Zeitung Heute : Rael-Sekte: Die Monstermacher

Ralph Obermauer

Kürzlich schrieb Rael einen Brief an die japanische Kaiserfamilie. Bei Kronprinz Naruhito und seiner Frau Masako war damals noch kein Nachfolger in Sicht, und alle Welt fragte sich, woran das wohl liegen könnte. Sektenführer Rael bot dem japanischen Paar eine Lösung an - er wollte den beiden einfach einen Nachfolger klonen. "Schließlich kann die Kaiserfamilie doch kein Kind adoptieren", sagt Rael. Nun ist Prinzessin Masako glücklicherweise doch noch schwanger geworden, und die Nachfolgerfrage scheint gelöst. Rael hat damit einen seiner bestmöglichen Werbeträger verloren. Aber ihm geht es ohnehin nicht um die Sicherung der kaiserlichen Herrschaft, ihm geht es um mehr, die Unsterblichkeit: "Man braucht einen Klon zur Wiedergeburt", sagt Rael.

Seine Sekte ist, nachdem amerikanische Medien über sie berichtet hatten, ins Gerede gekommen. Ihre Vorstellungen klingen einerseits nach harmlosem Science-Fiction-Klamauk, andererseits sind die Raelianer womöglich dabei, ein Horrorszenario zu verwirklichen, vor dem Kritiker seit der Geburt des Klon-Schafes Dolly warnen. Es heißt, sie unterhielten weltweit das einzige Forschungslabor, in dem bereits versucht wird, ein menschliches Baby zu klonen. Die Sekte hat weltweit schätzungsweise 25 000 Anhänger und verfügt mit ihrer Firma Clonaid nach eigenen Angaben auch über Labore und das nötige Know-how zum "reproduktiven Klonen" - das heißt, sie wollen aus einer Körperzelle einen genetisch identischen Zwilling schaffen.

Zu Besuch bei Rael, in einer Niederlassung seiner Bewegung in der Nähe von Montreal / Kanada. Das Gebäude auf einem entlegenen Hügel trägt den Namen "Ufo-Land" und sieht aus wie eine futuristische Scheune. Es ist aus Strohballen gebaut, die von Stahldrähten und dünnen Betonplatten zusammengehalten werden. Ufo-Land beherbergt auch eine Ausstellung zu raelistischer Ufo-Logie und Exponate zu Genforschung und Klonen.

Zehn vor vier, bald ist es Zeit für Raels Auftritt. Rael, der vor seiner Laufbahn als Sektengründer Autorennen fuhr, gibt ausschließlich um Viertel nach vier Uhr nachmittags Interviews. Shizue Kaneko, seine junge PR-Assistentin, stellt sich vor. Sie ist ganz in Rot gekleidet und hat lange schwarze Haare. Vor kurzem ist sie aus Tokio hierher gekommen, um Rael bei der Arbeit zu helfen. Shizue weist den Weg in die hinteren Gemächer, bittet darum, die Schuhe auszuziehen und beim Händeschütteln mit Rael nicht zu sehr zuzudrücken. Es ist vier Uhr fünf, noch ist die Tür zu seinem Büro verschlossen.

Um all die Sonderbarkeiten und die Person Rael zu verstehen, soweit das überhaupt möglich ist, sollte man ein paar Dinge über ihn und seine Sekte wissen. Rael heißt mit bürgerlichem Namen Claude Vorilhon. In einem Vulkankrater bei Clermont-Ferrand in seiner Heimat Frankreich soll er am 13. Dezember 1973 ein UFO erblickt haben, aus dem außerirdische Wesen, die Elohim, gestiegen seien; sie haben, so geht die Legende, Rael enthüllt, dass sie vor 25 000 Jahren die Menschheit mit Hilfe der Gen- und Klontechnik erschaffen hätten. Den Namen Elohim, im Hebräischen eine Bezeichnung für Gott, übersetzt der selbsternannte Messias Rael mit "die vom Himmel kommen". Die Elohim baten ihn angeblich bei ihrer Begegnung um die Errichtung eines Botschaftsgebäudes auf der Erde und lieferten ihm den Bauplan gleich mit. Ein hölzernes Modell der erwünschten Architektur kann im Museum von Ufo-Land besichtigt werden. Im Jahr 2025 sollen die Bauarbeiten erledigt sein, dann soll das neue paradiesische Zeitalter anbrechen, dann können die Elohim zurückkommen. New Age, das heißt für die Realianer: Unsterblichkeit durch Klonen.

Man könnte sie für esoterische Spinner halten, aber die Raelianer darauf zu reduzieren wird der ganz realen Gefahr nicht gerecht, die von ihnen ausgeht. Sie haben einen entscheidenden Vorsprung vor allen anderen Forschergruppen: Sie haben genügend Frauen, die ihnen als Eispenderinnen zur Verfügung stehen. Bei der an Tieren erfolgreich getesteten "Kerntransfer-Methode" wächst nur etwa jedes hundertste Ei, das mit fremdem Erbmaterial versehen wurde, zum reifen Fötus heran. Da ist es für die Raelianer von Vorteil, dass sich schon 50 Frauen gemeldet haben, die sich ihrem Messias als Eispenderinnen und Leihmütter zur Verfügung stellen wollen.

50 Leihmütter stehen bereit

Ende März wurden Rael und die wissenschaftliche Direktorin seines Unternehmens Clonaid, Brigitte Boisselier, bereits zu einer Anhörung im amerikanischen Kongress geladen. Noch ist das Klonen von Menschen in den USA nicht offiziell verboten, doch Präsident George Bush würde ein solches Gesetz wohl unterstützen. Ähnliche Bestrebungen waren bisher am Druck von Biotech-Lobby und Patientengruppen gescheitert. Neben Panos Zavos von der University of Kentucky, Partner des italienischen Klon-Vorkämpfers Severino Antinori, waren die Raelianer bei dieser Anhörung die einzigen direkten Befürworter der Technik.

Obwohl sich in der "Lehre" Raels neben Wissenschaftsglauben und allerlei New-Age-Elementen auch unsägliche Albernheiten finden, treten durchaus Akademiker in die Gruppe ein, darunter auch Naturwissenschaftler. Zum Beispiel Brigitte Boisselier. Die französische Biochemikerin hat früher bei der Firma Air Liquide gearbeitet und wurde dort wegen ihrer Verbindungen zu Rael entlassen. Nach der Übersiedlung in die USA arbeitete sie am Hamilton College in New York, gab die Arbeit dort aber kürzlich auf, um sich ganz der neuen Aufgabe zu widmen. Persönlich ist sie nicht zu sprechen, aber am Telefon sagt sie, dass Clonaid seit September ein Laboratorium in den USA an einem geheimgehaltenen Ort hat. Niemand hat es bis jetzt gesehen. Außer ihr arbeiten in dem Forschungszentrum angeblich drei weitere Wissenschaftler am ersten geklonten Baby. Über den Fortschritt ihrer Experimente äußert sich Boisselier zuversichtlich: "Wir haben nun die Versuche mit Kuhzellen aufgegeben und erwarten, in wenigen Wochen einen ersten menschlichen Embryo zu erhalten, der implantierbar wäre." Zu den bereitstehenden Leihmüttern gehört auch Boisseliers erste Tochter Marina Cocolios; sie ist 22.

Die Zeit drängt für Rael

Viertel nach Vier. Die Tür öffnet sich. "Hallooo, Shizue. Das ist aber eine liebe Überraschung!" Rael trägt ein weißes Oberteil mit wattierten Schultern und Brustpolster, auf dem ein Medaillon mit dem Zeichen der Unendlichkeit ruht, darunter eine weiße Hose. Sein sonnenerleuchtetes Domizil ist sparsam eingerichtet: Futon, Schreibtisch, Computer und Stühle für die Besucher. "Klonen wird uns unsterblich machen", beginnt er augenblicklich zu dozieren. "Zuerst wird man Babys klonen, dann wird man das beschleunigte Zellwachstum erfinden und Erwachsene direkt in Sekundenschnelle klonen. Als Letztes wird man lernen, die im Gehirn gespeicherten Erinnerungen und die Persönlichkeit in einen anderen Körper zu übertragen. Dann wachen wir nach der Download-Operation auf und haben denselben Körper, bloß 50 Jahre jünger!" Höchstens 20 Jahre wird es dauern, bis es so weit ist, sagt Rael, "vorausgesetzt, der technische Fortschritt wird nicht aufgehalten." Ihn drängt die Zeit, er ist 55.

Mit dem ersten Schritt des Klonens, sagt Rael, werde es ein wenig schneller gehen. Ein Ehepaar, das ungenannt bleiben will, hatte vor etwa einem Jahr ein Baby im Alter von zehn Monaten durch einen ärztlichen Kunstfehler verloren und beauftragte Clonaid für 500 000 Dollar mit dem Klonen seines Kindes. Vor dem US-Kongress verlasen Rael und Boisselier einen Brief ihres Auftraggebers. Darin heißt es, die Eltern wollten "dem genetischen Code des toten Babys eine zweite Chance geben, sich auszudrücken".

Rael hat Zavos und Antinori, die noch auf der Suche nach einem Labor sind, die Zusammenarbeit angeboten, doch das ging selbst denen zu weit. "Die wollten nicht, weil wir eine Sekte sind", sagt Rael, und wirkt dabei etwas beleidigt. Der Physiker Richard Seed, der Ähnliches plant, hat sich immerhin mit Rael getroffen. "Ein interessanter Mann, doch er ist nicht bereit zu handeln."

Unter Experten herrscht Übereinstimmung, dass die Klon-Technik noch extrem unausgereift und riskant ist. Die meisten geklonten Säugetiere sterben schon im Mutterleib, viele kommen fehlgebildet zur Welt, und manche entwickeln noch weit nach der Geburt schwere Missbildungen. Für jedes erfolgreiche Experiment bei den bisher geklonten Arten Maus, Kuh, Schaf, Ziege und Schwein sind viele Versuche notwendig. Die Erfolgsquote liegt zwischen zwei und 20 Prozent. Rael hält das alles für Propaganda der Anti-Klon-Fraktion: "Man hat bei der menschlichen In-Vitro-Fertilisation viel mehr Erfahrung als bei Tieren. Wir gehen von einer Erfolgsquote von 30 bis 40 Prozent nach der Implantierung aus. Wir werden also wahrscheinlich nicht viel mehr als zehn Leihmütter benötigen." Nach der Implantierung werde man das Wachstum genau beobachten und den Fötus, wenn nötig, abtreiben, sagt Rael und lobt die jungen Frauen, "die sich für den Fortschritt der Menschheit zur Verfügung stellen und außerdem noch einem kinderlosen Ehepaar dabei helfen".

Embryonenschutz und die Erwägungen etwa europäischer Ethik-Kommissionen sind für die Raelianer völlig abwegig. "Embryos im Frühstadium sind doch bloß Zellhaufen. Und zum Zeitpunkt der Abtreibung im Falle einer Fehlentwicklung reden wir von der Größe einer Himbeere."

Die Vorstellung, dass eine so gefährliche Technik wie das Klonen auch noch als Erstes von einer Sekte getestet werden könnte, ist beängstigend - und doch irgendwie passend zu der Idee des Klonens selbst, die ja in vielen Science-Fiction-Filmen auftaucht. Claude Vorilhon ist eine Figur des Pop-Zeitalters. Er mag Spielbergs Filme und auch Brian de Palmas "Mission to Mars". Da gibt es eine Version der Schöpfungsgeschichte, die fast identisch ist mit der Klon-Legende der Elohim.

Immer, wenn ein neuer Spielberg-Film ins Kino kommt, läuft eine grandiose PR-Maschine an. Auch Rael hat ein großes Talent für Public Relations. Der gegenwärtige Mediensturm ist trotz des vielen Spotts und der Entrüstung natürlich eine glänzende Werbung für seine Sekte. Das ist vielleicht der Grund, warum Rael seine Versuche im Labor vor der Öffentlichkeit verbirgt. Missgebildete Babys oder verzweifelte Leihmütter wären sicher keine gute Presse für das Unternehmen Clonaid. Da ist Rael auf einmal ganz rational: "Niemand will kleine Monster oder 20 identische Babys sehen. Das wäre einfach schlechte Werbung!"

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