Zeitung Heute : Rabbi Abraham Cooper vom Wiesenthal Center Los Angeles über Nazis im Internet

Martin Busche

"Juristische Schlupflöcher für Rechtsradikale hat es immer gegeben, doch durch das Internet passen ganze Lastwagen hindurch." Um starke Worte war Abraham Cooper, Rabbiner am Simon Wiesenthal-Zentrum in Los Angeles nicht verlegen, während seines Vortrages "Rechtsradikale im Internet", den er am Montag im jüdischen Gemeindehaus hielt. Das Thema ist brisant, deshalb hatten sich auch der Pressesprecher des Bundesamtes für Verfassungsschutz, ein Multimediaexperte der SPD und ein Mitarbeiter des Justizministeriums eingefunden.

"Es ist fünf vor Zwölf", sagte Rabbi Cooper. In den letzten vier Jahren hat sich die Zahl der sogenannten "Hassseiten" im Netz um den Faktor 2000 erhöht. Vorreiter der Rechtsradikalen im Netz war eine Seite namens Stormfront. Für besonders gefährlich hält der Geistliche Seiten wie die "Webside Berlin". Die deutsch-englische Seite betont die Kinderliebe Hitlers und zählt die deutschen Opfer während der amerikanischen Besatzungszeit auf. "Diese Leute gehen subtil vor und versuchen das Unterbewusstsein des Users anzusprechen", sagt Cooper.

So finden sich im Netz Seiten, die oberflächlich betrachtet Martin Luther King preisen, bei genauerem Hinsehen aber rassistische Parolen schwingen. Andere Seiten sprechen Kinder ganz gezielt an, in denen ihnen Angebote wie Kreuzworträtsel gemacht werden, in denen, nach der wertvollsten Rasse, "der Weißen natürlich", gefragt wird. "So werden Anschläge auf Juden, Schwarze und andere Minderheiten vorbereitet", sagt der Rabbi und zählt Aktionen Rechtsradikaler auf, bei denen die Täter ihre Informationen per Internet gesammelt haben könnten.

Als neue, bedenkliche Entwicklung hat Cooper den Online-Verkauf rechtsradikaler Devotionalien ausgemacht. "Eine Firma wie E-Bay hat 3000 rechtsradikale Produkte im Angebot." Weitere Firmen will Cooper der deutschen Justizministerin Hertha Däubler-Gmelin in einem Gespräch am Mittwoch nennen. "Die Gefahr lauert in den USA", klagt der Rabbi seine eigene Regierung an und möchte den US-Grundsatz der freien Meinungsäußerung ein wenig eingeschränkt sehen. "Was nützen die besten deutschen Gesetze, wenn über US-Server Hassseiten dennoch nach Deutschland kommen?" fragt sich der Amerikaner: "Nichts". Darum hat das Zentrum eine sogenannte Cyberclass ins Leben gerufen. In der werden alle 128 in Los Angeles lebenden Nationalitäten ins Wiesenthal-Zentrum eingeladen und bekommen so per Diashow mit, wer, welche "Unwahrheiten" über die jeweiligen Nationen ins Netz stellt.

Die Reaktion sei überwältigend, so Cooper. Fast jeder Besucher will dem Verfasser der Page gleich antworten. Das gelingt nicht immer. Denn solche Hassseiten sind nicht interaktiv aufgebaut, sondern eindimensional. "Sie wollen nicht Diskussion anregen, sondern nur Lügen verbreiten."

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