Zeitung Heute : Ran an die Kartoffel

Gentechnisch veränderte Knollen beeinflussen den Stoffwechsel günstig

Christiane Löll
Kleiner Unterschied. Genmodifizierte Kartoffeln der Sorte Amflora aus der Ernte 2010.Foto: Danny Gohlke/ddp
Kleiner Unterschied. Genmodifizierte Kartoffeln der Sorte Amflora aus der Ernte 2010.Foto: Danny Gohlke/ddpFoto: ddp

Functional Foods: Mit diesem Trendbegriff verbinden die meisten wohl bunte Fruchtdrinks, speziellen Joghurt oder Diätmargarine, aber bestimmt nicht die gute, alte Kartoffel. Doch auch die vermeintliche Lieblingsbeilage der Deutschen ist ins Visier von Ernährungsforschern und Industrie gerückt. Könnten Kartoffeln zur Prävention der Zuckerkrankheit, also Diabetes beitragen? Könnte man den Gehalt oder die Eigenschaften von Kohlenhydraten beziehungsweise Stärke so verändern, dass sich der Verzehr dieser Kartoffel günstig auf den Glucose-Stoffwechsel auswirkt?

Für eine vom Bundesforschungsministerium geförderte Untersuchung wurden sechs Züchtungen gentechnisch veränderter Kartoffeln getestet, und mit Werten der „herkömmlichen“ Sorte Desirée und auch Maisstärke verglichen. Dabei wurden der Gehalt und die Art der Stärke verändert, und auch der Phosphatgehalt beeinflusst. Manche Stärkearten wie etwa Amylose werden vom Darm schlechter aufgenommen, dadurch steigt der Blutzucker nach einer Mahlzeit nicht so stark an. Auch der Phosphatgehalt einer Kartoffel ist für die Aufnahme der Kartoffel im Darm und für deren Stoffwechsel-Eigenschaften wichtig.

„Aus diesen Kartoffeln haben wir dann Chips, Pommes, Muffins und andere Produkte gemacht, und sie gesunden Versuchspersonen angeboten“, berichtet Joachim Spranger, Professor an der Berliner Charité. Auch das Max-Planck-Institut für Molekulare Pflanzenphysiologie (Potsdam) war an den Versuchen beteiligt. An dem Projekt nahmen mehr als 300 Probanden teil.

Bei zwei gentechnisch veränderten Kartoffelprodukten sei aufgefallen, dass der Glucose-Wert nach den Mahlzeiten nicht so stark anstieg, was als positiv für Diabetiker und Risikopatienten gilt. Auch Insulin sei nicht so stark erhöht gewesen nach den Mahlzeiten wie bei den anderen. Vor allem aber trat der Effekt auf, wenn die Versuchsteilnehmer die zwei Stärkesorten pur zu sich nahmen. Spranger glaubt, dass solche Kartoffeln dazu beitragen könnten, das Diabetesrisiko in der Bevölkerung zu senken – denn durch schlechte Insulinwirksamkeit entsteht erst die häufigste Form der Zuckerkrankheit.

Der Abschlussbericht liegt vor, die Ergebnisse sollen demnächst in einem Fachjournal veröffentlicht werden. Doch was nun tun mit der Kartoffel? „Zum einen muss man die gesellschaftliche Debatte gegenüber gentechnisch veränderten Lebensmitteln beachten, da gibt es viel Skepsis“, sagt Spranger. „Zum anderen muss man die Wirksamkeit und Sicherheit in breiter angelegten Studien untersuchen.“

Es ergeben sich aber auch viele weitere Fragen aus der Diskussion um funktionelle Lebensmittel, wie Professor Hans-Georg Joost vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung sie allgemein benennt: Hat der veränderte Gehalt an Fetten, Stärke, Jod etc. in Lebensmitteln vielleicht an anderer Stelle im Stoffwechsel Auswirkungen? Ist es wirklich gut, wenn alle Menschen solche Produkte essen, oder sollten sie gezielt auf den Teller kommen bei Risikopatienten? Und besteht die Gefahr von Überdosierungen, wenn plötzlich in allen Produkten etwas enthalten ist, was die Industrie als gesundheitsfördernd preist und extra hinzufügt?

„Wenn wir ehrlich sind, sind wir nicht besonders weit gekommen, was die Gesundheitsförderung durch Lebensmittelzusätze oder -veränderungen angeht“, sagt Joost. Als positives Beispiel nennt er etwa Phytosterole in Margarine, um den Cholesterinspiegel zu senken. Gute erste Ergebnisse gebe es auch mit Eiweißen in Milch, die den Blutdruck senken sollen. „Es wird auch künftig eine Herausforderung bleiben, wirksame funktionelle Lebensmittel, die gut für die Gesundheit sind, zu entwickeln.“ Christiane Löll

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