Zeitung Heute : Radikal antiklerikal

Er will den „Stamm der Säkularen“ retten, sagt er. Und traf damit den Nerv vieler Desillusionierter. Der eigentliche Wahlsieger in Israel heißt Tommy Lapid.

Richard Chaim Schneider[Tel Aviv]

Das junge Mädchen mit den blonden Locken und dem nabelfreien T-Shirt hopst ausgelassen zur Musik, die aus den Lautsprechern dröhnt. Sie schwenkt einen gelben Luftballon, auf dem mit blauer Schrift nur ein Wort steht: Schinui – Wechsel. Im Beit Sokolov, einem Pressezentrum in Tel Aviv, feiert Schinui, die Partei von Josef „Tommy“ Lapid, ihren gigantischen Wahlsieg. Schinui, diese säkulare, radikal antiklerikale Partei, die zugleich für den freien Markt und die Globalisierung eintritt, diese Partei ist bei den Wahlen zur 16. Knesset die drittstärkste Partei geworden und hat ihren größten Gegner, die ultra-orthodoxe Schas-Partei, auf den vierten Platz verwiesen. War bislang Schas der Königsmacher, so wird diese Rolle nun Schinui übernehmen. Ariel Scharon, der alte und neue Premier, wird um diese Partei nicht herumkommen, wenn er eine stabile Koalition bilden will. Er braucht Schinui und die Arbeitspartei, um ein Bündnis der Mitte zu schmieden.

Schon vor der Auszählung der Wählerstimmen war klar, dass Schinui, zuletzt gerade mal mit sechs Abgeordneten im Parlament vertreten, für eine Sensation sorgen würde. 15 Mandate haben sie nun bekommen. Die Partei hatte ihren Wahlkampf nur auf eine Formel zugespitzt: Keine Macht den Parteien der Haredim, der Ultra-Orthodoxen. Und wer Schinui sagte, meinte nur Lapid – denn den Rest der Partei kennt so gut wie niemand. Entsprechend gestaltet war der Wahlspot im Fernsehen. Als wäre er bereits Premierminister, sitzt Lapid, ein breiter, etwas untersetzter Mann mit weißem Haar, mit offenem Hemd an einem Schreibtisch, im Hintergrund die israelische Fahne, die Hände brav auf dem Tisch. Er spricht zu seinem Volk, zu seiner Wählerschaft. Er redet von der Gefahr, die von den Frommen für den jüdischen Staat ausgeht. Diese Bedrohung müsse aufgehalten werden, ehe es zu spät ist.

Natürlich wurde Tommy – nur so wird der inzwischen 71-jährige Politiker allgemein genannt – im Wahlkampf angefeindet: Er sei ein Rassist, ein Rechtsextremist. Schnell waren aus seiner Vergangenheit Zitate gefunden worden, die diese Vorwürfe belegen sollten: Vorurteile gegenüber Frauen und Schwulen, Frommen und Misrachim, den Juden orientalischer Abstammung. Wenn man Lapid darauf anspricht, wehrt er ab: „Das sind alles nur Zitate aus Texten, die ich früher fürs Kabarett geschrieben habe, die sind alle aus dem Zusammenhang gerissen.“ Und doch ist er auch bekannt als ein Mann, der sich als Chef des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gerne als Zensor linker Journalisten betätigte. Der berühmte Schriftsteller Meir Schalev („Ein russischer Roman“) erzählt, wie Lapid ihm das Manuskript eines Interviews mit Theodor Herzl, dargestellt von einem Schauspieler, zusammenstrich. Die Antworten Herzls hatte Schalev aus dessen Buch „Altneuland“ entnommen, in der Herzl seine Vision von einem liberalen jüdischen Staat zeichnet, in dem Araber und Juden gleiche Rechte haben. Es waren diese Passagen, die dem mächtigen Intendanten nicht gefielen. Auch das sei, so sagt der heute, „Quatsch“. Schalev, ein „Mann mit großer Fantasie“, habe das erfunden.

Wer also ist dieser Tommy Lapid?

Geboren wurde er als Tomislav Lempel im jugoslawischen Novi Sad. Seine Familie, ungarische Juden, gehörte dem typischen Großbürgertum mitteleuropäischen Zuschnitts an. Assimiliert, wohlhabend und gebildet, man hatte Dienstmädchen und Angestellte, lebte im Überfluss. Dieses Leben fand ein jähes Ende, als der gerade zwölfjährige Tomislav, unter einer Bettdecke versteckt, miterleben musste, wie die Gestapo in der Nacht zum 19. März 1944 seinen Vater abholte. Er sollte ihn nie wiedersehen. Auf abenteuerliche Weise gelang es dem Jungen, alleine nach Israel zu kommen. Hier brachte er es vom Auto-Mechaniker zum Chef des israelischen Fernsehens. In der Abendschule hatte er Jura studiert und legte sein Examen ab. Tommy Lapid war immer hart zu sich selbst, „mir wurde nichts geschenkt“. Vielleicht rührt daher seine Wut auf die Ultra-Orthodoxen und diejenigen Misrachim, die noch immer über die Benachteiligung durch die aschkenasische, europäische Elite in den 50er Jahren schimpft. Die europäisch geprägte Führung der Arbeitspartei, die Israel bis 1977 ununterbrochen regierte, hatte die orientalischen Einwanderer in der Tat wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Man müsse sie erst zu zivilisierten Menschen machen, hieß es damals. Bis heute ist der wohlhabende Mittelstand weitgehend aschkenasisch, eine späte Auswirkung der verfehlten Integrationspolitik. Doch das ficht Tommy Lapid nicht an: „Wer hat uns etwas gegeben? Ich musste mir alles selber erkämpfen. Hatte ich keine schwierige Kindheit? Was kann schwerer sein als eine Kindheit im Holocaust?“ Lapid, dessen Hebräisch von einem schweren ungarischen Akzent gefärbt ist, gerät leicht in Rage. Er kann „Schmarotzer“ einfach nicht ausstehen und meint damit jene frommen Juden, die sich dem täglichen Studium der Thora widmen und dafür vom Staat subventioniert werden und die den Armeedienst verweigern. Viele Israelis sagen, die Parteien der Frommen melken den Staat wie eine Milchkuh, indem sie als Zünglein an der Waage ihre Koalitionszusagen stets von finanziellen Versprechungen abhängig machen. Vor allem Schas, die bis Dienstagabend noch Regierungspartei war, hat die säkularen Parteien so immer wieder erpresst.

Unter den Anhängern von Schinui im Beit Sokolov sind fast nur europäische Juden der Mittelklasse zu finden. Ori, der gerade seinen Militärdienst beendet und als Wahlkampfhelfer für Schinui gearbeitet hat, strahlt vor Glück. Sein weißes T-Shirt mit dem Namenszug der Partei ist völlig durchgeschwitzt, die Scheinwerfer der Fernsehteams und die Menschenmenge, die sich inzwischen in den kleinen Saal drängt, sorgen für tropische Temperaturen. „Während wir täglich als Soldaten unseren Kopf hinhalten müssen, zahlen unsere Eltern auch noch Steuern für die Kinder der Frommen. Und dann verachten sie uns noch obendrein, weil wir nicht koscher essen und die Schabbat-Regeln nicht einhalten!“

Tommy Lapid hat zur richtigen Zeit das richtige Thema getroffen. Die Frustration über den gescheiterten Friedensprozess und die Enttäuschung über die Palästinenser haben die Hoffnung auf einen baldigen Frieden in weite Ferne geschoben. Im besten Falle erwartet man sich den Erhalt des Status quo: Man weiß, dass Selbstmordanschläge nicht zu verhindern sind, doch wenn es der Armee gelingt, diese wenigstens auf ein Minimum zu beschränken, ist man zufrieden. So richtet sich der Blick nach innen, auf die immensen Bruchstellen in der israelischen Gesellschaft. Auf die marode Wirtschaft, auf die Spannungen zwischen säkularen und orthodoxen Juden. Nun hat der Mittelstand die Partei nicht nur aus Abneigung gegen die Religiösen gewählt. Es sind auch viele Protestwähler, die den Weg zu Schinui gefunden haben. Israelis, die von der Arbeitspartei enttäuscht sind, die Scharons politisches Versagen nicht mehr mittragen wollen, die von Korruption, Filz und alten Seilschaften genug haben und endlich einen Staat nach dem Muster einer europäisch-laizistischen Demokratie wollen. Für all diese ist Lapid ein Hoffnungsträger, ein Politiker mit weißer Weste, der seiner Wählerschaft Steuererleichterungen verspricht, um die durch die Intifada angeschlagene Wirtschaft wieder anzukurbeln.

Tommy Lapid will den „Stamm der Säkularen“ retten. Retten aus „einem levantinischen Meer voller Araber, die das Land von außen zu verschlingen drohen“, retten vor all den irrationalen, anti-modernistischen Kräften, die den zionistischen Staat von innen gefährden. Unter den ersten zehn Kandidaten auf der Wahlliste sind demnach nur aschkenasische Intellektuelle und Geschäftsleute zu finden. Der „Alibi-Orientale“, die Nummer elf auf der Liste, ist Ehud Ratzabi. Er ist jemenitischer Herkunft und fällt mit seinem orientalischem Aussehen im Umfeld von Schinui schon rein äußerlich auf. Doch das hatte Lapid als Parole ausgegeben: Mindestens drei Frauen und ein Misrachi müssten auf die Kandidatenliste.

Am Tag nach der Wahl ist Tommy Lapid der Star der Medien. Man interessiert sich nicht so sehr für Scharon und seinen triumphalen Wahlsieg, nicht für die Tatsache, dass er der erste Ministerpräsident seit Ende der 80er Jahre ist, dem die Wiederwahl gelungen ist. Nein, man reißt sich um Tommy. Geduldig und voller Stolz verkündet der Mann das immer Gleiche. Er spricht von der Verantwortung, die er und die Partei jetzt tragen, und dass er am Wahlabend sehr demütig gewesen sei, als er – ganz so, wie dies der Präsident der USA zu tun pflegt – im Kreise seiner Familie vor dem Bildschirm saß und von seinem Triumph erfuhr. „Da dachte ich nur, was das für ein Weg gewesen ist in meinem Leben, ich, ein Holocaust-Überlebender, habe jetzt diese schwierige Aufgabe, den jüdischen Staat in die richtige Richtung zu lenken!“ Plötzlich hat der energische Mann eine ganz weiche Stimme. Er hält für einen Moment inne, während die Kameras weiter auf ihn gerichtet sind. Um ihn herum steht ein ganzer Pulk von Bodyguards, der ihn abzudecken versucht. Und dann fährt er fort, betont, dass er nichts gegen fromme Juden habe, sondern nur etwas gegen fromme Parteien, die den Staat ausnutzen. Über die Palästinenser spricht er nicht. Schinui ist für die Rückgabe der Gebiete, sieht die Notwendigkeit eines Palästinenserstaates ein. Doch mit wem soll man verhandeln? In gewisser Hinsicht verdankt Schinui ihren Wahlerfolg auch der Militanz der Palästinenser. Solange es auf ihrer Seite keinen für Israel verlässlichen Gesprächspartner gibt, solange wird sich das Land lieber auf sich selbst konzentrieren.

Ob der Traum des Tommy Lapid, in Israel zum ersten Mal eine rein säkulare Regierungskoalition zu schaffen, Wirklichkeit wird, muss sich in den nächsten sechs Wochen zeigen. Noch will die Arbeitspartei einer Koalition mit Likud und Schinui nicht beitreten. Amram Mizna, der Vorsitzende und gescheiterte Kandidat der Arbeitspartei, will in die Opposition gehen. Doch schon haben sich seine internen Rivalen, Schimon Peres und Benjamin Ben Elieser zu Wort gemeldet. In einem Radiointerview sagte Peres gestern, man müsse diese Entscheidung überdenken. „Die kommen schon“, sagt Lapid, „die lassen sich solch eine Chance nicht entgehen.“

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