RAP-RAVEDeichkind : Krawall und Remmi Demmi

Jörg W er

Die Begeisterung der Fans auf der MySpace-Seite von Deichkind kennt keine Grenzen: durchgetanzte Schuhe, blaue Flecken, vom „Zitzensaft weggeätzte“ Augen, Leute, denen noch Tage später der Restalkohol aus den Poren quillt. Und alle, alle schwärmen von den Konzerten – sogar „ganz viele Metal-Typen, die gar nix mit eurer Art von Musik zu tun haben“, wie User „Tom Le Mot“ erstaunt berichtet.

Eigentlich ist der genreübergreifende Erfolg von Deichkind das Resultat einer Ausgrenzung: Angefangen haben die Nordlichter vor zehn Jahren als HipHop-Band mit plattdeutschen Texten, wurden aber mit ihren zwischen Dada-Wortakrobatik und Flachwitz-Comedy herumtrampelnden Texten von Kollegen und Genre-Publikum eher müde belächelt. Aus der Not machten Deichkind eine Tugend und wanden der Szene entschlossen den Rücken zu, um ihr Glück woanders zu suchen. Gefunden haben sie es, wie ihr neues Album „Arbeit nervt“ wieder zeigt, mit einem brachialen Techno-Rave-Synthie-Rap-Bastard, der mehr mit Scooter und Vengaboys als mit Fanta Vier oder Fettes Brot gemein hat. Die lach- und tanzmuskelstimulierende Wirkung ihres Chaos-Pops verstärken Deichkind durch immer tumultuöser geratende Live-Shows mit Hüpfburg, Schlauchboot, Leuchtstab-Inferno und Mülltüten-Kostümen. Und „Remmi Demmi“, ihr unwiderstehlicher 2006er-Hit mit dem zweifellos authentischen Szenario einer wüst aus dem Ruder laufenden Party, katapultierte Deichkind endlich auch in den Charts nach oben. Gut so: Ein bisschen Anarchie tut der verschnarchten Verkaufshitparade ganz gut. Jörg Wunder

Columbiahalle, Do 18.12., 21 Uhr, 18 € + VVK BT320

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!