RAF-DRAMA „Wer wenn nicht wir“ : Zu allem entschlossen

Foto: Senator
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Mit süffisanten Kommentaren musste er rechnen. Als Dokumentarfilmer ist Andres Veiel anerkannt, ist ihm der Thron sicher: für „Black Box BRD“, „Die Überlebenden“, für „Der Kick“ und die anderen. Aber darf man einen Nachbar-Thron ins Auge fassen? Da schauten – auf der Berlinale – alle sehr genau hin. Und verneinten mehrheitlich.

„Wer wenn nicht wir“ ist Veiels erster Spielfilm. Wieder geht es um die Gewalt und ihren Ursprung, geht es um den deutschen Terrorismus, aber nicht wie in „Black Box BRD“ um die späte Phase. Diesmal wollte Veiel die Urszene, die Ur-Urszene. Und die ist anders, als viele noch immer denken.

Achtundsechzig sei eine Generation gegen ihre Väter aufgestanden? Veiel zeigt, wie zwei Menschen, Gudrun Ensslin und Andreas Baader, zu Ende bringen wollen, was ihre Väter begonnen haben. Mütter und Väter, Söhne und Töchter als Verbündete im Kampf gegen den Faschismus. Doch Ensslins Vater erkennt den kritischen Punkt: Was, wenn der Faschismus gar nicht kommt?

Und da ist noch einer, Veiels eigentliche Hauptfigur, der Nazidichtersohn Bernward Vesper: Gudrun Ensslins Freund, Gefährte, der Vater ihres Kindes. August Diehl spielt diesen jungen Mann, nach dem so viele Hände aus Vergangenheit und Zukunft greifen, mit großartiger Intensität von den Augenblicken glücklichster Selbstvergessenheit bis hinein in den Sog der Selbstzerstörung. Und die noch fast unbekannte Lena Lauzemis als Gudrun Ensslin ist ein Ereignis. Wie plötzlich in ihrem sanften Gesicht ein zu allem entschlossener Zug stehen kann. Und beide gemeinsam: Sie tragen diesen Film, tragen ihre Zeit, und die Zeit trägt sie, in Genuss und abgründiger Enttäuschung. Nur beider Untergang findet getrennt statt. Zurück bleibt ein Kind. Und ein Buch, Vespers „Die Reise“, bald als „Vermächtnis einer ganzen Generation“ erkannt.

Dennoch, es ist kein großer Film geworden. Das liegt zum einen an der Art, wie Veiel immer wieder das Dokumentarmaterial einbindet. Er wollte, dass wir es nun anders sehen mögen als gewohnt und legt zur Beförderung die Schlager der Saison darüber, auch über die tödlichen Szenen in Vietnam. Dieser Effekt in Wiederholung ist ruinös. Und zum anderen ist da der Zwang des großen Bogens, der keine Station auslassen will, um die Folgerichtigkeit des Ganzen nicht zu schmälern. Was „Wer wenn nicht wir“ immer mehr zu einer Art Hürdenlauf macht. Ambitioniert. Kerstin Decker

D 2011, 126 Min., R: Andres Veiel, D: August Diehl, Lena Lauzemis, Alexander Fehling

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