Zeitung Heute : Ratlos auf Rückreise

Auf einmal war der Urlaub vorbei: Von allen Ecken der Welt eilten die aufgeschreckten Koalitionspolitiker nach Berlin. Jetzt muss Klaus Wowereit zeigen, wie gut er als Krisenmanager ist. Aber eigentlich will er von Krise gar nichts wissen – und bald zurück auf seine Insel.

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Von Brigitte Grunert

und Barbara Junge

Nichts konnte den blauen Himmel über dem Schwielowsee, kurz hinter Potsdam, an diesem Mittwoch trüben. Harald Wolf stand an Deck seines sechs Meter 50 langen Jollenkreuzers, made in DDR, und griff zum Handy. Nach dem Telefonat hatte der Fraktionsvorsitzende der Berliner PDS das Gefühl, ein Sturm von der Kraft, wie er vor wenigen Wochen halb Berlin verwüstet hatte, braue sich über ihm zusammen. Am anderen Ende der knarzenden Leitung war Gregor Gysi. Eine halbe Stunde redete Wolf, der starke Mann der Berliner PDS, beschwörend auf den Noch-Wirtschaftssenator ein. Doch Gysi hatte seine Datscha in der Märkischen Schweiz schon am frühen Morgen verlassen, die Rücktrittserklärung war bereits formuliert, und jetzt klingelten die Telefone unablässig – rund um die Welt. „Gut, ich denke noch mal drüber nach“, endete das Gespräch. Keiner der beiden nahm dieses Versprechen noch ernst, und Wolf wusste – dieser Urlaub ist vorbei.

Die Ruhe ist hin

26 Stunden später landet der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) mit dem Flug OA 161 der Olympic Airways aus Athen in Berlin. Was mit einer Freiflug-Affäre begann, setzt sich in einem Reisesturm der Koalitionspolitiker nach Hause fort. Der PDS-Landesvorsitzende Stefan Liebich kommt aus New York, Gesundheitssenatorin Heidi Knake-Werner aus den Bergen, Bausenator Peter Strieder von seiner Datscha bei Neuruppin, Schulsenator Klaus Böger von Sylt. Wie viele neuen Bonus-Meilen da erworben werden…

„Ich hatte mir den heutigen Tag anders vorgestellt“, sagt Wowereit vor der Presse, nachdem er von der „südlichen Insel“ zurückgekehrt war, wie die Sprachregelung für den eigentlich geheim gehaltenen Urlaubsort lautet. Aber die Ruhe ist hin. Jetzt muss Klaus Wowereit zeigen, was er als Steuermann kann, soll das Koalitionsschiff nicht unverhofft in schwere Wasser geraten. Wie er wirklich über die Krisengefahr denkt, lässt sich einer wie Wowereit nicht entlocken. Er kann so nett parlieren, aber seine Gefühle gehören ihm und sonst niemandem.

Der Senat tritt zu einer Sondersitzung zusammen, sagen wir Krisensitzung. Zwei Stühle bleiben leer. Gysi hat dort nichts mehr verloren, und Finanzsenator Thilo Sarrazin durfte in Spanien bleiben. Wowereit und Harald Wolf, der nun für die PDS den Wortführer gibt, versichern sich gegenseitig, dass die vertrauensvolle Zusammenarbeit weiter geht. Keine Senatsumbildung, nur die Nachwahl des Bürgermeisters und Wirtschaftssenators steht an, am 29. August im Parlament. Das Vorschlagsrecht bleibt bei der PDS. Punktum.

Hinterher blickt Wowereit, von der südlichen Sonne gebräunt, in Polohemd und dunkelgrauem Arbeitsanzug halb Urlauber, halb Chef, belustigt auf das Gewusel der Fernsehkameras, Mikrofone und Journalisten. Es gebe keine Krise und auch keine Gefahr, dass es dazu kommen könnte, sagt er. Und sollte er sich wirklich richtig ärgern über den Rücktritt von Gregor Gysi wie SPD-Chef Peter Strieder, lässt er es sich nicht anmerken.

Zwei Tage haben Wowereit und andere via Handy von Urlaubsort zu Urlaubsort auf Gregor Gysi eingeredet, im Senat zu bleiben; nichts zu machen. Gewiss: „Da war der Wunsch, keine Entscheidung ohne intensive Beratung.“ Gysi hat sich allein entschieden. „Da stellt sich für mich nicht die Frage, ob ich sauer bin oder nicht, ich muss es respektieren“, sagt Wowereit unterkühlt. Eher ist er, wie durchsickerte, nicht ganz einverstanden mit Strieder. Der hatte Gysis moralische Erläuterungen zum Rücktritt als „egoistisch und selbstverliebt“ gewertet. Ein Wowereit tritt nicht nach. Reisende kann man nicht aufhalten. Was für eine Krise? Was für ein Vakuum durch den Abgang der PDS-Leitfigur? „Durch diese individuelle Entscheidung wird die Koalition nicht in eine Krise gestürzt, von einer Krise des Senats kann natürlich überhaupt keine Rede sein.“ Auf die richtige Teamarbeit kommt es an. Mehr hat Wowereit zur Koalition nicht zu sagen.

Das Hauptproblem hat nämlich die PDS. Und sie weiß es. Die Sozialisten haben ja noch nicht einmal verstanden, warum ihr Vielflieger eigentlich von Bord gegangen ist. Und jetzt steht für sie mehr auf dem Spiel als nur der vakante Stuhl des Wirtschaftssenators. Die rot-rote Koalition als Einfallstor in den Westen, das war der Traum. Diese Koalition war nicht das Werk von Gregor Gysi. Der Medienprofi und Publikumsliebling war das Aushängeschild für das Projekt West-Erweiterung. Rot-Rot in Berlin – das ist in erster Linie ein politisches Kind von Harald Wolf. Dieses gilt es jetzt vor größeren Blessuren zu schützen.

Es ist drückend warm im vierten Stock des Berliner Abgeordnetenhauses. Unterm Dach des Preußischen Landtages sammelt sich die PDS-Führung am Vormittag zur Teambesprechung. Wie eine Fußballmannschaft, der plötzlich der frisch eingekaufte Stürmer abhanden gekommen ist. Kurz nach Saisonbeginn. Und kein Ersatz in Sicht. Alle warten jetzt auf den Trainer. Kurz nach halb zwölf geht Wolf ein wenig schief lächelnd den Gang entlang. Die Sitzung kann beginnen. Was jetzt noch hilft? „Galgenhumor“, sagt Stefan Liebich und lächelt ebenfalls. Seine Genossen lächeln tapfer mit. „Es ging vorher ohne Gregor Gysi. Es wird auch jetzt ohne ihn weitergehen“, gibt Liebich die Parole aus. Was er nicht sagt, hat zuvor schon seine Vorgängerin im Amt gesagt, Petra Pau: „Es muss!“

Tapfer vertrösten Wolf und Liebich auch nach der eilends einberufenen Vorstandssitzung der Fraktion: „Heute Abend tagen unsere Gremien.“ Erst da werde man über die Nachfolge von Gregor Gysi sprechen. Liebich und Wolf wissen, warum sie abwehren. Auf sie beide richten sich jetzt aller Augen. Wen sonst hat die PDS in Berlin schon zu bieten? Ob er denn jetzt das Amt übernehme, wird Harald Wolf von der Presse gefragt. „Ich halte es zwar mit Peter Struck“, witzelt Wolf – der bisherige SPD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag hatte die Devise vorgegeben, ein Fraktionschef könne jeden Job erfüllen, und wurde Verteidigungsminister – „aber da heute nicht das Amt eines Verteidigungssenators zu besetzen ist“, sagt Wolf dann, „ist es nicht zwangsläufig, dass ich den Posten übernehme.“ Die PDS sucht. Nach Antworten, nach Rat, nach einem Nachfolger von Statur.

Am verkaterten Morgen trifft sich auch der SPD-Fraktionsvorstand zum Appell. Sinn der Übung: Präsenz zeigen, Linie halten, alles im Griff haben. Fraktionschef Michael Müller hat gerufen, fast alle sind aus den Ferien herbeigeeilt. Wie nehmen sie seine Information über die ganze Rücktrittsgeschichte auf: „Gefasst“, heißt es hinterher knapp. Die Sprachregelung ist längst eingeübt: Gysis Fehlverhalten war kein Grund, alles hinzuwerfen, aber nun muss man nach vorn blicken. Bloß keine Krise herbeireden, Contenance wahren. So folgsam ist die SPD inzwischen. Sie tut, als gingen sie die PDS-Sorgen nichts an, die doch am Koalitionsgebälk rütteln könnten. „Kein Anlass zu hektischer Betriebsamkeit“, sagt Strieder. Sagt Wowereit auch. Demonstrativ will er zurück auf seine sonnige Insel: „Das könnte ich nicht, würde ich mir Sorgen um die Koalition machen.“

Abschied per SMS

Und ein Senator witzelt am Donnerstag auch schon über den Verlust: „Das kommt davon, wenn man vier Wochen Urlaub macht. Der Gysi hatte Zeit, die angenehmen Seiten des Lebens wiederzuentdecken.“ Er hatte Strieder versprochen, sein Rücktrittsschreiben nicht ohne nochmalige telefonische Rücksprache abzuschicken. Doch Mittwochabend fand Strieder eine SMS von Gysi auf seinem Handy: Ämter niedergelegt, „Diensthandy abgegeben.“

Vormittags schon bekam der Chef der Senatskanzlei, André Schmitz, im Roten Rathaus die Nachricht, dass die Rücktrittserklärung fertig sei. Er informierte Wowereit. Der wiederum telefonierte mit Gysi und versuchte, ihm den Abgang auszureden. Als Strieder dann bei Wowereit klingelte, war der schon mit dem Auto unterwegs, das Ticket für den Rückflug zu besorgen. Schmitz beorderte indessen die Senatoren zur Krisensitzung des Senats. Jetzt sind alle informiert, fast alle da. Doch keiner findet eine wirklich griffige Erklärung für Gysis Abschied von der Regierungsverantwortung.

Gysi selbst ist von der Bildfläche verschwunden. „Er hat uns, nachdem er sein Diensthandy abgegeben hat, noch seine neue Nummer mitgeteilt“, freut sich die Abgeordnete Carola Freundl. Immerhin – wenn schon nicht mit der Öffentlichkeit, mit seinen Genossen will der Privatier Gysi noch reden.

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