Zeitung Heute : Rad ab bei der Bahn

Der Tagesspiegel

Lieber Herr Mehdorn,

vor einigen Wochen habe ich an dieser Stelle noch fünf Schranken für die Bahn gebrochen. Nach Ihrer neuen Anzeigen-Kampagne und zwei Abenteuerreisen möchte ich meine freundlichen Worte gern relativieren.

Die Kampagne: Belanglose Landschaftsfotos mit vorbei rauschenden Zügen und ebenso belanglosen Sprüchen. Zudem so, dass sich der Leser in die abgebildeten Äcker und Felder reinknien muss, um sie zu begreifen – was er garantiert nicht tut. Im Zug kann er, so der Text, lesen, arbeiten und die Landschaft anschauen. Eine Information, die wahrlich nicht sensationell ist. Sie wird getoppt vom Hinweis, die Züge seien pünktlicher als andere Verkehrsmittel. Stimmt sogar, aber am 22. und 23. Februar stellte die Bahn mit ihren gesammelten Verspätungen sämtliche Airlines in den Schatten. Kann passieren: Wetter, Technik, menschliches Versagen ...

Was mir aber nicht in den Kopf will, ist die Ignoranz (oder Arroganz) mancher Zugführer: ICE bleibt auf einem der gezeigten Äcker stehen, fünf Minuten, zehn Minuten, gern auch länger. Per Zufall begegne ich einem Herrn in Bahn-Uniform: „Was ist passiert? Wann geht es weiter?“ – „Weiß ich nicht. Die Leitstelle hat sich noch nicht gemeldet.“ – „Warum sagen Sie das den Fahrgästen nicht?“ – „Wieso? Das bringt doch nichts.“

Lieber Herr Mehdorn, genau das ist der Punkt, an dem Service aufhört und Appara- tschik-Denken beginnt. Die Lufthansa hat das jahrelang vorgemacht. Der Flieger stand eine halbe Stunde lang in Startposition. Aber die Crew hielt sich bedeckt. Inzwischen sagen die Piloten: „ Tut uns Leid, Leute. Wir wissen genauso wenig wie Sie. Doch sobald wir eine Information haben, geben wir Ihnen Bescheid.“

Wie wäre es, wenn die Bahn auch so reagiert? Sie können mir glauben, das tröstet ungemein.

Reinhard Siemes

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