Zeitung Heute : Qualität des Suchens: Tauschbörsen wie Napster und Gnutella oftmals effektiver als herkömmliche Agenten

Oliver Küch

Napster, Metallicster, Gnutella, Pointera, Freenet, Imesh - soweit eine kleine Liste der Tausch- und Suchsysteme, denen die Phonoindustrie zusammen mit dem MP3-Format lieber heute als morgen den gar ausmachen möchte. Nach Ansicht der Plattenbranche verursachen diese Systeme immense Umsatzverluste. So wurde es oft geschrieben, oft gelesen und oft geglaubt, bis eine Umfrage das Gegenteil behauptete und ein Gerichtsurteil ins Gespräch kam. Plötzlich stehen technische Möglichkeiten im Vordergrund, die einige der dringendsten Internetprobleme lösen könnten und legale Nutzungsmöglichkeiten eröffnen.

Eine von der Digital Media Association in Auftrag gegebene Studie bestreitet, dass Napster den Kauf von CDs maßgeblich negativ beeinflusst. Viele der Teilnehmer scheinen die Musik aus dem Netz vor allem deshalb zu hören, weil sie mit den Programmen der Radiostationen unzufrieden sind. Rund 60 Prozent der von der Firma Yankelovich und Partner am Telefon-Befragten gaben an, sich trotz kostenlosem Herunterladen von MP3-Dateien aus dem Internet CDs zu kaufen. Dieselben Leute würde der Studie zufolge die Musik auch an Ort und Stelle im Internet kaufen, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten.

Ob diese Zahlen nun stimmen oder nicht, die Phonoindustrie wird die Studie nicht sehr beeindrucken. Dennoch lassen nicht zuletzt auch die im letzten Quartal um acht Prozent gestiegenen US-Umsatzzahlen der Phonoindustrie Zweifel daran zu, ob der gerichtliche Katzenjammer der Recording Industry Association of America (RIAA) wirklich durch wirtschaftliche Einbußen gerechtfertigt ist.

Außerdem kann man selbst ohne Internet heute schon MP3 hören. Im deutschen Kabelnetz wird in einer Auslastlücke des Videotext-Bereichs von NBC ein MP3-Radio gesendet. Hat man die die nötige Software besorgt hat, kann man also sogar ohne hohe Telefonkosten stundenlang Musik auf die Festplatte laden und sich nachher die gewünschten Titel rauspicken.

Wenn man die juristisch-moralische Ebene einmal kurz ausblendet, fällt besonders eins auf: Die Tauschsysteme zeichnen sich durch extreme Fortschrittlichkeit aus und lösen einige der drängensten Probleme des heutigen Internet. Napster ist ein völlig neuartiges Suchprogramm. Würde man damit zum Beispiel Druckertreiber oder andere wichtige Informationen suchen können, dann würde wohl niemand darauf verzichten wollen. Genau dies leistet Gnutella, ein Clone-Programm, das nach Napsters Vorbild programmiert wurde und mit dem man prinzipiell alles suchen kann.

Wer heute etwas sucht, muss sich erst durch zahlreiche Nullnummern klicken, bis er Erfolg hat. Heute sind die Suchmaschinen verstopft, deren Keyword-System ohnehin oft von Marketingexperten ausgetrickst. "Ich glaube, dass Gnutella die Art und Weise verändern wird, in der wir das Internet durchsuchen", sagt Gene Kan, Pressesprecher des Gnutella-Projektes. Dass diese Meinung keine Zukunftsmusik ist, beweist zum Beispiel die Demoversion von Infrasearch.

Legale Nutzungsmöglichkeiten gibt es für Khan mehr als genug. "Suchmaschinen für das Netz, Suche nach Informationen und Berichten innerhalb großer Unternehmen. Wenn sie an Suchen denken, denken sie an Gnutella", wirbt er. Die Firma sightsound.com glaubt ihm scheinbar und will über das Tool demnächst ihre Video-Filme verschlüsselt vertreiben. Aber die Tauschsysteme steigern nicht nur die Sucheffektivität sondern verbessern auch die Verteilung bei der Netzauslastung.

Angenommen, viele Benutzer wollten sich von einem amerikanischen Surfer zeitgleich die neuesten Zeugenaussagen in einem Präsidentenprozess herunterladen, dann würde es normalerweise zu Verstopfungen kommen. Freenet kopiert die Daten hingegen automatisch und platziert sie auf Servern, die möglichst nahe an den Nutzern sind. Mehrere Kopien verhindern Engpässe, regelmäßig benutzte Daten würden so nie verloren gehen. Solche, die keiner braucht, verschwinden automatisch irgendwann.

Aber zurück in den Gerichtsraum: Auch dort gewinnen die legalen Nutzungsmöglichkeiten inzwischen eine neue Dimension. Napster-Anwälte gruben nämlich das Betamax-Urteil aus dem Jahr 1983 aus. Dementsprechend könnte Napster im laufenden Prozeß gegen die RIAA eventuell den Kopf aus der gerichtlichen Schlinge ziehen, wenn es legale Nutzungsmöglichkeiten des eigenen Programms nachweisen könnte.

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