Zeitung Heute : Rasende Raver ruhigstellen

MATTHIAS OLOEW

Missionarischer Eifer? I wo: "Ich bin nicht hier, um jemanden zu bekehren", sagt er entschlossen. Sicher, sein christliches Menschenbild, seine Ausbildung im Orden der Salvatorianer prägen ihn und haben ihn zu dem gemacht, was er jetzt ist: Gemeindepfleger in Schmargendorf. Aber den Job am Sonnabend, in der Masse von mehreren hunderttausend Ravern, den macht er nicht, um neue Mitglieder für die katholische Kirche zu werben. Bruder Norbert Verse ist der erste Seelsorger der Love Parade.

Nicht die Veranstalter der weltgrößten Raves haben ihn berufen, sondern der Malteser Hilfsdienst, der, wie in den vergangenen Jahren auch, die Erste Hilfe entlang der Paraderoute übernommen hat. "Unsere Idee war, daß viele junge Leute kein Heftpflaster brauchen, sondern einfach nur Zuspruch, jemanden, der ihnen zuhört, der Zeit für sie hat", erklärt der 31jährige. Während der Parade wird er im Sanitätszelt am Einsteinufer seinen wichtigsten Standort haben, aber er will auch von Erste-Hilfe-Station zu Erste-Hilfe-Station gehen, überall dort, wo er gebraucht wird.

Deshalb ist der moderne Seelsorger selbstredend mit einem Handy ausgestattet. Und um schnell von Ort zu Ort zu kommen, trägt er auch kein Gewand, sondern ein schlichtes Sanitäter-Dress, mit orangefarbener Jacke und einem kleinen Schild an der Brust: "Seelsorger" steht drauf. Seine Aufgabe in der Krisenintervention zur Love Parade stellt er sich so vor: "Junge Leute sind panisch geworden, weil sie sich in der Masse verloren haben, sind im Rausch einfach durcheinandergekommen. Dann bin ich es, der bei ihnen ist und in der Nähe bleibt."

Über alles sollen die jungen Leute mit ihm reden können. Tabus gibt es nicht, auch wenn das muntere Treiben auf der Love Parade nicht gerade mit den Moralvorstellungen der Kirche konform geht. "Wer in Berlin lebt", sagt er, "kann die Augen vor der Realität nicht verschließen." Zum Beispiel dem Drogenkonsum. Norbert Verse weiß, daß sein Einsatz zur Love Parade nicht der richtige Ort und erst recht nicht die richtige Zeit ist, um Präventionsarbeit zu leisten. Das macht er, wenn er außerhalb der Love Parade in Berlin unterwegs ist. Vor eineinhalb Jahren wechselte er von Münster an die Spree. In Westfalen hat er Theologie studiert und ist in den Orden eingetreten. Priester wollte er nicht werden. "Dafür fühlte ich mich nicht berufen." Zum Dienst am Menschen, zur theologischen Ausbildung aber schon. Erste Erfahrungen mit jungen Leuten sammelte er als Gruppenleiter in Münster, "ich bin dann irgendwie da reingewachsen." Mit sieben anderen Brüdern des Ordens wohnt er in dem Gebäude der Pfarrei in Schmargendorf, seine erste Love Parade hat er 1998 absolviert. Allerdings nicht als Seelsorger, sondern als Sanitäter. Bruder Norbert ist ehrenamtlicher Helfer beim Malteser Hilfdienst.

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