Zeitung Heute : Rache üben

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

Robert Ide

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Das Wetter fordert die ersten Opfer. Die Tulpen hoch oben auf meinem Balkon, sie sind nicht mehr das, was sie mal waren. Die Blütenblätter, rot und gelb, hat der Wind mitgenommen, der am Wochenende die tropische Hitze und den Sahara-Sand nach Prenzlauer Berg trug. Und das einstmals grüne Drumherum hat die Sonne am Tag darauf kaputtgemacht. Oder der Nachtfrost.

Also, Problem eins, mein Balkon ist dringend pflegebedürftig.

Problem zwei hat auch mit dem verdammt unberechenbaren Wetter zu tun: Mein Fahrrad ist kaputt. Es steht allein am Alexanderplatz, verlassen und mit plattem Schlauch. Jemand hat die Ventile rausgedreht. „Warum lässt Du auch Dein Fahrrad am Alex stehen?“, fragen mich Freunde mit vorwurfsvollem Ton und schauen mich verständnislos an. „Da war dieser schlimme Regen am 1. Mai“, antworte ich leise und entschuldigend. „Da konnte ich nicht weiterfahren.“ Nun schlägt mir blanke Empörung entgegen. „Wie kann man am 1. Mai sein Fahrrad irgendwo stehen lassen?“ Es folgt ein Vortrag über den Versicherungsschutz bei Sachbeschädigungen am Maifeiertag sowie detaillierte Schilderungen darüber, dass eine einen kennt, der einen Bekannten hat, der gesehen hat, wie einer seinen Ferrari in der Nacht zum 1. Mai am Mauerpark hat stehen lassen und am Morgen nach der Randale nur noch ein rotes Wrack besichtigen konnte. „Der hat keinen Pfennig wiederbekommen“, wird erzählt. Dann werde ich laut gefragt: „Hast Du Dein Fahrrad wenigstens inzwischen abgeholt?“ Ich wage nicht zu antworten.

Problem drei der Wetterumschwünge ist: Alle Menschen sind plötzlich ganz aufgeregt.

Und so habe ich die Ruhe gesucht, weit weg von meinem verwahrlosten Balkon und meinem verwahrlosten Fahrrad. Weit weg von den aufgeregten Menschen aus Prenzlauer Berg.

Ich bin in die S-Bahn gestiegen und nach Schönholz gefahren – dort ist Wald und Wiese und Stille. In der Schönholzer Heide bin über grünes Gras spaziert, auf dem kaum Leute lagen. Ich bin zwischen Bäumen umhergelaufen, die sanft im Wind wogen, und habe den Vögeln zugehört. Und ich habe mich am Ehrenmal für die sowjetischen Soldaten, das wir als Pioniere immer besuchen mussten und das heute verlassen in der neuen Zeit rumsteht, vor die Skulptur eines unbekannten Soldaten gesetzt und ein Buch gelesen, einen Roman des Schriftstellers Bryan Stanley Johnson. Er beschreibt, wie man Dinge, die einen ärgern, wieder für sich selbst ausgleichen kann. Man muss nur andere Leute ärgern. Johnson nennt das doppelte Buchführung.

Und so habe ich mir überlegt, was ich machen kann gegen den Zustand meines Balkons, meines Fahrrads und gegen die lauten Belehrungen meiner Mitmenschen. Und ich habe beschlossen, irgendwann einmal zum Alexanderplatz zu fahren und bei allen dort abgestellten Fahrrädern die Ventile rauszudrehen. Und wenn ich ein schlechtes Gewissen bekomme, werde ich sagen: Das Wetter ist schuld.

Bryan Stanley Johnson: Christie Malrys doppelte Buchführung. Argon Verlag, 18 Euro.

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