Zeitung Heute : Raubkopien: Lücken nicht nur bei Windows

Die Manipulationen bei der Installation der Microsoft-Betriebssysteme Windows 98 und 98 Second Edition, die dem Tagesspiegel von einem 16-jährigen Berliner am Sonnabend vorgeführt wurden, haben nicht nur bei den Nutzern zu einer Verunsicherung geführt. Der Realschüler hatte gezeigt, dass die beiden Betriebssystem-Versionen auch ohne "Product ID" zu installieren sind. Nicht nur versierten Computernutzern ist es demnach möglich, den Schutz vor illegalen Raubkopien zu umgehen.

Für die in der Business Software Alliance (BSA) zusammengeschlossenen Software-Industrie, die gegen illegale Kopien kämpft, dürfte dies ein herber Rückschlag sein. Nach deren Informationen belief sich der Schaden für die Unternehmen 1998 weltweit auf elf Milliarden Dollar. Jede dritte PC-Software sei eine Raubkopie, wobei Deutschland in Europa "eine traurige Spitzenposition" einnehme.

Der aus Sankt Petersburg stammende Arseni Jachontow, der auf den mangelhaften Schutz in der Installationsroutine von Windows aufmerksam gemacht hatte, zeigte sich selbst überrascht über die verhältnismäßig einfache Möglichkeit zur Manipulation. Im Gespräch mit dem Tagesspiegel hatte Jachontow angeboten, Microsoft bei der Schließung der Lücke behilflich zu sein. Microsoft Deutschland war am Wochenende nicht zu einer Stellungnahme zu erreichen.

Für Andy Müller-Maguhn vom Chaos Computer Club (CCC) kommt die Entdeckung nicht überraschend. Es gebe grundsätzlich keinen unüberwindbaren Kopierschutz. Zugleich wandte sich Müller-Maguhn vehement gegen den "Quatsch mit den Raubkopien". Es handele sich vielmehr um die natürliche Vermehrung von Bits, sagte der CCC-Sprecher, der damit seine Forderung nach der Weiterentwicklung von Open-Source-Software wie Linux aussprach. Es müsse die Frage gestellt werden, ob die amerikanische Diskussion über den Schutz geistigen Eigentums im Softwarebereich seine Daseinsberechtigung habe oder nur die Weiterentwicklung behindere.

Freischaltungscodes sind auch für AOL ein Thema. Der Online-Dienst subventioniert den Kauf von schnellen 56K-Modems, die selbst auf analogen Leitung mit Fast-ISDN-Geschwindigkeit laufen, wenn zugleich ein Vertrag mit AOL geschlossen wird. Will der Käufer mit diesem Modem hingegen einen anderen Provider nutzen, läuft das Modem ohne den Quasi-ISDN-Effekt. In einschlägigen Newsgroups wird nun offen darüber diskutiert, wie aus dem AOL-Modem über falsche Freischaltungscodes ein voll funktionsfähiger 56K-Renner werden kann.

Probleme mit gefälschten oder unrechtmäßig benutzten Freischaltungscodes seien zwar nicht bekannt, sagte AOL Deutschland-Pressesprecher Alexander Adler am Sonntag. Doch sei klar, dass solche Manipulationen gegen den mit dem Kauf des Modems eingegangenen Vertrag verstießen. Ob dies zwangsläufig zu juristischen Schritten führen würde, ließ Adler offen, unterstrich aber, dass es auch andere Wege wie zum Beispiel die Sperrung des Zugangs gebe.

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