Zeitung Heute : "RAF"-Prozess: Wiedersehen in Stammheim

Christoph Schlegel

Die Rebellin fügt sich. Sie sitzt hinter dem großen weißen Tisch, hat vor sich eine durchsichtige Plastiktüte liegen und schaut den Vorsitzenden konzentriert an. Sie trägt rote Strickweste und Jeans, um den sehnigen Hals hat sie eine Kette mit lilafarbenen Steinen gelegt. Sie sieht angestrengt aus mit ihrem schmalen Gesicht, wie jemand, der ein hartes Leben hinter sich hat.

Die Frage, wie hart Andrea Klump gelebt hat, wird zurzeit vor dem 5. Strafsenat des Oberlandesgerichts in Stuttgart verhandelt, bei einem der letzten Prozesse gegen ein mutmaßliches Mitglied der Rote Armee Fraktion (RAF). Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, zweifacher Mordversuch, Geiselnahme und Erpressung werden der 43-Jährigen vorgeworfen, die Bedrohung einer ganzen Republik.

Ein Prozess gegen Staatsfeinde von links - das klingt nach längst Vergangenem, nach einem versiegelten Kapitel deutscher Geschichte. Die RAF ist dahingesiecht, und gegen die Angeklagte hat man wenig in der Hand. Eine etwas verunsicherte Beamtin des Bundeskriminalamts musste schon einräumen, dass man nicht "abschließend beurteilen" könne, ob sie überhaupt RAF-Mitglied gewesen sei. Das Bundesamt für Verfassungsschutz entdeckte bei Andrea Klump gar eine "kritische Haltung" gegenüber der RAF, allerdings erst seit 1998.

Andrea Klump selbst hat zu Beginn der Verhandlung erklärt: "Mein Weggehen hatte nie den Zweck, mich in der RAF zu organisieren." Für sie sei es nie vorstellbar gewesen, sich zu bewaffnen oder bewaffnet zu kämpfen. Gegenüber Waffen habe sie "Berührungsängste". Das verkündete sie noch in Stammheim, denn dort fand der Prozessauftakt statt, in der berüchtigten Mehrzweckhalle. In jenem Furcht einflößenden Gebäude, in dem von 1975 an der Prozess gegen den harten Kern der RAF geführt wurde, gegen Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Ein Prozess, der die Republik aufgewühlt hatte. Aber das ist lange her, sehr lange.

Heute wird nur in den Taschen gewühlt. Die Zuhörer und Journalisten werden immer noch gefilzt, als sei Bedrohung hier und jetzt. Jackentaschen werden geleert. Finger tasten die Besucher ab. Der Geldbeutel, der Schlüssel, das Handy verschwinden in einem durchsichtigen Plastiksack, dieser wiederum wandert durch die Hände mehrerer Beamter. Um das Gebäude traben berittene Polizisten, und auf den Mauern wölbt sich der Stacheldraht.

So muss es auch 1975 gewesen sein, als der Staat herausgefordert wurde. Heute sind es die kleinen Merkwürdigkeiten, die Stammheim den Schrecken nehmen. Vor dem Saal sind einige Pressetische eingerichtet, abgeschirmt mit durchsichtigen Plastikwänden. An diesen Arbeitsplätzen stehen Telefone bereit, und es sind tatsächlich immer noch Apparate mit Wählscheiben. Es liegen Telefonbücher von 1992 aus, und an der Wand hängt ein Zigarettenautomat, in dem bedenklich angejahrte "Lord"- und "Ernte 23"-Packungen lagern.

Man sei aus "organisatorischen Gründen" nach Stammheim raus, sagt ein Sprecher des Oberlandesgerichts. Es sei nicht die Absicht gewesen, noch mal ein bisschen Stärke zu zeigen. So sitzt die mutmaßliche Terroristin mit ihren beiden Anwälten ganz verloren an den langen weißen Tischen in der Stammheimer Halle. Hinter dem Strafsenat stehen mehrere Meter Akten aufgereiht. Die Ordner finden sich auch eine Woche später im Oberlandesgericht in der Innenstadt wieder. Hier wird weiter prozessiert, der benötigte Saal 1 im Gericht ist wieder frei. Es reiten keine Polizisten um das Haus, und die Handys werden nur in einem zum Sicherheitsdepot umfunktionierten Putzraum deponiert. Beim Kopieren der Personalausweise am Eingang streikt der Kopierer, und die beiden Justizbeamten müssen die Besucher per Hand und Kuli erfassen. Das nimmt die letzten Schrecken.

Es wird weiter verhandelt. Obwohl "das doch sowieso keinen mehr interessiert", wie Stephanie Klump sagt. Sie ist eine von Andrea Klumps sieben Schwestern, von denen mindestens zwei regelmäßig den Prozess verfolgen. Sie registrieren jede Regung ihrer Schwester, sie murren, wenn Richter Udo Heissler die Angeklagte aus Versehen mit "Frau Hogefeld" anspricht. Auch sie forschen ins Vergangene. Sie haben ihre Schwester 15 Jahre lang nicht gesehen.

Was war der Nato-Doppelbeschluss?

Es war 1984, damals, in dieser anderen Zeit, und plötzlich war Andrea weg. Die Schwestern Stephanie, Annegret und Andrea hatten in Frankfurt gelebt und auf der Straße gegen die Startbahn-West gekämpft, es gab Sitzblockaden an Raketenstützpunkten und Proteste gegen den Nato-Doppelbeschluss. "Heute weiß ich nicht einmal mehr, was der Inhalt des Nato-Doppelbeschlusses eigentlich war", sagt Stephanie. "Die Andrea" hat sich damals für die inhaftierten RAF-Mitglieder engagiert. Sie hat Briefe ins Gefängnis geschrieben, hat die Terroristen besucht, hier in Stammheim. Und plötzlich war sie im Visier der Ermittler. Plötzlich war ihr Bild auf einem Fahndungsplakat, stand sie unter Druck. So berichtet es Andrea Klump in ihrer Erklärung vor Gericht, so erzählt es die Schwester. Sie glaubt an eine Kriminalisierung in einem verschärften politischen Klima. Andrea sei in den Graubereich rund um die RAF reingerutscht, weil der Staat Schuldige brauchte. Das sagt Stephanie Klump heute. Es ist eine mögliche Erklärung.

Die andere: Wir sind "alle etwas rebellisch", sagt Stephanie Klump, die noch heute gekleidet ist im Stil der Friedensbewegten der achtziger Jahre mit ihrem Halstuch und ihren schwarzen, etwas ausgeblichenen Jeans. Im kleinen Ort Oestrich im Rheingau, da sind die Klumps groß geworden. Der Vater hatte eine Textilfirma, die riesige Familie war bekannt. Der einzige Bruder, ein Hippie, trampte auf dem Landweg bis in den Irak und erzählte seinen kleinen Schwestern von der APO. Er trug lange Haare und machte den Mädchen klar: Wenn ihr anders sein wollt, seid es. Im Ort fielen sie fortan auf, indem sie Fällen von Euthanasie aus der NS-Zeit nachgingen.

Dann war Andrea weg. Das nächste Mal, sagt Stephanie, habe sie die Schwester hinter der Trennscheibe eines Wiener Untersuchungsgefängnisses gesehen. Das war 15 Jahre später, im Jahr 1999, Stephanie hat inzwischen grau melierte Haare. Ihre Schwester ist nach einer Schießerei mit der Polizei festgenommen worden. Andrea Klumps Begleiter, Horst-Ludwig Meyer, auch ein Gesuchter, wurde dabei getötet. Was sie in Wien wollten, ist noch nicht klar. Sie sollen als Heidi und Jens in einer Wohngemeinschaft gelebt haben, sagen die Ermittler. Es heißt, Andrea und Horst-Ludwig Meyer seien ein Paar gewesen und hätten ihren Lebensunterhalt mit Straftaten bestritten. Eine bei Meyer gefundene Pistole war 1996 bei einem Überfall auf eine Supermarktkassiererin benutzt worden, bei dem eine Frau schwer verletzt wurde.

Die Hoffnung, dass sie sich meldet

"Wir saßen aufrecht vor dem Fernseher, als die Meldungen aus Wien kamen", erzählt Stephanie Klump. Da tauchte der Name ihrer Schwester wieder auf. Nach all der Zeit, in der sich die Eltern gefragt haben, was sie verkehrt gemacht haben. "Mitglied in der RAF - das muss für Eltern etwas ganz, ganz Schreckliches sein, dass die so ein Monster sein soll, die eigene Tochter", sagt Stephanie. Es war zu viel des Andersseins in der linken Familie, in der die Mutter schon früh die Grünen wählte.

In den Jahren nach 1984 werden die Klumps überwacht, abgehört und beobachtet. "Es ist immer dasselbe Auto hinter mir hergefahren, ich habe mich aber immer gefragt, warum die mich jetzt beim Einkaufen beobachten", erzählt Stephanie und behauptet, sie und Andrea hätten "tatsächlich keinen Kontakt" gehabt. Sie habe "viel zu viel Angst gehabt, dass es irgendwo rauskommt". Sie setzte zwar bewusst immer ihren kompletten Namen ins Telefonbuch. In der Hoffnung, dass sich die abwesende Schwester meldet. Oder dass sie über eine Kleinanzeige Kontakt aufnimmt. Andrea hat es nicht getan. Aber sie blieb ein Thema. Und sei es nur, als der damals 13-jährige Sohn von Stephanie Klump mit seiner Schulklasse zum Sommerfest beim Bundeskanzler eingeladen wird. Er habe Angst gehabt, wegen seines Namens Probleme beim Kanzler zu kriegen. Und das wegen einer Tante, die nicht da war.

Bis zu jenem Tag an der Trennscheibe in Wien, im Oktober 1999. Andrea Klump hatte nach ihrer Festnahme beharrlich geschwiegen und dann lediglich darum gebeten, mit ihren Geschwistern in Kontakt treten zu dürfen. "Wir hatten alle hochrote Köpfe und ständig Schweißausbrüche, wir durften nicht über die Verhaftung reden und haben nur familiäre Sachen ausgetauscht", erzählt Stephanie. Sie mussten ihre Schwester, die per Haftbefehl von 1992 Gesuchte, auf den neuesten Stand bringen. Darüber, dass die Mutter 68-jährig, der Bruder 43-jährig gestorben ist, über die vielen Kinder, die die Familie in der Zwischenzeit vergrößert haben. Sie tasten sich ab und erfahren wenig über Andreas vergangene 15 Jahre. Wie auch das Gericht.

Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass Andrea Klump 1988 im spanischen Rota einen Bombenanschlag geplant und vorbereitet hat. Vor dem Hotel "Playa de la Luz", das hauptsächlich von amerikanischen Soldaten bewohnt wurde, sollte in einem geklauten Moped die mehrere Kilo schwere Bombe platzen. Der Anschlag missglückte. Drei Verdächtige - zwei davon sollen Andrea Klump und Horst-Ludwig Meyer gewesen sein - lieferten sich mit der spanischen Polizei eine Schießerei, nahmen eine britische Touristenfamilie gefangen und flüchteten in deren Wohnmobil. Nach der Flucht haben die Fahnder Reisedokumente entdeckt, auf denen die Handschrift der heute Angeklagten zu erkennen war. Es hieß auch lange, sie und Horst-Ludwig Meyer seien an dem Mord an Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen beteiligt gewesen. Der Verdacht ließ sich nicht erhärten.

Ob sie tatsächlich in Spanien war, ob sie mit der Herrhausen-Sache zu tun hat, erzählt sie der Familie nicht, auch nicht dem greisen Vater. Sie darf es nicht. Ein bewegender Augenblick muss es gewesen sein, als der 88-Jährige sie in Stammheim besuchte. Dass er durchsucht wurde wie "ein Verbrecher", hat ihm zu schaffen gemacht. "Ihm, der sich "nie etwas zu Schulden hat kommen lassen", wie Stephanie sagt. Und dann hat er seine Tochter wieder gesehen. Zuletzt war ihr Gesicht in der "Bild"-Zeitung zu sehen, unter der Überschrift "Todeslockvogel Andrea", und nun gucken sie sich an. Sie sprechen nichts. Sie sitzen sich nur gegenüber, eine halbe Stunde lang, und das Einzige, was der Vater seiner Tochter zum Abschied sagt, ist: "Schön, dass ich dich noch mal gesehen habe." Als ob es nichts zu reden gäbe über das Gewesene.

Jetzt wartet die Familie auf das Ende des Prozesses. Und auch wenn sie nicht genau weiß, wie verstrickt die Schwester, die Tochter in die Terrorszene war, und was der Prozess noch bringen wird, so unterstützt sie sie doch. Die Schwestern beschaffen ihr philosophische Werke von Pierre Bourdieu, sie schauen Sendungen im Fernsehen an, die sie auch sieht, zum Beispiel eine Religionssendung auf Bayern 3. "So kann ich teilhaben an ihrem Leben, wenn ich das anschaue, was sie sich gerade anschaut", sagt Stephanie. Und natürlich ist sie neugierig auf die Geschichte. "Das höre ich mir an, wie ich einen Film anschaue oder eine Biografie lese." Zusammen mit ihrer Schwester Annegret pflegt Stephanie Klump auch eine Andrea-Klump-Homepage. Sie wollen ihr helfen, nicht urteilen. "Wir stehen hinter ihr, aber sie hat zu verantworten, was sie getan hat. Sie hat unser Mitgefühl. Aber wir erleben sie nicht nur als Angeklagte."

Am Dienstag wird Barbara Meyer, die Ex-Frau von Horst-Ludwig Meyer, vor Gericht erwartet. Sie soll auch in der RAF gewesen sein. Doch vor kurzem hat die Generalbundesanwaltschaft die Ermittlungen gegen sie eingestellt. Es hat sich nichts Konkretes finden lassen in der Vergangenheit von Barbara Meyer. Das, was die RAF einmal war, scheint langsam und ungeklärt zu verbleichen.

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