Zeitung Heute : Quo vadis, Optimus Bush?

Von Martin Kilian

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Ein imperialer Hauch umfängt Washington dieser Tage. Vor dem Domus alba („Weißes Haus“) werden Tribünen errichtet für die Feierlichkeiten am 20. Januar 2005, wenn Präsident George W. Bush – Ehrentitel: Optimus maximus Caesar – neuerlich ins Amt eingeführt wird. Paraden wird es dann geben, und für die kleinen Leute wie mich Panem et circenses („Brot und Spiele“). Schließlich führt kein Weg mehr zu Herrn Berlusconi ins abgewirtschaftete Rom; alle Wege führen inzwischen nach Washington.

Der römische Historiker Tacitus sah es kommen: „Evulgato imperii arcano posse principem alibi quam Romae fieri“, schrieb er. Da allseits bekannt ist, dass es bei Ihnen mit dem Latein hapert, erlaube ich mir zu übersetzen: „Nachdem das Geheimnis des Regierens allgemein bekannt war, erkannte man, dass man auch anderswo als in Rom einen Kaiser schaffen könne.“ Kühle 40 Millionen Dollar wird der Rummel in Washington verschlingen und sich über zehn Tage erstrecken. Wer sämtliche neun Bälle besuchen sowie an einem „exklusiven Lunch“ mit dem Optimus maximus Caesar sowie seinem Stellvertreter Dick Cheney teilnehmen möchte, muss 250 000 Dollar hinblättern. Für 100 000 Dollar gibt es die neun Bälle ohne Lunch mit dem Boss.

In jedem Falle aber, so versichert uns das „Komitee zur Amtseinführung“, „werden Sie oder Ihr Unternehmen auf allem gedruckten Material namentlich erwähnt werden“ – als Sponsor der Amtseinführung, was sicherlich gut für die Geschäfte ist. Immerhin sind Principes viri („politische Führungspersönlichkeiten“) aus der gesamten Welt anwesend, darunter gewiss auch Proconsul John Negroponte aus Mesopotamien.

Und John Kerry? Niemand wird seinen Namen erwähnen, ja eine Damnatio memoriae („Tilgung der Erinnerung“) wird ihn vergessen machen. Sic transit gloria mundi, Baby: Vor sieben Wochen war Kerry als Präsidentschaftskandidat noch in aller Munde; heute kennt ihn niemand mehr.

Den imperialen Spielregeln zufolge werden bei den Feierlichkeiten zur Amtseinführung des Optimus maximus Caesar unter den wachsamen Augen der Cohortes urbanae („städtische Polizei“) sättigende Congiaria („Volksspeisungen“) anberaumt werden, etwa Schnellküchen mit Hot Dogs, Hamburgern und anderen Leckereien. Besonders geehrt werden natürlich die amerikanischen Legionäre, die bei einer Galaveranstaltung unter dem Motto „Amerikas Helden“ sowie einem „Ball des Oberkommandierenden“ antreten werden, um Donativa („Geschenke an Soldaten“) einzuheimsen. Ob der Optimus maximus Caesar dort die Ornamenta triumphalia („Triumphalinsiginien des Kriegsherren“) erhalten wird, war bei Redaktionsschluss noch ungewiss.

Beliebtestes Transportmittel bei der Amtseinführung ist die überlange Limousine, etwa ein Chrysler 300 mit Chauffeur, zwei Fernsehern, einem 1000-Watt-Stereo sowie einer Champagner-Bar für acht Principes viri. Allerdings wird erwartet, dass der Optimus maximus Caesar die traditionelle Haesitatio („formales Zögern, die Macht zu übernehmen“) nicht einhalten, sondern schnurstracks am Tage der Amtseinführung auf den Stufen des Capitols den Eid ablegen wird. Sodann beginnen weitere vier Amtsjahre für das Gens („Geschlecht“) derer von Bush, dereinst nachzulesen in den Annalen der Familie im texanischen Houston.

Der geliebte Optimus maximus Caesar wird am 20.Januar sicherlich den Ehrentitel Amor et deliciae generis humani („die Liebe und das Entzücken der Menschheit“) erhalten, ehe der imperiale Alltag beginnt und im Domus alba das Consilium principis („Beratergremium“) zusammentritt, um neue Steuersenkungen zu planen und das Breviarium totius imperii („Übersicht über Staatshaushalt und Truppenbestand“) abzuhaken. Damit beginnt der Status quo ante, und Sie sollten endlich anfangen, Ihr ausgeleiertes Latein – die Lingua franca der zivilisierten Welt! – zu polieren. Also? Quo vadis?

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