Zeitung Heute : Questico: O-Töne aus der Boxengasse und Horoskope von Sira

Kurt Sagatz

Früher einmal war im Internet alles umsonst. Wie aus den alten Hacker-Mailboxen bekannt, galt die eiserne Regel, dass Geben und Nehmen zwei Seiten der selben Medaille sind. Doch das war lange vor dem Auftauchen von E-Commerce und den Geschäftsmodellen der McKinsey-Entrepreneure. Heute zählt der Business-Plan und der ist - zumindest bei den erfolgreichen Start-Ups - darauf ausgerichtet, zu einem festgelegten Zeitpunkt Gewinne abzuwerfen.

Daneben gibt es junge Internet-Firmen, die - weil sie gerade erst richtig starten - den Break even erst in weiter Zukunft anstreben, aber dennoch die beiden Welten des Geben und Nehmens mit der des Profits auf ihre Art in Einklang bringen wollen. Hierzu gehört das Berliner Internet-Unternehmen Questico, das heute offiziell seinen Dienst aufnimmt. Auf den ersten Blick handelt es sich dabei um ein klassisches "Me-Too", denn die angebotene Dienstleistung zur Vermittlung von Expertenwissen ist alles andere als neu. Doch zwei Besonderheiten unterscheiden Questico von den anderen Expertensites. Vermittelt wird zum einen nicht nur ein Experte, sondern zugleich ein Eins-zu-Eins-Gespräch via Telefon. Und zum anderen werden dafür Kosten in Rechnung gestellt. Das Verfahren ist verhältnismäßig einfach. Die eigene Frage wird in Stichpunkten in das Suchfeld auf der Questico-Homepage eingegeben. Derzeit stehen 14 Rubriken von Finanzen & Investment über Ausbildung & Karriere und Gesundheit & Wellness bis Lebenshilfe, Computer, Reisen, Essen, und Esoterik mit diversen Unterkategorien zur Verfügung, die zur Zeit von 1500 Experten gepflegt werden, wie Category-Manager Jochen Reinicke erläutert. Um nun jedoch in Kontakt zum ausgewählten Fachmann zu treten, verlangt Questico im nächsten Schritt die Angabe von Name, Adresse, Bankverbindung und Telefonnummer. Zum Start erhält jeder Newcomer zudem ein Guthaben in Höhe von 10 Mark. Nach dem Klick auf den Anrufen-Button ruft die Telefon-Computer von Questico zuerst den Ratsuchenden an. Erst wenn dieser durch die Eingabe einer "1" seine Anfrage bestätigt, wird vom Telefon-Rechner der Experte angerufen, der wiederum mit einer "1" quittiert. Nun können im direkten Kontakt die Fragen erläutert werden. Nach Beendigung des Gesprächs wird der Ratsuchende noch gebeten, über die Telefontastatur den Experten zu bewerten. Abgerechnet wird per Lastschrift oder über das Kreditkartenkonto. Je nach Fachgebiet unterscheiden sich die Tarife, die bei rund zwei Mark je Minute liegen. Zwei Drittel davon erhält der Experte, das andere Drittel geht an Questico.

Questico kennt dabei zwei Klassen von Experten. Bei den einen handelt es sich um so genannte Expert-Partner, die von der neun Personen starken Redaktion handverlesen wurden. Der sicherlich bekannteste Partner ist dabei das ZDF-Magazin Wiso. Die übrigen Experten rekrutieren sich aus der Internet-Gemeinde und haben sich selbst mit ihrem Fachgebiet bei Questico registriert. Über deren Qualifikation gibt die Bewertung durch die Ratsuchenden Auskunft. Zudem lässt sich anhand der Zahl der zustande gekommenen Gespräche erkennen, ob der Experte und sein Wissen gefragt sind.

Questico-Vorstandschef Sylvius Bardt, der zu den Gründern des Start-Ups gehört, ist zuversichtlich, dass dieses Konzept auch wirtschaftlich aufgeht. Zusammen mit der zweiten Finanzierungsrunde, die nun bevorsteht, sollen insgesamt 34 Millionen Mark investiert werden. Der technische Aufbau zusammen mit den Partnern DeTeWe und dem Telefondienst-Provider GTS ist im zurückliegenden Halbjahr abgeschlossen worden, nun steht die breite Markteinführung an. Hierfür will sich Bardt ein bis anderthalb Jahre Zeit lassen, um dann Anfang 2002 schwarze Zahlen schreiben zu können.

Die Erfahrungen im inzwischen abgeschlossenen Probebetrieb haben bereits gezeigt, dass nicht allein hartes Fachwissen nachgefragt wird. Gerade softere Themen erfreuten sich großer Beliebtheit. So hat die "Wahrsage-Künstlerin" Sira bereits jetzt gutes Geld mit Questico verdient. Immerhin zwanzig Anrufe zu rund drei Mark je Minute stehen auf ihrem Konto. Und auch das Angebot von "Baron" hat schon seinen Fan-Kreis gefunden, denn der Freie Journalist hat Zugang zum Fahrerlager bei der Formel 1 und überträgt über sein Handy O-Töne aus der Boxengasse - zu 2,99 Mark die Minute. Den bisherigen Nutzern war das immerhin vier von fünf möglichen Punkten wert.

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