Zeitung Heute : Queensland: Manchmal spricht die Natur

Wolfgang Veit

Spaß oder Ernst? Eine Sekunde lang zögere ich - entscheide mich dafür, besser nicht zu lachen. Hazel Douglas hatte sich gerade umgedreht, mich mit ihren kugelrunden Augen angesehen und gesagt: "Manchmal spricht die Natur mit mir. Die Buschhühner zum Beispiel erzählen mir Geschichten. Oder sie warnen mich vor Gefahren."

Wer in Queenslands grünem Feuchttropen-Treibhaus zur Untermiete wohnt, muss vor allem eines behrrschen: Jedes noch so kleine Zeichen der Natur einwandfrei deuten können. Die Gugu Yulanji verstehen sich noch heute darauf - und Hazel Douglas führt, als eine der Stammesältesten, während einer Tour durch Daintree Rainforest, den tropischen Regenwald des australischen Sonnenschein-Staates, auch Besuchern diese Kunst vor. Ein Urwald übrigens, der, mehr als 200 Millionen Jahre alt, überall sichtbare botanische Schätze birgt, die von der Unesco gar unter den Schutz des "Welt-Naturerbe der Menschheit" gestellt wurden: archaische Farne und Blütenpflanzen, die zum Teil immer noch auf dem gleichen Entwicklungsstand wie vor 120 Millionen Jahren sind. Mehr als 1100 Arten höherer Pflanzen, über 800 Baumspezies, aber auch kauzige Tierarten wie das Lumholtz-Baumkänguru oder der Samtwurm Peripatus, Lungenfische und der grüne Baumpython formen dieses Ökosystem.

So werde ich während meines Marsches nicht nur diese seltenen Feuchttropen-Forsten kennen lernen, sondern erfahre auch noch, wie ich im Notfall in ihm überleben könnte. Hazel Douglas kennt alle Winkel dieses Treibhauses. "Schließlich lebte hier mein Volk. Und zwar viele tausend Jahre." Sie zeigt auf die breiten, brettartigen Wurzeln einer Würgefeige: "Daraus schnitzen wir noch heute Bumerangs", erklärt sie. Wurfhölzer, die im Regenwald wegen der störenden Stämme nur bedingt zur Jagd taugen - und deswegen in den Souvenirläden in Port Douglas landen. Tiere erlegen die Gugu mit Speeren aus Feigenholz oder aus dem der Schwarzpalme.

Die klugen Ureinwohner wissen um die Geheimnisse teilweise hochgiftiger Pflanzen - so etwa Bayway, die Blüten und Keime des Schwarzbohnenbaums (Black Bean Tree). "Für euch Weiße ist die Frucht pures Gift - für uns eigentlich auch. Aber wir bereiten die Früchte nach einem speziellen Verfahren zu." Drei Tage rösten die Gugu die Bohnen im Kurrma-Erdofen - dann ist alles Gift verdampft. Das gilt auch für Candle Nuts, die mich ein bisschen an spitze Walnüsse erinnern. Wer sie unzubereitet isst, bekommt Durchfall. Die Gugu rösten sie einige Zeit im Feuer - und schon sind sie genießbar. Aus den Schalen entstehen kleine Pfeifen, mit denen die Jäger Waldvögel anlocken. Das Öl der Nüsse verwenden die Gugu, um ihre Kochfeuer sogar während eines heftigen Regens in Gang zu halten.

Der Rindensaft des Kerzennuss-Baums schützt vor Pilzinfektionen. Auch gegen Erkältungen oder offene Verletzungen wissen die Gugu Yulanji ein Mittel: Aus der Rinde des Regenschirm-Busches (Umbrella Tree) lässt sich eine wirksame Tinktur kochen. "Das haben mittlerweile sogar Wissenschaftler bestätigt", sagt Hazel. Nützlich ist hier fast alles - sogar die Borke der vielen Melaleuka-Bäume. Aus ihr werden unterschiedlichste Dinge fabriziert - von Babykörbchen bis zum Dach für die Buschhütte.

Mehr als zwölf Aboriginestämme haben früher im nordostaustralischen Dschungel gelebt, erzählt Hazel am Ende unserer Tour. Die Gugu Yulanji sind heute die einzigen Ureinwohner, die "theoretisch noch im Regenwald leben könnten". Theoretisch. Denn "die jungen Leute triffst du heute eher in Hamburger-Lokalen und Spielhöllen an."

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