Zeitung Heute : Quote statt Monokultur

Antje Vollmer

TRIALOG

Eine Autobahnfahrt ist heutzutage nicht nur wegen Staus eine strapaziöse Angelegenheit. Auch das Radioprogramm geht an die Nerven. Als regelmäßige Radiohörerin stelle ich fest: Es reicht! Immer die gleichen 40 Hits, und das noch weltweit! Und diese Tristesse herrscht nicht nur bei den Privatsendern – erschreckend ist, dass die öffentlich-rechtlichen Sender genauso zu reinen Abspielschleifen verkommen sind. Wofür brauchen wir einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wenn er uns null Differenz bietet zu der internationalen Hitrauschkulisse? Unter dieser Verarmung des Angebots leiden vor allem deutsche Künstler und Produktionen. Auch traditionsreiche Musiker und Produzenten haben kaum noch Chancen, im Radio gehört zu werden.

Wenn die öffentlich-rechtlichen Musikprogramme nicht von selbst zur Besinnung kommen, müssen sie eben zu ihrem – und unserem – Glück gezwungen werden. Es ist deshalb der richtige Moment gekommen, eine Quote für deutsche Musik im Radio zu fordern! Als dieses Thema 1996 erstmals aufkam, war ich noch anderer Meinung – wie viele Künstler auch, die ihrem Talent trauten. Erst in den letzten Jahren hat sich der Traum, dass sich Qualität im freien Markt schon irgendwie durchsetzen wird, endgültig ausgeträumt. Schockartig stellen wir fest, dass es der globalisierte Musikmarkt eben nicht „richtet“, dass er nicht per se kulturelle Vielfalt gewährleistet. Eine Radioquote von 40 bis 50 Prozent für deutsche Musik kann dagegen deutsche Produzenten stärken. Sie erfüllt damit dieselbe Aufgabe wie die Buchpreisbindung im Bereich der Literatur: Sie erhält Vielfalt und kleine Verlage und gibt jungen Künstlern eine Chance.

Glückliches Frankreich! 1996 wurde dort eine gesetzliche Quote für im Land produzierte Songs eingeführt. Radiostationen sind seitdem verpflichtet, mindestens 40 Prozent des Gesamtprogramms mit französischer Musik zu füllen. Wer dagegen verstößt, hat mit Bußgeldern, Sendepausen oder dem Entzug der Sendelizenz zu rechnen. Schnell zeigte das Gesetz Wirkungen: Etwa 80 Prozent der heute in den französischen Charts vertretenen Sänger sind Franzosen, darunter viele junge Talente. Auch das deutsche Radio-Publikum wünscht sich wenigstens eine faire Chance, zu hören, was es hier überhaupt gibt. Es geht an den Bedürfnissen des Publikums vorbei, wenn sich die öffentlich-rechtlichen Sender als devot ausführende Organe der Monokultur und der multinationalen Musikindustrie gerieren.

Die Ödnis hat nicht nur kulturelle Verarmung zur Folge: Wir waren einmal der zweitgrößte Musikmarkt der Welt und sind jetzt auf den fünften Platz abgerutscht. Anders als in Deutschland ist der französische Musikmarkt viel weniger von Umsatzeinbrüchen betroffen. Von einer gesetzlichen Verpflichtung der Sender in Deutschland, 40 bis 50 Prozent ihrer Sendezeit für deutsche Produktionen zu reservieren, würden alle profitieren: Musiker und Musikwirtschaft genauso wie das nach Vielfalt dürstende Publikum.

Die Autorin ist Vizepräsidentin des Bundestags und Grüne.

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