Qualitäts-Check im Pflegeheim : Flüchtet schnell und weit!

Für alles gibt es einen Qualitäts-Check. Und in allen Qualitäts-Checks gibt es fast immer Bestnoten. Unser Kolumnist Bernd Matthies findet das - supertoll!

Tüv im Pflegeheim - Vorsicht ist geboten.
Tüv im Pflegeheim - Vorsicht ist geboten.Foto: dpa

Das Mantra der zivilisatorischen Moderne ist der Qualitäts-Check. Der Tüv hat einst bei den Autos damit angefangen, heute gibt es für alles einen Tüff. Unzählige Formulare werden ausgefüllt, unzählige Dokumentationen geführt, damit wir keinen stinkenden Fisch kaufen, uns nicht auf wackligen Leitern in den Apfelbaum stellen und im Pflegeheim nicht wundliegen. Oft ist der Papierkrieg über einen Vorgang zeitraubender als der Vorgang selbst – und dann nützt das Ganze noch nicht mal was.

Wer beispielsweise ab und zu ein Pflegeheim besucht, der erkennt verwundert: Die meisten haben eine „1“ bei der Qualitätsprüfung durch die Krankenkassen, also die Bestnote. Also alles super? Nicht ganz, sagt der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, wenn ein Heim zum Beispiel häufig bei der Verteilung die Medikamente verwechsle, dann könne es diesen groben Fehler dadurch ausgleichen, dass es die Speisekarte für die Patienten in besonders großen Buchstaben drucke.

Sollte die Note eines Hauses also tatsächlich auf 1,5 oder darunter fallen, kann man den Insassen nur raten, so schnell und weit zu flüchten, wie es der Rollator erlaubt.

In Deutschland – das können auch zahlreiche Oberstufenlehrer mit Abitur-Erfahrung bestätigen – hat sich generell die Sitte eingebürgert, eigentlich jede erdenkliche Leistung supertoll zu nennen. Wo sie es dann aber überdeutlich doch nicht ist, wird zumindest eine Ausgleichsmöglichkeit geschaffen, die auch der letzte Volltrottel unmöglich verfehlen kann.

Ein anderer Fall: In den Betrieben ist es so, dass enorm viel Zeit auf das Erkennen sogenannter Minderleister verwendet wird. Doch nun zitiert das Bundesarbeitsgericht eine Universitäts-Studie, nach der 87 Prozent der ausgewerteten Arbeitszeugnisse eine gute oder sehr gute Bewertung enthielten. Wer nur den Satz „zu unserer vollen Zufriedenheit“ nachgeworfen bekommt, der der Schulnote „Befriedigend“ entspricht, der muss das, wie es soeben geschehen ist, bis rauf zum Bundesarbeitsgericht schleppen, damit er überhaupt mal wieder in die Nähe eines Bewerbungsgesprächs kommt.

Es gibt also noch ehrliche Bewertungen, nur eben auf veränderter Skala, von 1,0 für „Super“ bis 1,9 für „Vergiss es“. Damit kommen wir noch ein paar Jahre zurecht. Und wenn es alle gemerkt haben, dann führen wir notfalls die zweite Kommastelle ein. Note 1,09? Totalversager!

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