Zeitung Heute : Räume der Nähe in den Weiten der Netze

Kurt Sagatz

Auf den ersten Blick hat sich nicht allzu viel verändert. Nachdem Reinickendorfs Bezirksbürgermeisterin Marlies Wanjura an diesem Mittwochvormittag das Band für den "Medienmarathon 2001" der Berliner Bibliotheken durchschnitt, rannten die eingeladenen Schüler los wie eh und je und besetzten die aufgebauten Internet- und Multimedia-Computer in der Humboldt-Bibliothek am Tegeler Hafen. Der Reiz der Neuen Medien ist auch bei den diesjährigen Bibliotheks-Medientagen, inzwischen den fünften dieser Art, ungebrochen. So vieles gibt es zu entdecken, denn das Angebot aus Spielen, Infotainment-Titeln und Lernsoftware ist in den letzten Jahren nicht nur größer, sondern auch besser geworden. Und auch im Internet richten sich inzwischen diverse Websites genau an die junge Zielgruppe. Aktuelle Informationen, aufbereitet für Kinder oder jugendliche Nutzer, letzte News zu Britney Spears und anderen Pop-Größen sowie Sport-Informationen und Diskussionen um die ewigen Themen der Pubertät sichern Sites wie Bravo.de, kindercampus.de oder der Suchmaschine von blindekuh.de anhaltenden Zuspruch.

Doch in diesen Tagen ist eben nichts mehr wie zuvor. Denn es hat einfache und nachvollziehbare Gründe, dass sich Berlins Bibliotheken in den letzten Wochen größerer Beliebtheit erfreuten. Nach den Anschlägen des 11. September, aber auch bedingt durch die militärischen Auseinandersetzungen in Afghanistan und nicht zuletzt durch die Angst nach den Milzbrand-Anschlägen in den Vereinigten Staaten suchen die Menschen nach Informationen, erläutert Claudia Lux, Chefin der Zentral- und Landesbibliothek. Und noch etwas suchen die Besucher der Bibliotheken in Tagen wie diesen: "Räume der Nähe", wie Claudia Lux es nennt. Orte, an denen sich Menschen begegnen, um zumindest zu versuchen, den Geschehnissen wenn nicht einen Sinn zu geben, dann wenigstens sie verstehen, sie nachvollziehen zu können. Bücher über den Islam, zum Thema Terrorismus, aber auch Literatur über gefährliche Krankheiten haben sich im Buchhandel und in den Bibliotheken zu den am meisten nachgefragten Druckerzeugnissen gewandelt.

Insgesamt 98 Veranstaltungen an 28 Orten der Stadt fanden beim diesjährigen "Medienmarathon" statt. Am heutigen Freitag erreicht er sein Ziel. Unterstützt wurde er von allen Berliner Bezirken - mit Ausnahme von Neukölln und Steglitz. Und auch wenn sich die Multimedia-Tage wie schon in den Vorjahren in erster Linie an die jüngeren Besucher richtet, so geht der multimediale Anspruch der Bibliotheken inzwischen weiter. Zum einen sehen sich Eltern verstärkt gefordert, ihre Kinder im Weg durch die weltweiten Netze zu begleiten. Um sicher zu sein, dass sich der Nachwuchs nicht jenseits der erlaubten Wege bewegt, müssen sich Eltern, aber auch Lehrer oder Erzieher im Web zumindest einigermaßen auskennen. Doch nicht wegen der Kinder fühlen sich viele Erwachsene im Netz reichlich hilflos. Häufig geht es um so grundsätzliche Dinge wie den richtigen Umgang mit Suchmaschinen, an denen die Nutzung des Netzes mit seinem weiter wachsenden Informationsangebot scheitert. Auch hier wollen die Bibliothekare helfen. Nicht nur während des "Medienmarathons" mit seinen zahlreichen Internet-Einführungen, sondern auch während des normalen Betriebs. Damit könnten die Bibliotheken schließlich wieder an Attraktivität gewinnen. Auch wenn die Ausleihzahlen der Einrichtungen jährlich in Millionen gemessen werden, ist dennoch sicher, dass viele Menschen genauso selten in eine Bücherei gehen wie in die Kirche.

Kinder haben da vermutlich weniger Berührungsängste. 20 Prozent aller Ausleihen finden in den Kinder- und Jugendbereichen der Bibliotheken statt. Häufig waren dabei das Interesse an einem Film, einer CD oder eben an einem Computerspiel und der bibliothekseigene Internet-Zugang der entscheidende Auslöser, um sich neben den elektronischen Medien auch wieder den klassischen Bibliotheksbeständen zuzuwenden. Oder den ganz neuen Angeboten, schließlich kommen ständig neue Formen hinzu, auf denen Medien gespeichert werden. So haben die Reinickendorfer gerade jetzt den Grundstock für ein kleines DVD-Angebot gelegt. 250 Filmtitel auf den digitalen Datenträgern bietet die Humboldt-Bibliothek am Tegeler Hafen seit Donnerstag an. Da langfristig die DVD die Videokassetten ablösen dürften, wird es nicht bei den bescheidenen Anfängen bleiben können.

Ob das ein Grund für die Generation "50 plus" ist, öfter in die Bibliothek zu gehen, ist allerdings eher unwahrscheinlich. Sicher ist jedoch, dass gerade diese Generation sich verstärkt mit dem Internet beschäftigt und dankbar ist für Anleitungen und Hilfen. Wiederum geht es darum, Suchmaschinen und andere Internet-Tools verzweiflungsfrei einzusetzen. Häufig jedoch scheitert es bei älteren Menschen an viel grundlegenderen Dingen. Windows für Anfänger und der richtige Umgang mit Schreibprogrammen wie Word sind zumindest genauso große Probleme. Und dies nicht nur für Menschen über 50, denn auch jüngere Computernutzer können im Umgang mit Geräten wie Scannern oder Digitalkameras noch dazulernen, meint ZLB-Chefin Lux. An Betätigungsfeldern im Bereich Medienkompetenz mangelt es den Bibliotheken somit nicht, eher an den notwendigen Mitteln.

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