Zeitung Heute : Quarré

Magerer Salat und Allesverloren

Elisabeth Binder

Quarré im Hotel Adlon, Unter den Linden 77, Mitte, Tel. 2261-1555, Lunch 12 bis 15 Uhr, Abendessen 18 bis 23 Uhr. Foto: Doris Klaas

Mit dem Frühling kommt die Zeit, in der auch vernünftige Menschen Gefahr laufen, im Restaurant Quarré essen zu müssen. Besucher von außerhalb halten es ja für ein unschlagbares Berlin-Erlebnis, im Adlon zu essen. Wie erwehren sie sich dort nun der Besuchermassen, die ein solcher Eindruck normalerweise nach sich zieht? Nein, dankenswerterweise nicht mit Hilfe von bulligen Security-Guards, sondern sehr diskret und elegant mit einem der miserabelsten Preis-Leistungs-Verhältnisse, das die Stadt zu bieten hat. Weswegen es auch nie so ganz voll ist. Das allerdings ist ein Segen, denn auch so schon wird die Kapazität des Personals bis aufs Letzte ausgequetscht.

War der Barmann noch sehr gelassen und freundlich, ging es im Restaurant einfach nur hektisch zu. Erst bekamen wir gar keine Karte, dann die Lunchkarte, obwohl es schon dunkel war. Bis die Abendkarte und später sogar noch eine Weinkarte erobert waren, mussten wir uns mehrfach bemerkbar machen. Wobei die Kellner bei aller Atemlosigkeit freundlich waren, es hätten nur, da es sich ja angeblich um ein Luxushotel handelt, gern doppelt so viele sein dürfen.

Nachdem wir uns für einen der mit Abstand preiswertesten Weine entschieden hatten, einen südafrikanischen 2005er Shiraz mit dem schönen Namen „Allesverloren“ (50 Euro), tat sich erst mal gar nichts. Wasser kam, Brot kam, sogar mit Butter. Das Amuse Gueule, das man eigentlich hätte erwarten können, schwänzte, aber die Vorspeise trat auf. Dann unterbrach die Nachricht, der „Allesverloren“ sei leider aus, das Tischgespräch. Noch mal die Karte studiert, etwas anderes ausgesucht, nur um dann zu erfahren, dass „Allesverloren“ eben doch nicht ganz verloren, sondern soeben eingetroffen sei.

Der gemischte Salat war mager, ohne jeden Sättigungsakzent in Gestalt von Schinken, Thunfisch, Käse oder auch nur ein paar Körnern, aber als Schlankmacher ganz ordentlich, wilde Blätter gezähmt von einem sauberen, weißen Dressing, dazu geschnittene Maiskölbchen, Radieschen, Zucchini, Kirschtomaten (14 Euro). Warum man Lachsforelle und Linsencremesuppe zu einer Zwangsehe verdonnern muss, hat sich uns geschmacklich nicht erschlossen. Vielleicht weil es so hübsch alliteriert? Nachdem die junge Kellnerin nach einigem Herumirren den Zieltisch endlich gefunden hatte, wurde die Suppe aber sehr schön feierlich aus einer silbernen Terrine auf einen Teller mit Linsen und Lachs gegossen. Und sie war noch nicht ganz so kalt wie der Salat (14 Euro).

Auch die Hauptgänge verkühlten sich vor unseren Augen, weil es wieder eine kleine Suchodyssee gab. Sollte man in einem sehr vornehm sein wollenden Restaurant „Hallo, hierher!“ schreien, wenn die Kellner einen einfach nicht finden, weil man vielleicht vergessen hat, sich einen roten Hut aufzusetzen? Ich hab’s dann doch gelassen. Vielleicht könnte man den Mangel an Kellnern auch einfach durch eine bessere Logistik ausgleichen.

Das Lammkarree war nicht zart, aber auch nicht zäh, mit einer schönen Kräuterkruste und angenehm die Zunge massierenden Etuden zum Thema Aubergine (29 Euro). Das Doradenfilet Royal trug Haut und darauf interessanterweise Tomaten, ringsum waren Champignons und zarte Artischockenböden drapiert (25 Euro). Das war wirklich nicht schlecht.

Als mir irgendwann mal die Serviette auf den Boden rutschte, wurde sie zwar erstaunlich rasch aufgehoben, aber dann mitgenommen und nicht ersetzt. Zur Dessertauswahl bekamen wir wieder die Lunchkarte. Ein pompöser Becher mit Erdbeeren Romanow erinnerte an die Cafés der Wilmersdorfer Witwen, in denen das Sahne-Soll immer gerne übererfüllt wird (15 Euro). Das deutlich schlankere und feinere Zitronengranité kam erst, nachdem wir es angemahnt hatten.

Natürlich ist es herrlich, beim Essen direkt aufs angestrahlte Brandenburger Tor zu blicken. Dieser Anblick sollte bei einer Rechnung von knapp 200 Euro für drei nicht sehr außergewöhnliche Gänge und einen der billigsten Rotweine, den diese Karte zu bieten hat, aber nicht der einzige Luxus sein.

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