Rassismus : Brennender Hass zieht durch Südafrika

Bei fremdenfeindlichen Angriffen in mehreren Schwarzenvierteln Südafrikas sind mindestens 22 Menschen getötet worden. Einwanderer werden wie Tiere gejagt. Welchen Hintergrund haben die Ausschreitungen?

Wolfgang Drechsler

KapstadtNoch am Montag sah das Geschäftsviertel der Township Cleveland bei Johannesburg wie ein frisches Schlachtfeld aus: geplünderte Läden, zertrümmerte Scheiben, blutige Schuhe und ausgebrannte Autowracks. Über dem schwarzen Vorort selbst hing auch 24 Stunden nach dem jüngsten Pogrom noch immer ein beißender Brandgeruch – ein Indiz dafür, dass sich hier am Wochenende grauenvolle Szenen abgespielt haben mussten.

Alexandra am Dienstag, Diepsloot am Mittwoch, dann Olifansfontein, Thokoza und jetzt Cleveland: In vielen Townships um Johannesburg wurden in den vergangenen Tagen Einwanderer aus anderen afrikanischen Ländern wie Tiere gejagt – von schwarzen Jugendbanden, zum Teil aber auch von ihren südafrikanischen Nachbarn. Das Muster war fast überall gleich: Ein wütender Mob zumeist junger schwarzer Männer zog, mit Macheten, Stöcken und Steinen bewaffnet, von Haus zu Haus, fragte nach Namen und Herkunft – und brandschatzte, sobald man glaubte, dass es sich bei den Bewohnern um Immigranten aus anderen Teilen Afrikas handelte.

Mindestens 22 Menschen sind seit Beginn der ausländerfeindlichen Ausschreitungen getötet worden. Mehrere hundert Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Tausende weitere, vorwiegend aus Simbabwe und Mosambik, campieren seit Tagen voller Angst in Polizeistationen, wo das Rote Kreuz Decken und Lebensmittel verteilt. Zurück in die geplünderten Siedlungen wollen sie nicht mehr: „Lieber zurück in die Hölle der Heimat als das hier“, sagte ein sichtlich schockierter Simbabwer der britischen BBC.

Immer wieder ist der Hass schwarzer Südafrikaner auf ihre Brüder und Schwestern aus anderen Teilen Afrikas in den vergangenen Jahren aufgeflammt. In Kapstadt trifft er seit Jahren vor allem die geschäftstüchtigen Somalis, deren Physiognomie sie schnell verrät. Seit 2006 sind allein hier mehr als 40 Somalis ermordet worden. Immer deutlicher wird, dass der Traum von einem farbenblinden Südafrika vor dem Hintergrund einer Arbeitslosigkeit von rund 40 Prozent und der höchsten Kriminalitätsrate der Welt längst ausgeträumt ist. Die mangelnde Sicherheit gilt auch als eines der größten Probleme, das die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 zu überschatten droht.

Dass der Rassismus am Kap heute ganz überwiegend von Schwarzen ausgeht, kommt für viele Beobachter nicht überraschend: Die Hälfte der schwarzen Bevölkerung ist seit dem Ende der Apartheid vor 14 Jahren noch ärmer geworden. Viele suchen deshalb immer öfter nach einem Schuldigen für die eigene Misere. Hinzu kommt, dass viele arme Südafrikaner zunehmend unter den explodierenden Lebensmittel- und Transportkosten leiden. So hilft es kaum, dass der Gewerkschaftsbund Cosatu jetzt davor warnt, die Schuld an den Missständen den Migranten anzulasten, die vor noch viel schwierigeren Lebensumständen geflüchtet seien.

Viele schwarze Südafrikaner betrachten die Zuwanderer aus anderen Teilen Afrikas schon deshalb als Wurzel allen Übels, weil diese den Südafrikanern mit ihrer besseren Ausbildung in der Tat oft das Wasser abgraben. „Wenn ich es könnte, würde ich nur noch Simbabwer einstellen“, sagt der chinesische Besitzer einer Sushibar in Kapstadt. „Die sind bescheiden, arbeitsam und haben zudem viel bessere Manieren.“ Als einziger Industriestaat in Afrika und damit als vergleichsweise reiches Land ist die Kaprepublik seit Jahrzehnten das Ziel von Millionen von Afrikanern, die vor Bürgerkriegen und korrupten Machthabern fliehen. Weil zum Beispiel Simbabwes Diktator Robert Mugabe sein Volk eher verhungern lässt, als politische Zugeständnisse zu machen, und weil deshalb vier von fünf Simbabwern keinen Job haben, sind inzwischen rund vier Millionen der 13 Millionen Simbabwer aus ihrer Heimat geflohen – der größte Teil davon ins benachbarte Südafrika.

Obwohl es keine exakten Angaben über die Flüchtlingszahlen gibt, dürfte die Flucht der Simbabwer inzwischen weltweit der größte Exodus aus einem Land sein, das sich nicht im Krieg befindet. Wichtiger als die exakte Zahl der Flüchtlinge ist ohnehin, dass Südafrikas Präsident Thabo Mbeki und seine Regierung das Problem seit Jahren wissentlich ignoriert haben. Frans Cronje, stellvertretender Vorsitzender des Instituts für Rassenbeziehungen, bringt die Apathie der Machthaber am Kap auf den Punkt: „Ich bin von den blutigen Ausschreitungen nicht überrascht“, sagt er. „Südafrika hat mehr als fünf Millionen Zuwanderer aus afrikanischen Nachbarländern, aber keine Einwanderungspolitik.“ Wer dermaßen untätig sei, dürfe sich über spätere Probleme nicht wundern.

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