Zeitung Heute : Rainer Brüderle?

Antje Sirleschtov

„Namen sind Nachrichten“ besagt ein ehernes Gesetz im Journalismus. Rainer Brüderle (FDP) könnte nach der Wahl vielleicht Wirtschaftsminister werden. Wäre das eine gute Nachricht? Wir überprüfen täglich die Amtstauglichkeit eines Spitzenpolitikers – bis zur Wahl.

AMT: So ne Sauerei! Da wahlkämpft sich einer seit Wochen fast bis ans Ende seiner physischen Kräfte durch Pfälzer Weinberge, einer noch dazu, der seit sage und schreibe 15 Jahren unangefochtener – und überall im Land beliebter – Landesvorsitzender seiner Partei in Rheinland-Pfalz ist, und in Berlin nehmen ihn die seinen überhaupt nicht richtig wahr. Von einem regelrecht beleidigten Rainer Brüderle erzählen sich die liberalen Spitzenkräfte dieser Tage in Berlin. So beleidigt, dass er sogar schon in der FDP-Präsidiumssitzung Beschwerde darüber führen musste, weil die ihn noch gar nicht lautstark als den künftigen Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit ins Gespräch gebracht haben. Westerwelle, Gerhardt, Solms: Alle anderen dürfen sich hier und dort als die beste Wahl für ein Ministeramt genannt und entsprechend gebauchpinselt fühlen. Nur Brüderle, an den denkt wohl keiner?

AMBITIONEN: Na gut. Wenn es denn die Häuptlinge im Thomas-Dehler-Haus nicht deutlich genug sagen, dann sagen wir es eben ganz klar und ungeschminkt heraus: Rainer Brüderle, gerade erst 60 Jahre alt gewordenes liberales Polit-Urgestein, will jetzt Bundeswirtschaftsminister werden. Dass er sich das Amt zutrauen würde, daran lässt Brüderle selbst keinen Zweifel. Seit langer Zeit schon. „Mister Mittelstand“ nennen sie ihn, weil es kaum einer im Bundestag so gut versteht wie er, sich als Sorgen- und Kummer-Versteher der Handwerker, Händler und Kleinunternehmer zu präsentieren. Und Erfahrung? Ja, selbst die hat Brüderle schon, schließlich war er ja mal in Mainz Vorsteher im Ministerium für Wirtschaft, Landwirtschaft und Weinbau.

AUSSICHTEN: Wenn es in neun Tagen für die FDP zur absoluten Mehrheit reichen sollte, dann wäre Rainer Brüderle ein todsicherer Tipp für das Amt. Das steht schon mal fest. Kommt es aber anders, dann muss sich Brüderle wohl ziemlich weit hinten in der Reihe der Anwärter einreihen. Schließlich schwebt über dem Amt noch immer der CSU-Chef. Und eine Kanzlerin Merkel müsste sich innerparteilich schon sehr, sehr, sehr stark machen, will sie Paul Kirchhof als Finanzminister durchsetzen. Hermann Otto Solms scheint daher immer denkbarer als Kirchhof-Ersatz im Amt des Finanzministers einer schwarz-gelben Koalition ohne Edmund Stoiber am Kabinettstisch. Was natürlich, aus Gründen der Koalitionsarithmetik, zwangsläufig zu einem Wirtschaftsminister aus der Union führen würde.

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