Zeitung Heute : Rasante Lektüre

Im Eiltempo Bücher verschlingen kann man lernen – meinen zumindest die Anbieter von Schnell-Lesekursen

Fabian Reinbold

Lesen macht Spaß! Viele Studierende sehen das allerdings anders. Sie stöhnen über Seminare, für die sie regelmäßig mehr als hundert Seiten lesen müssen, denken mit Grauen an die vielen Stunden, die sie täglich über Bücher gebeugt verbringen. Wenn doch alles nur schneller ginge. Es geht doppelt so schnell – zumindest, wenn man den Veranstaltern der „Improved-Reading“-Kurse glaubt, die derzeit massiv an den Berliner Universitäten beworben werden.

Seminarleiter Friedrich Hasse jedenfalls ist von dem Konzept überzeugt. Zu Semesterbeginn preist er in Seminaren und Vorlesungen seine Kurse an. Von den Mensatischen und den Schwarzen Brettern springt den Studierenden die Werbebotschaft entgegen: „Wir verdoppeln Ihre Lesegeschwindigkeit.“ Das Versprechen zeigt Wirkung. Viele der zweitägigen Seminare sind laut Hasse ausgebucht. 80 bis 90 Prozent der Teilnehmer sind Studierende. Die meisten stehen kurz vor dem Examen – wie Tobias Günther. Der Geschichts- und Lateinstudent nimmt an dem Kurs teil, weil er mit seinem Lesepensum für die Prüfung nicht hinterherkommt. „Wenn ich doppelt so schnell lesen könnte, würde ich vier Stunden pro Tag sparen“, sagt er.

Auch Berufstätige wie etwa Lehrer, Journalisten, Lektoren, Juristen, Steuerberater oder Behördenmitarbeiter, die sich tagtäglich durch Bücher-, Zeitungs- oder Aktenberge kämpfen müssen, wüssten die Zeitersparnis beim Lesen sicherlich zu schätzen. Die langfristige Wirkung solcher Kurse ist allerdings umstritten. In Berlin werden die „Improved-Reading“-Seminare seit vier Jahren angeboten. Das Konzept stammt aus Australien. Vor 40 Jahren hat es der Wirtschaftspsychologe Stan Rogers entwickelt. Bernd Sösemann, Publizistikprofessor an der Freien Universität, hat die Idee aufgegriffen und will die Kurse wissenschaftlich begleiten. Die Grundannahme ist simpel: Lesen, wie man es in der Grundschule gelernt hat, wird den Anforderungen in Studium und Beruf nicht gelernt. Man müsse das Lesen ein zweites Mal lernen.

Vor allem zwei Fehler, die sich im ersten Leselernprozess verfestigt hätten, will Friedrich Hasse seinen Schülern abgewöhnen: das lautlose Mitsprechen und das Zurückspringen im Text. „Wer diese Fehler abstellt, kann seine Lesegeschwindigkeit mehr als verdreifachen“, so seine hoffnungsfrohe Botschaft. Der 31-jährige Hasse studiert selbst noch Geschichte und Philosophie. Nach zwei Stunden Einführung zeigt er den Leseschülern, was ihnen dabei helfen soll, schneller zu werden: der „Reading Accelerator“ – ein Plastikfenster, das über den zu lesenden Text gelegt wird. Mit einem Steuerrädchen am linken Rahmen kann die Geschwindigkeit eingestellt werden, mit der ein Balken über den Text surrt. Seine Unterkante gibt vor, welche Zeile gelesen wird. Im Text zurückspringen oder eine interessante Stelle langsamer lesen: beides unmöglich. Im Laufe des Seminars legen die Teilnehmer acht Lesetests ab. Ein zwei bis drei Seiten langer Text wird auf Zeit gelesen, anschließend mit Multiple-Choice-Fragen das Textverständnis gemessen. Lesegeschwindigkeit mit Textverständnis multipliziert ergibt schließlich die „effektive Leserate“.

Doch wie aussagekräftig sind solche Zahlen? Eines steht fest: Die Übungstexte sind deutlich einfacher als normale Uni-Lektüre. Schneller werden so gut wie alle Leseschüler, bei vielen bleibt aber die Frage, ob der Inhalt wirklich verstanden wird. „Ich habe das Gefühl, dass ich bei weitem nicht alles mitkriege“, so Tobias Günthers Fazit nach dem ersten Kurstag. „Beim Lernen fürs Examen muss ich die Texte aber verstehen.“

Wie gut Texte beim schnellen Lesen überhaupt aufgenommen werden, darüber gehen die Meinungen auseinander. „Schnelles Lesen bedeutet besseres Verständnis – wenn man es richtig betreibt“, sagt Rotraut Hake-Michelmann, Vorsitzende der Gesellschaft für berufliches Lesen und selbst Anbieterin von Lesekursen. Beim langsamen Lesen würden zwar Details eher behalten, die Gesamtlogik des Textes gehe jedoch schneller verloren. Heinz Mandl, Professor für Pädagogische Psychologie an der LMU München, ist skeptischer: „Schnelles Lesen geht im Allgemeinen auf Kosten des Verständnisses.“

Außer „Improved Reading“ gibt es deutschlandweit noch viele andere Lesekurse, deren Methoden sich teilweise stark unterscheiden. Eines haben die Seminare aber gemeinsam: Es gibt keine objektive wissenschaftliche Evaluation ihrer Lernmethoden. „Manche Schnell-Lesekurse versprechen hanebüchenen Unsinn“, sagt Johannes Haack, Koordinator am Zentrum für Kognitive Studien an der Universität Potsdam. Ein generelles Problem der Kurse sei, dass sie individuellen Lesestilen keinen Raum ließen. Insgesamt sei „Improved Reading“ eines der am besten durchdachten Konzepte. Gleichzeitig kritisiert Haack einzelne Methoden des Kurses, etwa dass dort gezielt das lautlose Mitsprechen unterdrückt wird. Das könne bei manchen zu Lesestörungen führen. Rotraut Hake-Michelmann pflichtet ihm bei: „Man greift in einen Automatismus ein. Das kann gerade geübte Leser verunsichern.“

Was bei „Improved Reading“ mit dem Unterdrücken von Mitsprechen und Rücksprüngen sowie mit Hilfe des „Reading Accelerators“ gelingen soll, will Hake-Michelmann erreichen, indem sie ihre Schüler dazu bringt, die Augen anders zu führen und mit dem Finger über den Text zu schwingen. So sollen bis zu 2500 Wörter pro Minute möglich sein. Ein solches extrem schnelles Lesen bräuchten aber nur „diejenigen, die Berge von Texten bearbeiten müssen.“ Für die meisten reichten individuelle Beratungen, wie sie ihr Lesen besser organisieren können. Auch bei „Improved Reading“ werden solche Hinweise gegeben. Denn darüber sind sich alle Experten einig: Das eigene Lesen besser zu organisieren ist sinnvoll. Sich ein ungestörtes Umfeld schaffen, sich vor jeder Lektüre fragen „Was will ich von diesem Text?“, das Gelesene nachbereiten – das könne schon viele Leseprobleme abstellen.

„Wer das Geld und die Zeit hat, kann gerne einen Kurs belegen“, resümiert Heinz Mandl, „das kann zumindest dabei helfen, bewusster an Texte heranzugehen.“ Da die wissenschaftliche Bewertung fehle, müsse man sich auf persönliche Erfahrungen und den gesunden Menschenverstand verlassen. Billiger ist Rotraut Hake-Michelmanns Tipp: „Viel lesen, auch zum Genuss.“ Je nach Textart sei die Geschwindigkeit nun mal verschieden und schwanke zwischen 150 bis 450 Wörtern pro Minute. „Wer in diesem Bereich liegt, braucht sich keine Gedanken zu machen.“

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