Zeitung Heute : Quartier der Zumutungen

Sie hat die Gewalt und die Brutalität direkt vor der Haustür: Seit 25 Jahren wohnt sie in Neukölln – aber sie will hier bleiben

Marc Neller

Als die Freunde anfingen, Häuser zu bauen, ist sie nach Neukölln gezogen. Sie wollte kein Haus bauen, aber in Neukölln wollte sie am Anfang eigentlich auch nicht leben. War damals schon ein Problembezirk, nicht die Gegend in Berlin, in der man mal seine Kinder in die Schule schicken will, sagt sie.

Maria Rettig* war Mitte 20 und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität, als sie schließlich doch mit ihrem Mann in die Karl-Marx-Straße zog, eine der Ausfallstraßen Neuköllns. Ihr Mann, ein Therapeut, wollte seine Praxis dort haben, wo seine Klienten wohnten. Sie fanden jene großzügige Wohnung im ersten Stock, in der Maria Rettig inzwischen alleine mit ihren beiden Söhnen wohnt. Die Miete war unschlagbar günstig, und es gab Räume für seine Praxis nur ein Stockwerk darüber. Diesen Luxus, sagt Maria Rettig, hätten sie damals nirgends sonst in der Stadt bezahlen können.

Das ist 25 Jahre her. Maria Rettig ist 51, eine kleine Frau mit langen dunkelblonden Haaren und einem strahlenden Gesicht. Etwas hat sich ereignet, in einem verborgenen Winkel ihrer Seele. Sie hat ein Gebiet betreten, von dessen Vorhandensein sie nichts wusste. Es dauerte, aber irgendwann stellte sich das Gefühl ein, dass sie doch gerne in dieser Gegend wohnt. Sie mochte die breite laute Straße, das raue Leben, das sich vor ihrer Tür abspielt. Dafür hat sie sich damit arrangiert, dass immer wieder mal ein Briefkasten im Haus brennt, weil jemand eine Zigarette hineingeworfen hat. Dass die Nachbarin im Nebenhaus ständig lautstark mit ihrem Lebensgefährten zankt und dabei öfter mal Geschirr an der Wand zerschellt. Und dass ihre Söhne manchmal ohne Handy oder Geld nach Hause kamen, weil Jugendliche ihnen Schläge angedroht haben.

Sie wohnt in Neukölln. Sie arbeitet in Berlin, München, Hamburg, je nachdem, wo Firmen sie hinbestellen, die wollen, dass ihre Manager für Führungsaufgaben geschult werden. Es sind große Unternehmen darunter, deren Namen nach Geld klingen. Der Widerspruch zwischen der Welt, in der Maria Rettig lebt, und derjenigen, in der sie arbeitet, könnte kaum größer sein.

Rein äußerlich betrachtet könnte man sagen, sie hat einen Weg gefunden, mit dem sie in keiner dieser beiden Welten sonderlich auffallen würde. Strickpulli mit V-Ausschnitt, Rock, um den Hals eine Kette mit großen Steinen, alles in einem passenden Braunton. Sie sagt, Business-Kostüme seien nicht ihre Sache.

Nur manchmal kommt Maria Rettig der Gedanke, dass sie endlich wegziehen sollte. Zuletzt vor ein paar Tagen. Angefangen hat es mit dem Film „Knallhart“, dessen Thema die Gewalt auf den Straßen ist und der in Neukölln spielt. Dann wurde fünf Gehminuten von ihrer Wohnung entfernt ein Polizist erschossen, er versuchte einen Räuber zu stoppen. Vor ein paar Tagen wurde das Operncafé schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite, in das sie gerne geht, ausgeraubt. Und nun die Sache mit der Rütli-Schule. Seit Tagen berichten die Medien über Gewalt in Neukölln.

„Es scheint, als hätte das ganze Land seine Blicke auf den Bezirk gerichtet“, sagt Maria Rettig. Sie könnte ebenso gut sagen, es ist, als hätte sich rund um ihren Wohnort die düstere Atmosphäre der ganzen Stadt abgesetzt. Wieder einmal.

Denn wer von Neukölln spricht, meint meist den Norden, der seit Jahren als Brennpunkt gilt. Rund 150 000 Menschen leben hier, vier von zehn sind arbeitslos, mehr als andernorts in Deutschland, viele von ihnen leben unterhalb der Armutsgrenze. Die Magistralen, die durch den Bezirk führen, sind fest in ausländischer Hand. Die Sonnenallee gehört den Arabern, die Karl-Marx-Straße den Türken. Deutsch ist nicht die Sprache, die auf der Straße gesprochen wird, der Ausländeranteil liegt in einigen Gegenden bei 40 Prozent. Die Vermittler in einem der größten Jobcenter der Republik betreuen Jugendliche, die keinen Schulabschluss haben und keine Aussicht auf Arbeit und die Kinder kriegen, obwohl sie selbst noch Kinder sind. Politiker und Soziologen sprechen oft von „Bildungsferne“ und der daraus resultierenden Perspektivlosigkeit, wenn sie die Ursachen dieser Entwicklung erklären.

Mit deren Folgen befassen sich zum Beispiel Menschen wie Rainer Noack. Er leitet das Kommissariat für Jugendgruppengewalt, und seine Beamten haben derzeit mehr zu tun als gewöhnlich. Über 100 registrierte Straftaten im Februar, dazu knapp 40 Fälle von gefährlicher Körperverletzung. Der März lief ähnlich.

Noack ist 43 Jahre alt, ein Mann mit einem dünnen Oberlippenbärtchen, kurzärmligem Hemd und ausgebeulten Jeans, den man sich auch als Sozialarbeiter vorstellen könnte. Wenn man Noack nach den Gründen fragt, warum er und die Kollegen so viel zu tun haben, antwortet er knapp: „Jungs aus kinderreichen Familien, meist ohne Zukunftsaussichten.“ Er meint Kinder, die mit ihren Familien in zweieinhalb Zimmern zusammenleben. Mit Wohnzimmer, Elternschlafzimmer und einem Raum, in dem tagsüber fünf, sechs oder sieben Matratzen für die Geschwister an die Wand gestellt werden. Während die Mädchen nach der Schule nach Hause müssen, sind die Jungs bis in die Nacht draußen unterwegs. Denen gehöre die Straße, sagt Noack.

Einer dieser Jugendlichen hat Noack in letzter Zeit besondere Schwierigkeiten bereitet. Sahid, der in Wirklichkeit anders heißt, 14 Jahre alt, libanesischer Abstammung, mindestens 25 Verbrechen soll er in den vergangenen acht Wochen begangen haben. Meistens Raub, mit gezogenem Messer und dazu jenem Spruch, den die Opfer in solchen Fällen häufig zu hören bekommen: dass sie abgestochen werden, wenn sie nicht gleich Handy oder Geld rausrücken. Aber eine Handhabe und Beweise gegen Sahid hatte die Polizei bisher nicht. Und während Noack das erzählt, geht die Tür auf, ein Kollege steht auf der Schwelle. Eine Streife habe Sahid auf frischer Tat ertappt, in ein paar Minuten seien sie mit ihm im Revier. Noack bemüht sich, keine Emotion zu zeigen, und bringt es sogar noch fertig zu sagen, dass man die Jugendlichen trotz allem nicht unter Generalverdacht stellen soll.

Das predigen Politiker und Sozialarbeiter auch. Der Polizeipräsident verweist auf die Kriminalstatistik, nach der im vergangenen Jahr erstmals seit den 90ern in Berlin die Gewaltkriminalität unter Jugendlichen zurückgegangen ist. Aber das ist nur die eine Wahrheit. Die andere ist, dass die Härte der Vergehen zunimmt. Im Dezember erstach ein 18-Jähriger einen Gleichaltrigen im Bus, weil der eine Freundin gegen Pöbeleien verteidigen wollte. Und erst kürzlich hatte Noack mal wieder mit einem Jungen zu tun, der sich eine grobgliedrige Kette um die Faust wickelt, bevor er seinem Opfer das Gesicht zerschlägt.

„Wir sind auf diese Brutalität nicht vorbereitet, auf die konsequente Missachtung unserer Normen“, sagt ein Lehrer, der seit 17 Jahren an einer Neuköllner Hauptschule unterrichtet. Ein schräger Blick, eine Beleidigung, manchmal reicht der Verdacht, die Freundin eines anderen angesehen zu haben, um binnen Augenblicken eine Eruption der Gewalt auszulösen. Es ist eine Welt mit archaischen Regeln, in der „Du Opfer“ als Schmähung gilt, die nur noch von der Beleidigung eines Familienmitglieds übertroffen wird.

Ein Donnerstagabend, kurz vor zehn. Am Ausgang der U-Bahn-Station Karl-Marx-Straße sitzen fünf junge Türken, der jüngste ist 13, der älteste 15 Jahre alt. Sie sind eine Weile mit der Linie 7 ziellos durch die Gegend gefahren, um „was loszumachen“. Ein bisschen Ärger zu provozieren oder ein Handy zu erbeuten. Sie waren an den Gropius-Passagen, einem großen Einkaufzentrum im Süden des Bezirks. Auch so ein Ort, dessen Umfeld die Polizei als gefährlich einstuft. Aber, sagt ein langer Dünner aus der Gruppe enttäuscht, da sei nichts los gewesen. Also sind sie wieder in die Karl-Marx-Straße gefahren, Frauen gucken, wie sie sagen. Ey Alte, geile Titten, willste ficken? Drohendes Gelächter begleitet die Schritte der jungen Frau, die vorbeigeht.

Maria Rettig kennt das, sie fährt oft mit der U-Bahn, von ihrem Wohnzimmerfenster aus sieht sie die Station Karl-Marx-Straße. Es sind Unverschämtheiten, die sie nicht mehr schockieren, sie hat sich daran gewöhnt. Bei ihrer Tochter ist das etwas anders. Die ist Anfang 20 und kürzlich in einen anderen Bezirk gezogen, weil sie sich nicht mehr sicher gefühlt hat, wenn sie abends unterwegs war. Maria Rettig sagt, sie kann das verstehen, es geht ja nicht nur ihrer Tochter so. Die alte Dame von oben geht nur noch auf die Straße, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt, auch in den Nachbarhäusern wohnen alteingesessene Neuköllnerinnen, die sich in der Gegend, in denen sich ihr ganzes Leben abgespielt hat, nicht mehr heimisch fühlen. „Diese Menschen gehen in die innere Emigration“, sagt der Bezirksbürgermeister. Die anderen, die es sich leisten können und dazu noch in der Lage sind, ziehen weg.

So weit ist Maria Rettig noch nicht, sie hat noch nicht resigniert. Wenn junge Männer sie auf der Straße herausfordernd ansehen, versucht sie, ihren Blick nicht zu senken. Wenn ihre Söhne ausgeraubt wurden, hat sie Anzeige erstattet. Es sind Kleinigkeiten. Sie sagt, man kann nicht wegsehen und alles passieren lassen. Die Schüsse auf den Polizisten, die vielen Schlägereien, das sei bedrückend, aber was ihr wirklich Angst macht, ist etwas ganz anderes. Der immer schnellere Verlust jeglicher Kultur, sagt sie.

Vielleicht muss man sich das, was sie meint, vorstellen wie ein marodes Karussell, das den Fliehkräften nicht mehr gewachsen ist. Bei jeder Umdrehung fällt eine Attraktion herunter, weil sie nicht mehr gut befestigt ist. Der alte Schuhladen unten im Haus musste nach Jahrzehnten schließen, dann die Buchhandlung gegenüber, auch sie ein Familienbetrieb, fast ein Jahrhundert lang. Ein Geschäft nach dem anderen verschwindet, stattdessen öffnen Billigläden, Imbissbuden, Spielhöllen.

Vorerst bemühen sich Quartiersmanager, die gesellschaftliche Korrosion des Viertels aufzuhalten. Sie versuchen, Eltern nicht nur Erziehung beizubringen, sondern auch, wie man einen Überweisungsauftrag ausfüllt. Sie versuchen, Nachbarn zusammenzuführen und Vorbehalte abzubauen. Sozialarbeiter geben festen Gruppen Schülerhilfe und gehen an Brennpunktschulen. Elterninitiativen wollen eingreifen, wenn Jugendliche sich auf der Straße prügeln. In manchen Kiezen zahlt sich das aus. Im Rollbergviertel zum Beispiel. Dort ist in den vergangenen zwei Jahren die Kriminalität unter Jugendlichen um fast ein Drittel zurückgegangen.

Allerdings ist es auch so, dass all das viel Zeit braucht. Und das Karussell dreht sich weiter.

* Name geändert

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