Zeitung Heute : Rap im Klassenzimmer

Mit den Songs der Berliner Band „Rapucation“ macht Schülern das Lernen mehr Spaß

Vanessa Bohórquez Klinger

ABC, die Katze lief im Schnee – im Kindergarten lernen Kinder spielend und singend. Mit sechs Jahren ändert sich das Leben schlagartig: Stundenlang müssen sie in der Schulbank sitzen und lernen. Das muss nicht sein, meinen Robin Haefs und Vincent Stein. Der Texter und der Musiker verknüpfen Rap und Bildung (im Englischen „education“) und nennen das kurz „Rapucation“. Ein Beispiel: „Du atmest ein, und was Du einatmest, atmen die Bäume aus. Du atmest aus, und was Du ausatmest, atmen die Bäume ein“. So wird die Fotosynthese auf den Punkt gebracht, das versteht jedes Kind.

Beim Thema Rap-Musik denkt man wohl am wenigsten ans Lernen. Bei Robin Haefs und seinem Partner Vincent Stein ist das anders. „Ich habe mich schon immer für Bildungspolitik interessiert und bin der Meinung, dass die Bildung in Deutschland den Bach runtergeht“, sagt Robin Haefs. „Als ich nach einem Thema für meine Abschlussarbeit suchte, habe ich beschlossen, als Rapper etwas gegen diesen Notstand zu tun. Ich habe mir Rahmenpläne vorgenommen und Raps dazu geschrieben.“

Das war 2006. Auf der Suche nach einem geeigneten Produzenten sprach er Vincent Stein an, der auf Anhieb von der Idee begeistert war: „Zu dieser Zeit habe ich mich viel mit Filmmusik und Hörspielmusik beschäftigt. Hier unterstützt die Musik die Handlung emotional“, sagt Stein, der an der TU Berlin Musik- und Erziehungswissenschaften studiert. „Das gleiche Prinzip habe ich dann auch auf Rapucation angewendet.“ Er setzt ausgesuchte Klangstücke oder Geräusche gezielt ein. Zum Beispiel unterstreicht in „Fotosynthese“ Uhrenticken die Phase des Pflanzenwachstums und im Song „Unser Berlin“ ist der Originalton von John F. Kennedy eingemixt: „Isch bin ein Biliner.“

Dass Musik einen positiven Einfluss auf das Lernen hat, ist wissenschaftlich belegt. Immer mehr Studien weisen darauf hin, dass mehrjährige Musikerziehung wie ein Lernmotor zu wirken scheint. Die Effekte zeigen sich in allen Bereichen des Denkens: räumliches Vorstellungsvermögen, mathematische Intelligenz und Sprachvermögen. Der Leipziger Wissenschaftler Sebastian Jentschke zum Beispiel verglich musikalisch trainierte und musikalisch nicht trainierte Kinder. Er kam zu dem Ergebnis, dass Kinder mit musikalischem Training nicht nur musikalische Strukturen, sondern auch die sprachliche Struktur sehr viel besser verstehen.

Als Vincent Stein und Robin Haefs vor zwei Jahren mit Rapucation starteten, waren sie in der Rapszene keine Unbekannten mehr: Stein, alias Beatzarre, produziert und remixt seit 1999, unter anderem für die Band „Ich + Ich“ und Labels wie Aggro Berlin. Er steht bei Universal Music unter Vertrag. Auch er hat Rapucation zum Thema seiner musikwissenschaftlichen Abschlussarbeit gemacht. Haefs rappt seit 1998 und hat den Künstlerverband Springstoff mitgegründet. Unter dem Namen „Mad Maks“ tritt er bundesweit auf.

Viel Anerkennung von Eltern, Lehrern und Schülern erhielten sie, als sie 2007 mit ihrem Projekt an verschiedene Berliner Grundschulen gingen. Als Ergebnis präsentierten sie eine Studie, die belegt, dass ihre Rap-Songs den gleichen Lerneffekt haben wie dröge Arbeitsblätter.

Fachleute bestätigen die Erfolge: Adelheid Kramer ist Musikreferentin am Landesinstitut für Schulsport in Baden-Württemberg. „Wir haben sehr gute Erfahrungen mit musikalischen Bausteinen im Unterricht gemacht“, sagt sie. „Und das wohlgemerkt außerhalb des Musikunterrichts, mit Kanons und Raps als didaktischen Mitteln. Wir haben dabei festgestellt, dass sich die Spontaneität und Kreativität der Schüler, die durch Musik freigesetzt wurde, auf andere Fächer übertragen hat.“

Um die Einschätzung der Pädagogen in Baden-Württemberg wissenschaftlich zu belegen, untersucht Sebastian Jentschke derzeit die Wirksamkeit von Gesang zur Vermittlung von Lerninhalten. „Vom gedächtnispsychologischen Standpunkt aus könnte man argumentieren, dass Lieder auf Grund von Merkmalen wie Silbenmaß oder einer bestimmten melodischen Linie zusätzliche Hinweisreize liefern können, die dazu beitragen, das Gelernte besser zu behalten“, vermutet er. Auch mit Tanzschritten oder Instrumenten kommen die Kinder leichter in den Lernflow. Sogar Mathematik kann man mit Musik koppeln.

Mathematik hat Rapucation noch nicht im Programm. Dafür setzten sich Heafs und Stein zum Beispiel mit Geschichte auseinander. „Im Unterricht gibt es immer noch viele Fakten und Daten, die man auswendig lernen muss“, sagt Haefs. Bei den Raps werden sie Teil der Musik. Wenn die Schüler zu den Jahreszahlen 1701 und 1871 hin und her wippen – in diesen Jahren wurde Berlin Hauptstadt von Preußen beziehungsweise des Deutschen Reichs – dann vergessen sie die Daten nicht mehr.

Dass eine Melodie nicht nur die Worte eines Textes unterstützt, sondern auch hilft, ihn sich zu merken, wussten schon die alten Griechen. Bevor man Epen wie „Ilias“ und die „Odyssee“ im antiken Griechenland aufschrieb, wurden sie von Epensängern vorgetragen.

Bei Rapucation kommt hinzu, dass sie die Sprache der Kids sprechen. Durch den Einsatz von Hip-Hop machen sie sich nicht einfach nur Elemente einer Jugendkultur zu Nutze, sondern sind selbst Teil dieser Kultur und somit authentisch. Den Teenagern, die bei Konzerten die Texte ihrer Idole mitsingen, fällt das Auswendiglernen der Songs bestimmt nicht sonderlich schwer. Eine Bildungsrap-CD, die auditives Lernen als alternatives Lehrmittel ermöglicht, wäre allemal einen Versuch wert.

Aber noch hat sich kein Schulbuchverlag bereit erklärt, diesen Test zu wagen.

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