Zeitung Heute : Ratlos im Mutterland

Von Harald Martenstein

Harald Martenstein

Im Sauerland sind drei Neugeborene von ihrer Mutter in eine Tiefkühltruhe gesteckt worden, ein Verbrechen, das an den Fall Sabine H. erinnert, die neun tote Babys in Blumenkübeln vergraben hat, oder an den Dezember 2007, als in der kleinen Stadt Plön fünf Kinderleichen entdeckt wurden, Täterin: die Mutter. 17 Tote. Tatorte in Ost und West, in Unter- und Mittelschicht. Vor dem Haus im Sauerland weht die deutsche Fahne.

Für einen kurzen Augenblick haben wir also die Gelegenheit, unsere Augen von dem österreichischen Inzestdrama abzuwenden, welches, wie viele Zeitungen schreiben, eine fast logische Folge der verkorksten österreichischen Geschichte ist, und einen Blick in den Spiegel zu werfen. Warum werden eigentlich in Deutschland immer mehr und immer wieder neugeborene Kinder von ihren Müttern umgebracht? Deutschland ist nie ein besonders kinderfreundliches Land gewesen. Gleichzeitig hat man in Deutschland immer großen Wert auf die Gebärquote gelegt, in der Kaiser- und in der Nazizeit brauchte Deutschland Soldaten, heute braucht Deutschland Rentenzahler.

Die Frauen sollten gebären, der Staat hat das gefördert, aber geliebt wurden die Kinder nicht, sie waren immer nur Mittel zum Zweck. Hitler hat Kinder in den Krieg geschickt. Nach dem Krieg waren die Kinder von Verboten umstellt, und als die Westdeutschen anfingen, im Süden Urlaub zu machen, wunderten sie sich: im Süden durften die Kinder fast überall spielen und Krach machen, unerhört! Dann kam die große Zeit der Selbstverwirklichung, mein Bauch gehört mir, Kinder waren ein Störfaktor beim Egotrip. Wenn wir uns heute in Deutschland umschauen, stellen wir fest, dass dieses Land über ein hervorragendes Straßensystem verfügt und über ein relativ marodes Bildungssystem. Berlin baut einen gigantischen Flughafen, die Schulen verfallen. In der Zeitschrift „Vanity Fair“ erklärt eine Theologieprofessorin zu den Kindesmorden, dass die Mütter unter den gesellschaftlichen Bedingungen, wie sie hier herrschen, ihre Neugeborenen nicht als „Person“ erkennen, sondern lediglich als Last, die sie, die Mutter, für den Staat tragen soll, als Armutsrisiko, als Beschränkung der eigenen Freiheit. Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.

Moment. Obwohl das, was ich gerade eben geschrieben habe, zum Teil vielleicht richtig ist, denke ich nicht wirklich so. Ehrlich gesagt, machen mich die mordenden Mütter eher ratlos, und ich bezweifle, dass man ihre Taten wirklich mit den Nazis oder Adenauer oder den Neoliberalen in Verbindung bringen kann. Ich wollte nur einmal ausprobieren, wie es sich anfühlt, wenn man die Amstetten-Österreich-Erklär-Methode auf deutsche Mütter anwendet. Es geht. Wenn man will, geht fast alles.

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