Ramstein : Im Schatten des Feuers

Ramstein, eine Stadt in der Pfalz, deren Name verbunden ist mit kleinem deutschen Glück und großen amerikanischen Kriegen - vor allem aber mit einer Katastrophe vor 20 Jahren. Verheilt ist seitdem wenig, gewachsen wohl nur eins: die Fremdheit.

Andreas Unger
Ramstein
Deutsch-amerikanische Grenze. Bundeswehrsoldaten vor dem Eingang der Air Base Ramstein. -Foto: dpa

Erst ist es mehr so ein Gefühl. Dass wieder was ist. Dann schauen sie genauer hin. Die Sekretärin, die morgens im Stau steht, der sich von der Air- Base-Einfahrt bis zum Kreisverkehr hinzieht, weil die Amerikaner wieder stärker kontrollieren; der Museumsdirektor, dem die Air Base wie ein Wespennest vorkommt, das pausenlos brummt; der Tankwart, der sagt, den Lärm höre er gar nicht mehr; und der Planespotter, der sich über die vielen Flugzeuge zum Fotografieren freut und in einem Internetforum schreibt: „Im Zeitraum von etwa einer guten Stunde überflogen zuerst eine fette C-5 Galaxy, dann eine C-130 Hercules, dann eine C-17 Globemaster und zum krönenden (und dröhnenden) Abschluss eine Boeing 747 das Dorf.“ Mal ist der Grund eine Nato-Luftwaffenübung, mal eine Terrorwarnung, mal sind es Kampfeinsätze in Kuwait, Mogadischu, auf dem Balkan oder im Irak.

Das sind die Gelegenheiten, bei denen sich die beiden realen Ramsteine besonders intensiv begegnen: das deutsche und das amerikanische Ramstein, das zivile und das militärische, die Air Base und die Stadt. Die beiden Ramsteine also, neben denen es noch ein drittes, virtuelles gibt: Ramstein, das Synonym für das Flugschauunglück, das den Blick trübt auf das alltägliche Leben hier. Und schärft.

Edeltraud Koch sitzt auf einer Holzbank vor dem Gedenkstein, der etwas abseits der Air-Base-Zufahrt an das Unglück erinnert. 70 Namen stehen darauf, 70 Geburtstage dahinter, darüber ein Todestag: der 28. August 1988. Auch Karin Schneider, Kochs Tochter, zählt zu den Toten. Koch war zum Zeitpunkt des Unglücks auf einer Gegenveranstaltung. Sie hatte noch versucht, ihre Tochter vom Besuch der Flugschau abzuhalten: Man wisse doch, wie gefährlich das sei. Sie wirft den Amerikanern vor, den Sicherheitsabstand zwischen den Flugzeugen und dem Zuschauerbereich nicht eingehalten zu haben, ihre Verantwortung abzustreiten, die Schuld auf einen einzigen Piloten zu schieben, das Unglück bis heute herunterzuspielen, die Aufarbeitung zu blockieren.

Drei italienische Kampfflugzeuge stoßen am 28. August 1988 um 15 Uhr 35 in etwa 50 Metern Höhe zusammen, Flugzeugteile fallen auf den einzigen Rettungshubschrauber, rasen in die Menge, setzen Kerosin in Brand. Die Rettungskräfte sind schlecht organisiert und überfordert. Es gibt keinen Einsatzleiter. Infusionskanülen und Spritzen der amerikanischen und deutschen Sanitäter sind nicht kompatibel. Die Rettungsleitstelle ist schlecht informiert über das Ausmaß des Unglücks.

Es gibt Menschen in Ramstein, die gehen sogar noch weiter als Edeltraud Koch. Sie glauben, dass die Katastrophe absichtlich herbeigeführt worden ist, um etwas anderes zu vertuschen: Zwei der umgekommenen Piloten standen kurz vor einer gerichtlichen Vernehmung. Sie sollten bei der Aufklärung des Absturzes einer DC 9 nahe der italienischen Mittelmeerinsel Ustica im Jahr 1980 helfen. 81 Menschen starben damals, als das Flugzeug in ein Nato-Kriegsmanöver hineinflog. Etliche weitere Zeugen von damals kamen unter mysteriösen Umständen ums Leben.

Die Stadt Ramstein, Land Rheinland- Pfalz, Landkreis Kaiserslautern, Gemeinde Ramstein-Miesenbach, 8000 Einwohner, ist ein bemerkenswert unspektakulärer Ort. Straßenzeilen mit Eigenheimen, zweistöckig zumeist. Ein gedrechselter Balkonzaun, ein Hirschgeweih, ein dunkel gebeiztes Wagenrad, Geranientöpfe, Buchsbaumsträucher. Dunkle Dächer, farbige Glasziegel, ein halbabstraktes Kunst-am-Bau-Mosaik aus den 60er Jahren, dessen Steinchen abbröckeln.

Große weiße Schilder weisen den Weg ins Stadtzentrum; dass man es erreicht hat, merkt man daran, dass dort dann keine Schilder mehr stehen. Stattdessen ein schöner Brunnen mit bronzenen Fabeltieren, ein „Authentic Thai Food“-Restaurant, eine Eisdiele mit dem Slogan „Portionen, wie es sich gehört“ und ein „Fashion Point“. Gegenüber der gotischen St.-Nikolaus-Kirche steht in einem Hinterhof die „Christ Gospel Church of Ramstein, Germany“, Leitspruch: „Wir predigen einer sterbenden Welt den gekreuzigten und lebenden Christus“.

Hier bauten die Amerikaner, zunächst mit den Franzosen, in deren Besatzungsgebiet der Ort lag, die Air Base auf. Hier lagerten Atomsprengköpfe. Hierher brachten die Soldaten, die in den 60er und 70er Jahren aus Vietnam zurückkamen, ein Drogenproblem. Hier wurden am 31. August 1981 17 Menschen verletzt, als RAF-Terroristen einen VW in die Luft sprengten und erklärten: „Die US-Imperialisten werden ihre Weltbeherrschungspläne nicht in Ruhe vorbereiten und ausführen können. Sie wollen den Krieg … Ramstein, das Hauptquartier … der Nato-Luftwaffe in Europa, größter amerikanischer Flughafen außerhalb der USA, ist die Zentrale für den Atomkrieg in Europa.“ Hier landeten CIA-Flugzeuge, mit denen die USA von ihnen entführte Terrorverdächtige in Staaten flogen, die es mit dem Folterverbot nicht so genau nehmen. Hier ist einer der Drehpunkte für die Kriege im Irak und in Afghanistan. Und eben hier hat vor 20 Jahren jene Katastrophe stattgefunden. Sie wäre Ramstein erspart geblieben, gäbe es die Air Base nicht.

Ramstein ist der Hauptsitz der „United States Air Forces in Europe“. Gleich nebenan liegt Landstuhl, dort steht das größte US-Krankenhaus außerhalb der USA. Etwa 45 000 Menschen arbeiten für die „Kaiserslautern Military Unit“, zu der auch Ramstein gehört, davon 12 400 Soldaten und 6100 deutsche Angestellte. Man muss ein wenig suchen, um an einem solchen Ort auf Opposition zu stoßen.

Das deutsche und das amerikanische Ramstein gehen fließend ineinander über, sie gehen respektvoll miteinander um und gleichgültig aneinander vorbei, je nachdem, wen man fragt.

Der Ramsteiner Bürgermeister Klaus Layes von der CDU regiert mit Zweidrittelmehrheit. „Hier hat die Kritik nie richtig Fuß fassen können. Ich sag mal, wir sind hier gut katholisch.“ Aus einer Ecke seines Büros schaut fast auf Augenhöhe eine hölzerne Madonna auf den Besucher. Klar, es gibt die „Friedensinitiative Westpfalz“, eine christlich inspirierte Gruppe von Pazifisten, die sich 2004 nach dem Einmarsch der US-Truppen in den Irak zusammengefunden haben und die der Bürgermeister „nicht ideologiefrei“ nennt. Die Friedensbewegung der 80er Jahre scheint kaum Spuren hinterlassen zu haben. In den Tagen nach dem 11. September 2001 sind etwa tausend Ramsteiner in einem Schweigemarsch zur Air Base gegangen, um ihre Solidarität zu zeigen – doch spätestens nach dem Einmarsch in den Irak ist auch dieses Gefühl abgeflaut.

In den ersten Jahren nach dem Krieg hatten es die Amerikaner leichter als heute, deutsche Sympathien zu wecken. In den Clubs auf der Base traten Chuck Berry auf, Count Basie und Caterina Valente. Der Flugplatz war noch nicht umzäunt, erinnert sich Astrid Layes-Bold, die als Sekretärin in der Wendelinus-Grundschule und im Tourismusbüro arbeitet. Als Kind ist sie oft an der Schule vorbei auf die Base gelaufen, um mit den amerikanischen Kindern Räuber und Gendarm zu spielen oder Hide and Go Seek. Ihre Mutter hatte zeitweilig einen amerikanischen Partner. „Ich hab in den ersten Jahren fast so gut Englisch gesprochen wie Deutsch.“

Es gab Ami-Eis für eine Mark, es gab Weißbrot, Sweatshirts und Jeans. Die Ramsteiner Familien wussten schon vor den meisten anderen Deutschen, was Thanksgiving bedeutet. Wie das Verhältnis zu den Amerikanern heute sei? „Naja. Es ist eben eine friedliche Koexistenz“, sagt Layes-Bold. „Früher fanden wir die Amerikaner einfach nur toll. Jetzt sehen sie, was bei uns toll ist. Die schätzen zum Beispiel unsere Schulbildung.“ Noch nie hätten die Amerikaner so viele Kinder in deutschen Schulen angemeldet wie in diesem Jahr. Das Verhältnis der Deutschen zu den Amerikanern ist kritischer geworden, emanzipierter.

Michael Geib ist kein Freund von solchen Verallgemeinerungen. Der Mann mit dem markanten Schädel, den Ledersneakers und dem rosa Hemd leitet das Ramsteiner Heimatmuseum. Er hält sich lieber an das, was Fakt ist. Zum Beispiel, dass die USA 1973 die Wehrpflicht abgeschafft haben. „Bis dahin trafen Durchschnittsdeutsche auf Durchschnittsamerikaner. Der Umgang war lässiger, die hatten was zum reden. Sie waren neugierig aufeinander.“ Seit 1973 gibt es nur noch Berufssoldaten, verwachsen mit der Air Force. Sie kommen für zwei bis vier Jahre nach Ramstein, verlängern auf maximal sieben und sind dann wieder weg.

Das Auseinanderdriften wird nirgends so deutlich wie im Umgang mit der Flugzeugkatastrophe: Die auf amerikanischer Seite Verantwortlichen wurden schnell ausgeflogen, die Zahl der amerikanischen Toten ist bis heute unbekannt. Ein kleiner Gedenkstein wurde innerhalb der Air Base aufgestellt, ist aber nur an Gedenktagen zugänglich. Und die Stadtverwaltung selbst hat die Aufstellung eines außerhalb der Air Base und außerhalb der Stadt gelegenen zweiten Gedenksteins lange erschwert – als wolle man an die Opfer nicht erinnert werden. Seit 1995 gibt es ihn, und jetzt endlich auch einen Ausstellungsraum im Heimatmuseum.

Edeltraud Koch ist zur Eröffnung gekommen. Sie schaut in einen Glaswürfel, in dem ein schwarzer Fotoapparat liegt, der dem Freund ihrer Tochter gehört. Er hat ihn fallen lassen auf der Flucht vor den Flammen. Einzelne Bilder konnten nachher noch entwickelt werden. Auf einem steht Karin Schneider vor einem F 15-Bomber. Sie schaut in die Kamera, sie lächelt. Die Hitzewelle der Kerosinexplosion hat das Gehäuse des Apparats auf einer Seite schmelzen lassen, man sieht ins Innere. Kupferkabel schauen heraus wie Knochen aus einem offenen Bruch.

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