Rainer Werner Fassbinder : Die Nacht, in der er starb

Im München der 70er Jahre wollte jeder mit Rainer Werner Fassbinder drehen. Auch unsere Autorin. Die Annäherung endete jäh: mit dem Tod des Regisseurs vor 30 Jahren, am 10. Juni 1982.

Alexandra Paszkowska
Ein Kerl wie ein Cowboy: Der Regisseur Rainer Werner Fassbinder in seiner Ledermontur vor einem Sarg.
Ein Kerl wie ein Cowboy: Der Regisseur Rainer Werner Fassbinder in seiner Ledermontur vor einem Sarg.Foto: Schneider-Press/Erwin Schneider

Das erste Mal sah ich Rainer Werner Fassbinder 1981 im Café Extrablatt in Schwabing. Er stand beim Eingang, als wenn er auf mich gewartet hätte, trug die obligatorische schwarze Lederjacke, Lederhose und den gelb-schwarz karierten Schal. Sein Hofstaat war auch da, sein künstlerischer Mitarbeiter Harry Baer und Peter Berling, Autor und Filmproduzent. Schwabing war damals der Nabel der Off-Kulturwelt und das Café Extrablatt ihr Wohnzimmer.

Ich sprach ihn an: „Hallo, Herr Fassbinder, ich habe zu meinem Entsetzen in der Abendzeitung gelesen, dass Sie die gleiche Idee zu einem Film haben wie ich.“ RWF wollte in „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ seinem Interesse an der Adenauer-Ära und der Bundesrepublik der 50er Jahre nachgehen und das Leben und Sterben des Starletts Renate Ewert verfilmen. Ewert war eine Filmdiva und hatte sich aus Verzweiflung abgekapselt, weil der Siegeszug des Fernsehens sie in Vergessenheit geraten ließ. Sie ist in ihrer Schwabinger Wohnung verhungert, am Ende ihres Lebens soll sie nur noch 34 Kilo gewogen haben. Dabei wohnte ihr Freund im selben Haus.

„Herr Fassbinder, das ist mein Stoff, ich arbeite an einem Exposé. Ich habe ein paar Tage gebraucht, um meine Angst vor Ihnen zu überwinden, dann habe ich die Auskunft angerufen, aber erfahren, dass ihre Mitarbeiterin Juliane Lorenz ja nun tot ist...“ RWF wurde kreidebleich: „Meine Cutterin ist doch nicht tot. Sie kommt gleich sehr lebendig hier herein. Sie hat ihren Absatz verloren und zieht sich andere Schuhe an.“

Peinliche Pause. Ich muss wohl noch entsetzter geschaut haben. Man hatte mich bei der Auskunft falsch informiert. Die Juliane Lorenz, die im Telefonbuch stand, war offenbar eine andere. Das hätte ich mir denken können, dass Fassbinders Cutterin und damalige Lebensgefährtin Juliane eine Geheimnummer hatte. Da es aber so viele Tote in dieser Szene gab, nahm ich die Auskunft für bare Münze. All das erzählte ich Fassbinder, die Spannung löste sich.

„Nur Leute, die mich nicht kennen, haben Angst vor mir“, sagte RWF. Hinter seinem hauchdünnen Bärtchen sah er asiatisch aus, weise und hinterlistig zugleich, wie ein alter Mongole.

Die Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger, die Glut in der hohlen Hand, nahm Fassbinder hastig einen Zug. Mit seinen etwas kurzen, gelblichen, schwieligen Fingern, unter den Nägeln Schmutz, schrieb er eine Telefonnummer auf ein Stück kariertes Papier, das Harry Baer aus einem Heft gerissen hatte. Eine Schwabinger Nummer, dahinter „= Juliane Lorenz“. Er gab mir den Zettel. „Dann lassen Sie uns den Film doch zusammen machen, wenn Sie schon so viel Vorarbeit geleistet haben, das ist doch ideal.“

Der Hofstaat hatte die Szene beobachtet. Triumphierend zeigte ich den Zettel Sam Weinberg, dem Produzenten von Roman Polanski, Rolf Albrecht, dem Besitzer der angesagten Boutique Sweetheart, und Peter Berling und meinte euphorisch: „Seht, er will mit mir arbeiten.“ Aber Berling meinte nur: „Wenn du glaubst, du hast seine Telefonnummer, dann hast du auch ihn, dann täuschst du dich. Jetzt beginnt der klassische RWF-Eiertanz...“

Er sollte Recht behalten. RWF blickte auf die Austern, die ein bildschöner Boy vorbeitrug. „Rufen Sie mich ab 1. Januar an, da bin ich wieder in München“, sagte er noch, dann konzentrierte er sich auf den Jungen. Er ließ mich einfach stehen.

Silvester las ich in der Zeitung, RWF feiere in der Deutschen Eiche, seinem Münchner Lieblingslokal, mit seiner Mutter Lilo Eder und den Schauspielerinnen Barbara Valentin und Elisabeth Volkmann. Am Morgen des 1. Januar 1982 wählte ich wie abgemacht die Nummer: „Grüß Gott, mein Name ist Alexandra, Herr Fassbinder hat mich gebeten, ab 1. Januar anzurufen.“ – „Tut mir leid, Herr Fassbinder ist heute früh weggeflogen. Er kommt in ein bis zwei Wochen wieder.“

Das war er, der Klassiker, das berühmte Spiel „Rufen Sie Montag an, rufen Sie Freitag an.“ Am 13. Januar versuchte ich es wieder. Ich hatte das Gefühl, er sei in der Stadt. Juliane Lorenz reagierte ungehalten, aber professionell: „Ich sagte Ihnen schon, er ist nicht da. Hier rufen so viele Leute an, Erpresser, Wahnsinnige...“ Sie verwickelte mich in ein Gespräch über ihre Rolle in RWFs Leben, die darin bestand, andere abzuwimmeln, was ich bestens aus meiner Zeit mit dem Regisseur Werner Schroeter kannte.

Sie rief nach Mitternacht zurück. RWF hätte seinen Karibikaufenthalt wegen eines verspäteten Kokspakets verlängert, er sei erfreut gewesen, dass ich angerufen habe. Bis 2.40 Uhr schilderte mir Juliane ihre Situation an Fassbinders Seite. Merkwürdig, dieses enorme Mitteilungsbedürfnis gegenüber einer Fremden.

Nach dem langen Telefonat waren wir neugierig aufeinander geworden, wir verabredeten uns für den nächsten Tag. Aber sie hatte zu viel im Schneideraum zu tun, also telefonierten wir nur wieder am Abend, fast bis 23 Uhr. Danach schaute ich mir im Fernsehen die Wiederholung eines „Tatorts“ an, in dem ich eine kleine Rolle als Journalistin spielte. Am nächsten Tag holte Juliane mich ab. „Ich habe dich gestern im ‚Tatort’ gesehen, Rainer hatte mir das im Programmheft angestrichen.“ – „Ach, diese kleine Rolle“, sagte ich, „ich nenne so was immer Sie-kam-und-ging-Auftritte. Der sinnlichste Augenblick ist der, wenn man zur Kasse geht.“

Juliane trug einen herrlichen, sündhaft teuren Luchs, ein grau-beiges Seidenkleid, achteinhalb Zentimeter hohe knallrote Stöckelschuhe, einen Jean-Seberg-Haarschnitt und ein frisches, freches Lachen. Bevor wir mit dem Taxi in die Leopoldstraße fuhren, nahm sie „Die Glasglocke“ aus dem Regal. „Ach, du liest auch Sylvia Plath? Rainer hat sie mir empfohlen, aber ich sollte vorher erst Grimmelshausen lesen.“

Im Café Extrablatt erzählte sie mir ihre Lebensgeschichte. Danach verschwand sie für zwei Monate nach Berlin zu den Dreharbeiten von „Querelle“. Zwischendurch, im Februar, lud sie mich in die Deutsche Eiche zum Faschingsfest ein. An diesem Abend hatte ich meine Kamera dabei, mit der ich mich schon länger bewaffnet hatte, weil ich mich überall maßlos langweilte und das „Nichts“ dieser Scheinwelt ins Bild setzen wollte. Ich trug eine schwarze Lederschlägermütze, ich dachte, so könnte ich RWF gefallen: Er liebte doch schwarzes Leder.

Als Faschingsmotto war „Denver Clan“ angekündigt, Juliane Lorenz kam mit großem Hut à la Joan Collins. Fassbinder setzte sich neben sie auf ein Holzgeländer. Er war nicht verkleidet, der Schweiß rann ihm in dicken Bächen die bleichen Backen herunter. Er sah erbärmlich aus, grüßte nicht, sagte nichts, war launisch, unberechenbar. Der ist krank, der lebt nicht mehr lange, dachte ich. So elend konnte ich ihn nicht fotografieren.

Was Fassbinder gesagt hätte, wollte ich von Juliane wissen. „Nur: Wer hat die denn eingeladen?“, meinte sie. Lag es an der Ledermütze? Fassbinder verschwand in der Küche, ich lief ihm nach, scharwenzelte um ihn herum, er schaute interessiert – allerdings nur in den Linsentopf.

Das waren meine Begegnungen mit RWF. Seltsame Begegnungen, denen der eine historische Abend folgen sollte, den ich mit Juliane Lorenz verbrachte. Er ging jener Nacht voraus, in der Rainer Werner Fassbinder starb.

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