Zeitung Heute : Raub an der Gesundheit

Moritz Döbler Cordula Eubel

Der Missbrauch von Chipkarten nimmt zu. Die Techniker Krankenkasse hatte deshalb eine Überprüfung veranlasst und zieht nun Bilanz. Was könnte gegen den Betrug ins Feld geführt werden?

Um Betrügern im Gesundheitswesen auf die Spur zu kommen, ist mühselige Detektivarbeit erforderlich. Organisierte, vernetzte Kriminalität komme inzwischen häufiger vor, sagt Frank Keller, der bei der Techniker-Krankenkasse (TK) eine Ermittlungsgruppe gegen Abrechnungsmanipulation leitet. So kam an diesem Dienstag die Hamburger Kriminalpolizei Betrügern auf die Spur, die Chipkarten aus gestohlenen Portemonnaies verwenden, um Verordnungen zu fingieren und zu Lasten der Kasse abzurechnen. In mindestens 40 Fällen gehe es um einen Schaden von jeweils mehreren 100000 Euro, berichten die TK-Ermittler.

Für Aufregung sorgte vor kurzem auch der „Saarland-Fall“. Dort machten Ärzte, Apotheker und Versicherte zwischen September 2002 und Oktober 2004 gemeinsame Sache: Chipkarten von Versicherten wurden eingesammelt, „Luftrezepte“ ausgestellt, aber nie ging ein Medikament über den Ladentisch. Der Schaden geht nach Schätzungen der TK in die Millionen. Nach Angaben von Oberstaatsanwalt Raimund Weyand wird gegen etwa 30 Ärzte und Apotheker ermittelt, eine Ärztin ist bereits rechtskräftig zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Ferner werde gegen 1100 „Kartenbringer“ ermittelt, die allesamt mit der bereits verurteilten Ärztin zu tun hatten. Die fingierten Rezepte konnte man in den Apotheken eintauschen: gegen Bargeld, Kosmetik oder ein Blutdruckmessgerät. Den entstandenen Schaden im Umfeld dieser einen Ärztin hat die Staatsanwaltschaft auf 750000 Euro beziffert. Eine ganze Büroetage belegt die „Einsatzgruppe Rezept“ der Saarbrücker Polizei, um die Fakten zusammenzutragen.

Um den Einsatz von Chipkarten besser zu kontrollieren, setzt die Techniker- Krankenkasse zusätzlich zu ihrer Ermittlungsgruppe inzwischen die Software „Verax“ ein, die bei 80 Prozent der niedergelassenen Ärzte installiert ist. Die Praxen erhalten regelmäßig Daten, welche Karten gesperrt sind. Hat jemand zum Beispiel die Krankenkasse gewechselt, so liegt diese Information in der Arztpraxis vor, wenn der Patient sich anmeldet. Die ersten Ergebnisse sind positiv: Nach Schätzungen der TK konnten seit Oktober 2004 knapp 23 Millionen Euro eingespart werden, hochgerechnet auf ein Jahr wären es 30 Millionen Euro. Diese Einsparungen haben zwar keine direkt spürbaren Auswirkungen auf den Beitrag der TK (für eine Stelle nach dem Komma wäre eine Summe von 100 Millionen Euro notwendig). Aber nach Angaben des stellvertretenden TK-Vorstandschefs Christoph Straub hat die Software „nur einen Bruchteil“ der eingesparten Summe gekostet.

Trotz der aktuellen Ermittlungen sieht Oberstaatsanwalt Weyand nicht den gesamten Berufsstand im Zwielicht: „Wir gehen nicht davon aus, dass das ein arzt- oder apothekertypisches Verhalten ist.“ TK-Vorstandsmitglied Straub warnt jedoch: „Die schwarzen Schafe beschädigen das Ansehen der gesamten Branche.“

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