Zeitung Heute : Räsonieren beim Rasieren

Der Tagesspiegel

Beim Rasieren sollen Viktor Auburtin viele seiner Feuilletons eingefallen sein. Der Großartige war ausweislich der wenigen von ihm bekannten Fotografien stets tadellos rasiert. Diese alltägliche Pflichtübung eines jeden Mannes, der alles auf sich hält, nur keinen Bart, hat wirklich viel für sich. Die erste frühmorgendliche Begegnung mit sich selbst vorm Rasierspiegel ist ja auch die erste still-beredte Zwiesprache: Ick kenn dir zwar nich, aber trotzdem rasier’ ick dir. Der Mann bläst seine Backen auf, um in jeder Lebensfurche roden zu können. Er reckt keck das Kinn und geht sich geläufig an die Gurgel. Je nach Stimmung grimassiert er grimmig oder albern. Das sind kostbare Minuten, die du mit dir von Angesicht zu Angesicht allein bist. Du fichst widerborstig vorm vergrößernden Hohlspiegel gegen den Wildwuchs im eigenen Antlitz, stellst es geglättet her für einen neuen Tag.

Ein Bekannter – passionierter Bartträger, versteht sich – wollte mich ermuntern, meine alltäglich mit Rasieren verplemperte Zeit mal auszurechnen: Vergeudete Lebenszeit! rief er und warb für Rasurverzicht. Ich könne–riet er–doch diese zehn, fuffzehn Plemperminuten schöpferischer nutzen, weswegen ja – meint er – viele Künstler Bart trügen. Ob ich denn schon mal darüber nachgedacht hätte. Worüber? Über die obligaten Bärte von Künstlern. Ebenso gut könnte ich die Warterei auf verspätete Bahnen und Busse auf ein Berufsleben berechnen. Zu welcher neuen Erkenntnis? Wer wartete nicht zeit seines kleinen Lebens immerfort auf etwas, das er vage mit Glück umschleiert, auf das er ebenso wenig Einfluss nehmen kann wie auf den Bus mit seiner verdammten Verspätung. Es kommt doch darauf an, wie ich mit der Wartezeit umgehe, sie mit etwas anderem ausfülle, um sie nicht zu verplempern. Der ratschlagende Bartmensch hat offenbar keine Ahnung von den stillen zehn, fuffzehn morgendlichen Aug–in Auge–Minuten. Da grast der Feuilletonist gedanklich die Weide, auf die er gestellt ist, nach einem Feuilleton ab. Was läge da näher als der Bart an sich. Um diesen ranken sich – welch ein belustigendes Bild! – allerlei Redensarten.

In einem Buch über Redensarten las ich, dass nach altgermanischer Vorstellung der Bart als wichtigster Teil eines Mannesgesichts galt. Beim Barte wurde geschworen. Aber es war nur dem Freien gestattet, bärtig zu sein. Der Knecht oder Sträfling hatte sich zu rasieren. Das führt uns ins Bayrische. Dort ist der Flegel, Lümmel, der Ungehobelte ein Gscherter, also Geschorener, Rasierter. Das ließ ich mir von publizistisch-bayerischer Seite , die in Berlin jetzt auf bundesdeutsche Belange ansitzt, bestätigen.

Und da kommt es nun wiederum darauf an, wer das Recht hat, über Gscherte zu befinden. Ein wildwüchsiger Bart macht noch lange keinen Künstler, er kann ein Gesicht zwar ziemlich verkrauten , aber an der entscheidenden Gesichtspartie, der Stirn über den Augen, bleibt das Antlitz eines Menschen bartfrei. Und wer sich in der Absicht, Herrschenden die Stirn zu bieten, einen Bart stehen ließ, hat sich dabei etwas gedacht. Ich denke an die vielen zumal protestantisch-bärtigen Bürgerrechtler der DDR. Hier wurden die Bärte zum leibeigenen Abzeichen gegen die Knechtschaft, gegen die glatte Anpassung, in der alles über einen Kamm geschoren wurde.

Unsere deutsche Sprache ist in ihren Redensarten bildstark. Nun können wir uns über Kaisers Bart noch so sehr streiten, es geht bei diesem Bart nicht um den eines Kaisers, sondern um ein in schwäbischen Mündern zerkautes Geishaar, also um das einer Zicke. Und das hat nun wieder eine noch tiefere Haarwurzel. Der Dichter Horaz hatte sich über einen seinerzeitigen Streit lustig gemacht, ob Ziegenhaare gleich dem Schafskleid Wolle genannt werden dürfte. Was schert’s mich. Beim Rasieren kam mir der Gedanke, darüber ein wenig zu räsonieren.

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