Zeitung Heute : Randnotizen aus Europa

Sandor lebt im Osten der Slowakei und bekommt 115 Euro im Monat. Wie soll er damit seine achtköpfige Familie durchbringen? In den neuen Beitrittsländern gehören die Roma zu den Ärmsten der Armen. Ein Problem, für das die EU noch eine Antwort finden muss.

Markus Huber[Trebisov]

Die Straßen haben keine Namen, die Häuser keine Nummern und die Türen keine Namensschilder. Aber das macht nichts, denn wer hierher kommt, kennt sich aus. Und wer sich nicht auskennt, kommt ohnehin nicht her. 3000 Menschen leben in der Siedlung, 3000 Menschen vom Volk der Roma, und sie leben hier wie in einem Realität gewordenen Klischee. In ihren Wohnhäusern fehlen Fenster, manchmal Türen, die Straßen sind übersät mit Schlaglöchern. Es stinkt nach Müll, weil keine Müllabfuhr hier Dienst versieht, der Rauch der Öfen dringt durch die Straßen, weil er nicht wie anderswo durch Kamine abzieht, sondern durch Ofenrohre, die meist auf Augenhöhe aus den Wänden ragen. Stromleitungen hängen wild zwischen den Häusern, weil hier niemand legal und gegen Rechnung Strom bezieht, sondern ihn einfach von der Hauptleitung abzapft. Obwohl es später Vormittag an einem Wochentag ist, sind viele Menschen auf der Straße, Erwachsene, die keinen Grund haben, woanders zu sein – sie haben keine Arbeit.

Die Siedlung ohne Namen liegt am Rande der ostslowakischen Kleinstadt Trebisov, haarscharf an der ukrainischen Grenze, und wahrscheinlich hätte niemand je von ihr Notiz genommen, hätte es nicht hier vor sechs Wochen einen Aufstand der Roma gegeben. Aus Protest gegen die Kürzungen der Sozialhilfe hatten sie erst demonstriert, später Supermärkte und kleinere Läden geplündert. Polizei und Armee riegelten die Siedlung ab, es kam zu Straßenschlachten, Wasserwerfereinsatz – und das ausgerechnet in der Slowakei, die sich so gerne als Wirtschaftswunderland der neuen Beitrittsländer präsentiert. Plötzlich sah die europäische Öffentlichkeit, dass mit dieser Erweiterungsrunde nicht nur zehn neue Staaten samt den dazugehörigen Absatzmärkten, billigen Arbeitskräften und noch billigeren Urlaubsdomizilen in die Union eingegliedert werden, sondern auch die fast zwei Millionen Roma, die in diesen Staaten leben, 400000 davon allein in der Slowakei.

Sandor sitzt in seinem Haus am Rande der Roma-Siedlung von Trebisov. Etwas über 30 Jahre ist er alt, in seinem Haus gibt es kein Telefon, das Klo ist ein Loch im Boden neben dem Haus. Ein Waschbecken gibt es genauso wenig wie getrennte Zimmer für Eltern und Kinder. Der Verputz bröckelt von den Wänden, und die wenigen Möbel, die Sandor hat, sehen so aus, als hätte er sie vom Sperrmüll geholt – genau das hat er auch. Seit fünf Jahren wohnt Sandor schon hier, und nein, sagt er, seit dem Aufstand hat sich nichts zum Guten gewendet, eher im Gegenteil: Die Armee hat sich zwar mittlerweile ebenso zurückgezogen wie die Polizeihubschrauber, die tagelang über der Siedlung kreisten, und die Blutergüsse, die ihm der Schlagstock eines Polizisten beigebracht hat, sind auch verschwunden. Doch das Hauptproblem ist geblieben: Ganze 115 Euro pro Monat bekommt Sandor an Sozialhilfe. Das ist weniger als die Hälfte von dem, was er noch im Februar bekommen hat, und trotzdem muss er damit nun seine achtköpfige Familie durchbringen. Dass das nicht geht, ist klar, doch wie er tatsächlich sein Leben finanziert, will er nicht sagen. Die Banken jedenfalls gewähren den Roma keinen Kredit, noch nicht einmal ein Konto dürfen sie eröffnen. Was bleibt, sind private Geldverleiher, die an Roma Kredite vergeben – mit Zinssätzen von bis zu 100 Prozent.

Arbeitslosenquote 100 Prozent

Als „Inseln der Dritten Welt in der Ersten Welt“ hatte im Vorjahr eine UN-Studie die Situation in den Roma-Siedlungen in Osteuropa bezeichnet, und in Trebisov sieht man, dass der Vergleich kein bisschen übertrieben ist. Nicht, dass der Ort selbst mit Reichtum prahlen könnte – mit einer Arbeitslosenquote von mehr als 50 Prozent gehört die Gegend zu den ärmsten Regionen Europas –, doch der Westen hat dennoch Einzug gehalten. Auf den Hauptstraßen reiht sich Penny-Markt an Lidl, an den Straßen sind Werbeplakate von österreichischen Versicherungsunternehmen, Banken oder Getränkeherstellern. Doch Sandor und die anderen Roma von Trebisov haben mit dieser Welt nicht viel zu tun. Sie kommen nur selten ins Ortsgebiet, und wenn sie doch die imaginäre Grenze ihrer Siedlung überschreiten, dann tun sie das meistens mit einem Handkarren, in den sie Lumpen und andere Hinterlassenschaften der Trebisover Gesellschaft packen. Nur einmal im Monat, immer am 18., marschieren mehrere hundert Roma aus der Siedlung gemeinsam in den Ort und versammeln sich vor dem Rathaus, um dort die Sozialhilfe in Empfang zu nehmen. Die besagten 115 Euro. Das reicht nicht einmal im hintersten Winkel der Slowakei für mehr als eine Woche. Und das soll es auch nicht, sagt der slowakische Arbeitsminister Ludovit Kanik. Er habe mit dieser drastischen Kürzung einen „Motivationsanreiz“ schaffen wollen: „Hart ist das nur für jene, die passiv auf Sozialleistungen warten.“ Klingt vernünftig, funktioniert aber nicht, meint Sandor: „Es gibt hier in der Gegend keine Jobs, ich kenne niemanden, der einen hat.“ Tatsächlich ist die Arbeitslosigkeit in der Roma-Siedlung bei 100 Prozent angelangt, und Besserung ist nicht in Sicht. Sandor: „Wenn hier im Ort einmal ein Job frei wird, dann nehmen die doch unter Garantie einen Slowaken. Warum auch sollten sie einen von uns nehmen?“

Ausgeschlossen seien die Roma, abgeschoben, schreibt der österreichische Essayist Karl-Markus Gauß in seinem eben erschienenen Buch „Die Hundeesser von Sivina“, für das er drei Monate in der Ost-Slowakei recherchiert hat. Diese Grenze zieht sich auch durch Trebisov, und sie lässt sich nicht nur an schicken Vorgärten, Rewe-Filialen und Coca-Cola-Werbung auf der einen Seite und verfallenen Baracken, Schlaglöchern und wirren Stromleitungen auf der anderen festmachen. Man erkennt die Roma im Straßenbild an ihrer schlechteren Kleidung, den schlechteren Zähnen und dem langsameren, weil zielloseren Gang. Die Roma haben nichts mit den Slowaken zu tun. Die wiederum haben nicht das geringste Verständnis für den Aufstand der Roma. „Denen ging es gar nicht um Geld, sondern nur um Schnaps und Zigaretten“, sagt Rado, ein junger Angestellter. Mit wem man auch spricht im Ort, jeder sieht das so. Schmutzig seien die Roma, heißt es, dumm und arbeitsscheu. Vielleicht fallen die Urteile deshalb so krass aus, weil sie zum Teil auch stimmen. Der Bildungsstandard zum Beispiel: Sandor hat keinen Schulabschluss, seinen Kindern wird es nicht anders gehen. Drei Viertel aller jungen Roma gehen laut einer EU-Untersuchung in Sonderschulen. Und der Teufelskreis beginnt schon vor der Schule: In der Slowakei wird die sprachliche Eignung schon beim Eintritt in den Kindergarten getestet – die Roma fallen scharenweise durch, weil sie zu Hause ein Kauderwelsch aus Slowakisch und Romanes sprechen. So bleibt den Roma meist nichts anderes als der Weg ins Ghetto und auf die Auszahlungslisten der Sozialhilfe.

Ängste des Westens

Dabei ist gerade diese Unterstützung „die allergrößte Bedrohung“, wie der Soziologe Nikolai Gheorghe, ein führender Roma-Intellektueller, kürzlich in einem Interview mit dem Wiener Nachrichtenmagazin „profil“ sagte: „Wir sind aufgewachsen mit Vätern, die hart geschuftet haben, um die Kinder zu ernähren. Aber was lernen die Kinder heute, wenn sie ihren Vätern zuschauen, die sich bloß die Sozialhilfe abholen?“

Die EU hat die Probleme schon vor Jahren erkannt und für ein Programm namens „Phare“ mehr als 100 Millionen Euro locker gemacht. Davon sollen Roma-Projekte in Osteuropa unterstützt werden – Siedlungen, Schulen, Ausbildungsmaßnahmen. Auch in Trebisov steht zwischen den desolaten Baracken ein aus EU-Mitteln errichtetes Wohnhaus. Doch wie lange wird es halten? Wenn die ersten Leitungen defekt, die ersten Fenster zerschlagen und die ersten Dachziegel verschwunden sind, wird niemand das Geld haben, um alles wieder herzurichten – und dann wird das Haus in die Reihe der verfallenen Baracken passen. Gezielte Förderungen wie etwa in Ungarn, wo die EU-Gelder nicht für Schulbauten ausgegeben wurden, sondern Schulen Prämien erhalten, wenn sie einen gewissen Prozentsatz von Roma-Kindern integrieren, gibt es in der Slowakei nicht.

Und was wird geschehen, wenn die Slowakei nun am 1. Mai in die EU eintritt? Überall in Westeuropa wird befürchtet, dass dann die knapp zwei Millionen Roma, die in den Beitrittsstaaten leben, nach Westen aufbrechen. Zumindest in Trebisov ist so etwas nicht zu erwarten. „Wir werden hier bleiben“, sagt Sandor. Warum? „Weil wir nicht einmal das Geld für die Reise in den Westen haben.“

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