Rassismus : Ku-Klux-Clan - Zurück aus der Kapuzengruft

Erst die Finanzkrise und dann auch noch ein schwarzer Präsident: Konservative Weiße in den Südstaaten der USA fühlen sich zunehmend bedroht. Davon profitiert vor allem auch: der Ku-Klux-Klan. Vom Comeback einer totgesagten Bewegung

Hannes Heine[Natchez Mississippi]
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Berufung auf Gott. Das brennende Kreuz gilt als Symbol des Rassistenbundes. -Foto: polaris/laif

Das Blutbad hätte er gerne gesehen, aber leider sei ja nichts daraus geworden.

Am 27. Oktober 2008 wurden zwei jugendliche Skinheads festgenommen, die ein Attentat auf Barack Obama, damals Kandidat für die US-Präsidentenwahl, verüben und zuvor noch mit gestohlenen Waffen in einer von Schwarzen besuchten Schule um sich feuern wollten.

Jordan Mallert, der eigentlich anders heißt, sitzt in einer Kneipe in Natchez am Mississippi, im gleichnamigen US-Bundesstaat, und erinnert sich genau. „Das sollte ein richtiges Massaker werden. Tote Nigger im Weißen Haus, tote Nigger in der Schule“, sagt er und nimmt einen Schluck Bier.

Mallert, 29, groß und schlank, Mechaniker in einer Autowerkstatt, ist selbst für einen Weißen ziemlich blass. Er hat Mississippi in seinem Leben nur zwei Mal verlassen. Einmal fuhr er nach Memphis in den Nachbarstaat Tennessee. Und vor zehn Jahren hat er die Hauptstadt Washington besucht. „Sobald man dort in eine Seitenstraße geht, sieht man nur bettelnde Schwarze“, sagt er.

Seine Freundin, klein mit langen blonden Haaren und einem frechen Lächeln, legt ihm liebevoll ihre Hand auf den Arm. Er lächelt sanft, auf seine Freundin ist er stolz. Auch sie war nie weit weg, möchte aber gern mal. Mallert hält das für unnötig. Hier sei es doch schön. Allerdings sei es früher noch schöner gewesen.

Heute müsse man Angst haben, dass Mexikaner einem den Job wegnehmen. „Ich bin weiß, für mich gibt es keine Gleichstellungsprogramme. Mich reicht keiner nach oben wie Obama“, sagt er. Seit der erste Schwarze ins Weiße Haus gewählt worden ist, hat Mallert viel über Obama geredet. „Bei unseren Treffen“, sagt er und meint Versammlungen des rassistischen Ku-Klux-Klans.

Seit Obamas Wahl wächst der Klan wieder. Mallert merkt das daran, dass mehr Leute zu den Grillabenden kommen, die im Garten eines Mitglieds stattfinden. „Ein Kollege aus meiner Werkstatt kommt jetzt mit. Es ist schön, wenn wir alle zusammensitzen“, erzählt er. Dann essen sie Steaks, trinken Bier, schimpfen auf Schwarze, Linke und Einwanderer. Ansonsten verteilen die Klansmänner, wie die Anhänger des Bundes genannt werden, Flugblätter, schicken Protestnoten an Kreisräte und organisieren Aufmärsche. „Dass wir dabei alle weiße Kutten tragen, ist Quatsch“, sagt Mallert. „Ich habe eine blaue.“ Sie habe 100 Dollar gekostet, erzählt er stolz.

Die Bürgerrechtsorganisation „Anti Defamation League“ spricht von einem überraschenden Comeback der totgesagten Bewegung.

Nachdem der Bund, der 1866 als Reaktion auf den verlorenen Bürgerkrieg gegründet wurde und für die Vorherrschaft der Weißen kämpft, bis in die 1920er Jahre auf vier Millionen Mitglieder, darunter hohe Politiker, angewachsen war, zerfiel die Bewegung später. Ganz verschwunden ist sie allerdings nie, auch wenn der Ku-Klux-Klan vor wenigen Jahren nur noch 2000 Anhänger gehabt haben soll. Dann kamen die Finanzkrise und der schwarze Präsident, und heute gibt es, glaubt man Schätzungen von Bürgerrechtlern, bereits wieder 100 verschiedene Klan-Gruppen mit 9000 Mitgliedern.

Auch die Experten des angesehenen „Southern Poverty Law Center“ bestätigen: „Rassismus wird durch Ängste vor zu viel Einwanderung, die Wirtschaftskrise und die Wahl eines Schwarzen zum Präsidenten angefacht. Seit 2008 wachsen rassistische Gruppen wieder“ – moderne Neonazis genauso wie rechte Traditionsvereine. Genauere Zahlen gibt es zwar nicht. „Doch die extreme Rechte in den USA legt zu. Seit Obama gewählt wurde, tummeln sich massenhaft neue Leute in den einschlägigen Internetforen“, sagt Thomas Greven, Spezialist für US-Innenpolitik an der Freien Universität Berlin. Es werde vermehrt über die Einwanderer und „Obama, den Moslem“ geschimpft. Einige hetzen nicht nur verbal: Im Süden wurden in den vergangenen Monaten vermehrt Galgenschlingen an Häuser schwarzer Familien gesprüht. Bis in die 1930er haben Klansmänner Schwarze an Bäumen aufgehängt, zuvor wurden so Sklaven hingerichtet. Die Schlinge dient der Einschüchterung und markiert das Territorium: Anfangs betrachtete der Klan vor allem Mississippi, Louisiana, Alabama, Georgia, Tennessee und Arkansas als sein Gebiet.

Nach der Wahl Abraham Lincolns zum Präsidenten 1860 hatten sich elf Bundesstaaten südlich von Washington vom Rest des Landes gespalten. Lincoln lehnte die Sklaverei ab, die weißen Plantagenbesitzer im Süden aber lebten davon. Im Bürgerkrieg gewann der Norden, die Sklaven wurden befreit, viele flohen. Noch immer aber ist im Süden jeder zweite Bewohner Afroamerikaner.

Jordan Mallert glaubt, dass sich kein Politiker in Washington – ob nun schwarz oder weiß – um den Süden kümmere. „Egal wer regiert, die interessieren sich nicht für uns hier unten“, sagt er. Mississippi ist der ärmste US-Bundesstaat: Ein Bürger in Massachusetts, nördlich von New York, verdient im Schnitt 4300 Dollar monatlich. In Mississippi sind es keine 2500 Dollar. In Massachusetts liegt auch Harvard, die Elite-Universität, an der auch Obama studiert hat. Mallerts Hass ist auch ein Hass auf die liberalen Eliten aus dem Norden.

Hier im Süden, zwischen Baumwollfeldern und verlassenen Fabriken, sind manche der klapprigen Holzhäuser kaum größer als die Pick-up-Trucks, die neben ihnen parken. Sie werden Shotgun-Houses genannt, Schrotflintenhäuser. Man erzählt sich, dass der Begriff aus den wilden Zeiten stamme, in denen man Konflikte mit Waffen löste: Wurde aufs Haus geschossen, öffnete man vorne und hinten die Türen, so flog manche Kugel einfach durchs Haus hindurch.

Auf den Dächern weht die alte Flagge des Südens aus der Zeit des Bürgerkriegs. Die weißen Bewohner in den Orten zwischen Washington und New Orleans sind stolz auf ihre Fahne, auch wenn sie kaum einer sieht. Viele Straßen sind leer, Fenster und Türen mit Brettern zugenagelt.

Wer kann, zieht weg aus den Orten zwischen Feldern und Sümpfen. In den Dorfläden an den Ufern des Mississippi gibt es alte Bürgerkriegsorden, sie stehen gleich neben Kochbüchern und der Bibel.

„Gott ist gegen Rassenmischung“, sagt Mallert und bestellt ein neues Bier.

Die „Mississippi White Knights of the Ku-Klux-Klan“, die Weißen Ritter, wie sich Mallerts Truppe nennt, berufen sich auf Gott, wenn sie getrennte Schulen für Weiße und Schwarze fordern und mexikanischen Einwanderern den Krieg erklären. Dass die Grenze zum armen Nachbarland komplett abgeriegelt werden müsste, finden nicht nur Klansmänner richtig. An vielen Tankstellen hier gibt es Aufkleber für Autos: „Verbietet illegale Einwanderung, nicht das Erbe der Südstaaten.“

Mallerts Freunde verteilten kürzlich in einer weißen Mittelklassesiedlung bei Memphis Flugblätter, auf denen sie vor einem Sexgangster in der Nachbarschaft warnten. Für solche Methoden haben viele konservative Amerikaner Verständnis. Und Experten stellen besorgt fest, dass inzwischen Bürger zur radikalen Rechten kämen, die bisher von den Republikanern unter Ex-Präsident George W. Bush aufgefangen wurden: Abtreibungsgegner, radikale Christen, Waffennarren. Der weiße, konservative Süden fühlt sich durch einen schwarzen, liberalen Präsidenten bedroht. Seit in Arizona auf Protesten gegen Obamas Gesundheitsreform Leute mit geladenen Gewehren auftauchten, wächst auch die Sorge der Sicherheitsbehörden.

Die Kneipe in Natchez, Mississippi, ist inzwischen voll. Schwarze in weiten Hosen und weiten T-Shirts sitzen auf der einen, Weiße in engeren Jeans und Freizeithemden auf der anderen Seite. Nur zwei junge Frauen – Mallert nennt sie Schlampen – laufen zwischen beiden Seiten hin und her. Auf einer kleinen Tanzfläche bewegt sich sehr rhythmisch seine Freundin zur Musik. Sie genießt die Aufmerksamkeit. Ein schwarzer Junge lässt seinen Blick über die Tanzfläche streifen. Mallert hat darauf gewartet: „Da sieht man’s. Die Nigger wollen mein Mädchen wegnehmen.“ Schwarz-weiße Beziehungen? Für ihn undenkbar.

Zwar ist das formale Ende der Rassentrennung knapp 50 Jahre alt, doch in einigen Dörfern des Südens besteht sie fort. In vielen Orten lebt die weiße Bevölkerung an einem Ende der Stadt, die schwarze am anderen. Und auch in den Schulen wird getrennt. Etwa in Jena, Louisiana. Unter einem bestimmten Baum auf dem Schulhof sitzen seit Generationen die weißen Kinder im Schatten. Im September 2006 setzen sich in der Mittagshitze drei schwarze Schüler dazu. Am nächsten Tag hängen an dem Baum drei Schlingen. Weiße Schüler hatten sie angebracht. Es kommt zu Schlägereien zwischen Weißen und Schwarzen. Im Dezember 2006 wird ein Weißer von sechs schwarzen Mitschülern verprügelt, er soll sich am gleichen Abend aber danach auf einer Party vergnügt haben. Die Schwarzen werden wegen versuchten Mordes angeklagt. Einer von ihnen sitzt bis zur Verhandlung im September 2007 im Gefängnis. Mehr als 25 000 Unterstützer reisen nach Jena, um für ihn zu demonstrieren. Der Ku-Klux-Klan hält Gegendemonstrationen ab. Die Schüler werden verurteilt, ins Gefängnis müssen sie aber nicht zurück.

Jordan Mallert hätte gerne gegen die sechs Schwarzen demonstriert. „Ich musste in der Werkstatt Überstunden schieben“, sagt er. Auch vor dem Weißen Haus würde Mallert gern mal protestieren. Anders als die beiden verhafteten Jungterroristen von 2008, die Obama ermorden wollten, würde er aber friedlich bleiben, sagt er. Mallert will nicht riskieren, wegen der Schwarzen den Rest seines Lebens in einer Zelle zu sitzen.

Er würde jetzt gerne nach Hause fahren. Aber seine Freundin amüsiert sich noch. Sie will weitertanzen.

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