sich zu mehreren hundert Begriffen addieren.

Namen sind Schall und Rauch, zumindest in den Boomjahren um die Jahrtausendwende dachte man so. Die Nachfrage nach Mitarbeitern explodierte, nicht nur in großen Unternehmen. Auch viele neu gegründete Unternehmen, die Start-Ups, stellten Quereinsteiger ein, die sich Kenntnisse oft nach dem Motto „learning by doing“ angeeignet hatten.

Als die Blase platzte, gingen schnell Hunderttausende von Jobs verloren, auch die Anforderungen an die Mitarbeiter stiegen. Zusätzliche Kenntnisse, in Prozessmanagement, Marketing oder Verkauf, waren gefragt. Jetzt fiel der Mangel an Ausbildungsstandards auf. Vier von fünf IT-Fachkräften haben weder anerkannten Berufsabschluss noch ein Studiendiplom, sagt der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI).

Die schnelllebige Branche strebt mittlerweile nach festeren Strukturen. Was ansonsten selten passiert, geschah Ende 2002 in Berlin. Die Sozialpartner, Arbeitgeber-Verbände und Gewerkschaften, waren sich einig. Sie gründeten den Verein „Quit“, mit dem Ziel, die Qualität der IT-Weiterbildung zu fördern.

Beteiligt sind der Bundesverband Informationstechnik, Telekommunikation und neue Medien (BITKOM), ZVEI sowie IG Metall und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Ebenfalls mit von der Partie sind die Gesellschaft für Informatik und die Fraunhofer-Gesellschaft.

Die Politik war Geburtshelfer. Bildungsministerin Edelgard Bulmahn erkannte die Chance, neues Denken bei der Weiterbildung zu fördern. Welche andere Branche als der chaotisch strukturierte IT-Sektor wäre dafür so gut geeignet? Mai 2002 trat die IT-Fortbildungsverordnung in Kraft. Dann gab es drei Millionen Euro Fördermittel zur Entwicklung von Lernsoftware sowie 2,3 Millionen Euro für das ISST–Team, um entsprechende Konzepte zu erarbeiten.

Ende September 2004 läuft die finanzielle Hilfe aus, und das Ergebnis beschränkt sich – anders sonst bei Förderprojekten oft üblich – nicht auf einen dicken Berichtsband. Zu Buche schlagen vielmehr konkrete Projekte, die Entwicklung von Berufsprofilen und die Erarbeitung von Zertifizierungskriterien.

Die Grundzüge arbeitsprozessorientierte Weiterbildung wurden entwickelt und in diversen Betrieben, etwa bei der Deutschen Telekom, bereits erprobt. Die einzelnen Schritte des Lernprozess werden dokumentiert, die Dokumentation dient als Grundlage für spätere Prüfung und Zertifizierung. Allein gelassen sind die Mitarbeiter bei der Qualifikation jedoch nicht.

Ihnen zur Seite steht ein „Lernprozessbegleiter“, der bei der Auswahl des Projekts und bei der Abfassung der Dokumentation hilft. „Das sollte eine methodisch geschulte Person mit Coaching-Erfahrung sein“, erklärt Manski. Die Experten können betriebsinterne Spezialisten sein oder auch von außerhalb, etwa von Bildungsinstituten, kommen. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen können von diesem System profitieren.

Denn sie haben keine großen personellen Reserven, um sich die Weiterbildung der Mitarbeiter kümmern zu können. Ebenso wenig können sie sich längerfristige Freistellung ihrer Mitarbeiter leisten. Zudem sind die Inhalte auf die tägliche Arbeit bezogen und damit direkt auf die betrieblichen Notwendigkeiten bezogen. Der Lernerfolg kommt den m Unternehmen direkt zu Gute.

So einleuchtend der Nutzen für die Betriebe ist, für den Weiterbildungsteilnehmer ist die Frage des Qualifikationsnachweises entscheidend. Wie soll die Zertifizierung erfolgen? Denn ohne standardisierte Abschlüsse besteht die Gefahr, bei einem Betriebswechsel wieder von vorne anfangen zu müssen.

Experte in diesen Fragen ist Michael Gamer. Der Mathematiker arbeitet bei „Tenovis“, der früheren Telenorma in Frankfurt. Das Unternehmen bietet Systemlösungen im Telekommunikationsbereich an. Gamer hat sich im Betrieb und in internationalem Bereich auf Weiterbildung spezialisiert und leitet das IT-Sektorkommitee, das sich mit der Zertifizierung nach international gültigen Normen beschäftigt. „Im IT-Bereich ist eine Prüfungsstruktur entscheidend, die international anerkannt ist“, erklärt Gamer.

Es geht um die Qualifikation von Personen und dafür gibt es – entsprechend der Zertifizierung von Systemen, beispielsweise des Qualitätsmanagement nach ISO 9000 – auch Normen, etwa ISO 17024. Für deutsche Unternehmen und die IT-Mitarbeiter komme es darauf an, „bei Qualifizierung und Zertifizierung vorne dabei zu sein“, sagt Gamer.

Das sei nicht zuletzt im internationalen Wettbewerb etwa mit den neuen Beitrittsländern der EU wichtig. Die Zertifizierung von personenbezogenen Handlungskompetenzen verlangt – so Gamer – nach unabhängigen Prüfern, die nicht aus Weiterbildungseinrichtungen kommen dürfen. Auch der Besuch bestimmter Lehrgänge wird nicht vorausgesetzt. Diese Bedingungen treffen auf den Prozess der APO-Qualifizierung zu.

Mittlerweile sind für den IT-Sektor 29 Spezialistenprofile ausgearbeitet worden, für die Zertifizierungen möglich sind. Das geht vom „Software Developer“ oder „IT-Projekt Coordinator“ über „Knowledge Management Systems „Developer“ und „Security Technician“ bis zum „Web Administrator“ oder „IT Sales Advisor“. Später können die IT-Spezialisten zwei weitere Qualifizierungsstufen erklimmen. Auf den „Operativen Professional“ folgt als höchste Stufe der „Strategische Professional“.

Zuständig sind Zertifizierungsstellen, die von der Trägergemeinschaft für Akkreditierungen zugelassen wurden. Die Nase vorn hatte die Berliner einrichtung „Cert-IT. die im September 2003 zugelassen wurde. Mittlerweile ist „IHK Cert“ in Düsseldorf gefolgt. Im September ist „gps-cert“ in Augsburg soweit.

Die Zertifizierungsstellen begleiten den APO-Prozess, von der Annahme des Antrags über die Ausgabe der Musterdokumentation bis zur Prüfung. Der Teilnehmer dokumentiert die beruflichen Handlungen, die zum angestrebten Profil gehören. Nach üblicherweise sechs bis neun Monaten – formal sind bis zu zwei Jahre möglich – wird die Dokumentation der Zertifizierungsstelle vorgelegt. Schließlich findet eine mündliche Prüfung, ein Fachgespräch, statt.

An dieser Stelle sind die Prüflinge bei L4-Weiterbildung angelangt, die sich ihre Kompetenz in Entwicklung von Multimedia zertifizieren lassen wollen. Allerdings sind die Teilnehmer des achtmonatigem Kurses derzeit nicht in einem Betrieb beschäftigt. Sie kamen mit einem Bildungsgutschein des Arbeitsamtes.

„Die APO-Teilnehmer haben reale Prozesse von der Akquise bis zum fertigen Produkt absolviert“, erklärt Geschäftsführer Schisler. Das Zertifikat soll beim Berufseinstieg helfen. Doch gibt es derzeit überhaupt Chancen? Der IT-Branche geht es noch nicht gut, sagt Tenovis-Mitarbeiter Gamer. „Doch ich habe den Eindruck, es kommt langsam in Gang.“ Wenn es wirklich losgeht, haben Bewerber mit Zertifikat sicher gute Karten.

Darüber freuen sich schon die Teilnehmer der APO-IT-Weiterbildung, die das Stuttgarter „Elektro Technologie Zentrum“ (etz) jetzt durchgeführt hat. Die Arbeitgeber der 15 zertifizierten „IT-Systemadministratoren kamen vor allem aus dem Handwerk, aber auch etwa von der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen. Im nächsten Jahr soll eine Weiterbildung zum Softwareentwickler stattfinden.

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