Zeitung Heute : Radikal und gesamteuropäisch

Ein Forschungskolleg untersucht die Entstehung des Antisemitismus auf dem Kontinent

Patricia Pätzold

Am 1. April 1881 verschwandin dem ungarischen DorfTiszaeszlár ein elfjähriges Mädchen.Rasch verbreitete sich dasGerücht, Juden hätten an ihreinen Mord verübt, um ihrBlut für rituelle Zwecke zugebrauchen. Es war der ersteFall dieser Art, der einebreite europäische Öffentlichkeit erregte.Nur zwei Jahre zuvor warin Deutschland erstmalig derBegriff „Antisemitismus“ als politischesSchlagwort aufgetaucht. Diemittelalterlichen Vorwürfe fügten sichunmittelbar in die neueantisemitische Bewegung. In denfolgenden 35 Jahren formiertesich ein radikaler Judenhass,der alle Teile Europaserreichte.

„Das Phänomen derJudenfeindschaft wurde in dieserZeit zu einem zentralen Problemder europäischen Geschichte“, sagtUlrich Wyrwa, Professor fürNeuere Geschichte, der zusammenmit Professor Werner Bergmann amTU-Zentrum für Antisemitismusforschung eininternationales Forschungskolleg leitet, daserstmalig die Entstehung deseuropaweiten Antisemitismus in genaudiesen 35 Jahren von 1879bis 1914 systematisch untersucht.

Welche unterschiedlichen Formennahm der Antisemitismus in denverschiedenen Ländern an? Inwelchem transnationalen Austausch standendie Aktivisten? Welche Netzwerkeentwickelten sich? Wie wirktendie antisemitischen Bewegungen aufdie historische Entwicklung dereinzelnen Länder? „Bei diesenPunkten klafft eine erheblicheForschungslücke“, sagt Wyrwa. Docher ist bereits jetzt überzeugt:„Der moderne Antisemitismus, dersich nach dem Ersten Weltkriegso massiv und gewalttätigradikalisierte, hat mit biblischenEreignissen oder mit der altenreligiösen Geschichte, die konservativeAntisemiten so gerne zitieren,nichts zu tun.“ Er resultiertevielmehr aus den Konflikten des19. Jahrhunderts, in dem sichdie Welt radikal veränderte,besonders in sozialen Fragen.„Die Juden waren gleichzeitigaus dem Abseits einerverachteten und besonderen religiösenGruppe in die Mitte derbürgerlichen Gesellschaft getreten –als einflussreiche Kaufleute, Dichterund Denker.“

Die neun Doktoranden desKollegs aus ganz Europauntersuchen die Entstehung desAntisemitismus in dem begrenztenZeitraum: im habsburgischen Galizien,den Kronländern Kroatien-Slawonien,Rumänien, Litauen, Bulgarien, Griechenland,Kongresspolen, Dänemark und Schwedensowie in Oberungarn. Sie prüfenund vergleichen den Nährbodenpolitischer, sozialer und wirtschaftlicherVerhältnisse, auf dem sich diejudenfeindlichen Hasstiraden in Europaausbreiteten.

„Gerade in denosteuropäischen Ländern herrscht großerNachholbedarf in der Forschung“,erläutert Wyrwa. „So stießenunsere Doktoranden mitunter aufUnverständnis und Widerstände, alssie je ein Jahr inihren Heimatländern Material sammelten“,berichtet Wyrwa.

Alle Doktoranden werden voneiner universitären oder außeruniversitärenForschungseinrichtung in ihrem Landmit betreut. Finanziert wird dasKolleg von der Volkswagen-,Thyssen- und Henkel-Stiftung, demCusanuswerk und der Fondationpour la Mémoire de laShoah. Als Ergebnis entsteht dieSchriftenreihe „Studien zum Antisemitismusin Europa“, deren erster Band„Prag ist nunmehr antisemitisch– Tschechischer Antisemitismus amEnde des 19. Jahrhunderts“soeben erschienen ist.

Neben den Dissertationenumfasst die Reihe auch eingesamteuropäisches Fazit zum antisemitischenKulturtransfer, einen VergleichDeutschland-Italien sowie einen VergleichDeutschland, Österreich und Frankreich.Mit einem Band zur Entwicklungvon Antisemitismus in Deutschlandund den USA wird außerdemüber Europa hinaus geblickt.

Mit dem Abschluss desProjekts sind die Fragen zurEntstehung des Antisemitismus inEuropa, der im Gräuel desdeutschen Holocaust seinen Höhepunktfand, noch lange nichtbeantwortet. Die mentalen Erschütterungendes Ersten Weltkriegs hattengravierende Folgen für Europa:die russische Revolution, denSturz des deutschen Kaiserreichesund den Zusammenbruch derHabsburger Monarchie. HemmungsloseGewaltpolitik und tiefe Verunsicherungdes bürgerlichen Mittelstandes warendie Folge. Es entstandenautoritäre und gewaltbereite politischeEinstellungen, Faschismus undNationalsozialismus.

„Auch die Begegnungendeutscher Soldaten mit ,Ostjuden’zwischen 1914 und 1918 hattenverhängnisvolle Wirkungen für dieantisemitische Weltsicht der Soldatenund deren brutales Handeln imZweiten Weltkrieg“, sagt Wyrwa.„In der historischen Forschungwurden sie jedoch bisher kaumwahrgenommen.“ Hier setzt dasNachfolgeprojekt an, das bei derEinstein-Stiftung Berlin beantragt ist.„2014 jährt sich zum 100.Mal der Ausbruch des ErstenWeltkrieges“, sagt der Wissenschaftler.„Das neue Forschungskolleg könnteeinen wichtigen Beitrag zurBetrachtung dieses Jahrhundertereignissesleisten.“

 

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