Zeitung Heute : Raubkopierer unter Druck

US-Musikindustrie droht mit Strafen bis zu 150 000 Dollar. Werden bald deutsche Nutzer von Tauschbörsen verfolgt?

Kai Kolwitz Kurt Sagatz

Von Kai Kolwitz

und Kurt Sagatz

Es scheint, dass die Lage langsam ernst wird für die Freunde von Kazaa, Morpheus, Emule und Co. In den USA hat die Musikindustrie gestern zum Großangriff gegen die Benutzer von Musiktauschbörsen im Internet geblasen – und auch für Deutschland sind solche Aktionen denkbar, sobald das neue Urheberrecht in Kraft tritt.

Zwar hat es in den Vereinigten Staaten auch in der Vergangenheit schon einzelne Prozesse gegen virtuelle Musiktauscher gegeben. Neu ist allerdings die spezielle Spionage-Software, mit der der Verband der amerikanischen Musikindustrie Recording Industry Association of America (RIAA) nun eine möglichst große Zahl von Usern identifizieren und mit Schadenersatzklagen überziehen will. Im Gespräch sind dabei Forderungen von bis zu 150 000 Dollar für jedes Lied, das zum Download angeboten wird.

Jeder kann betroffen sein

Im Visier sind dabei nicht diejenigen, die lediglich Musik aus dem Internet herunterladen – hier kann nicht unterschieden werden, ob die Quelle am anderen Ende des Kabels legal oder illegal ist. Gegen Gesetze verstoßen jedoch User, die Musik auf ihrer Festplatte zum Download durch andere freigeben. Das tut fast jeder. Zum einen legen die Musiktauschbörsen heruntergeladene Dateien in der Regel in einem Verzeichnis ab, das automatisch freigegeben ist. Bei Börsen wie Edonkey, Emule und Overnet werden Teile der Dateien sogar noch während des Herunterladens anderen Usern angeboten. Unterbindet man dies, etwa über eine Firewall, funktioniert auch kein Download mehr.

Identifiziert werden können Internet-Nutzer in der Regel über eine Zahlenkombination, die so genannte IP-Adresse. Die eingesetzten Programme scannen diese Adressen, Zugangsprovider wie AOL und Microsoft wissen, welcher ihrer Kunden sich hinter der Nummer verbirgt. Bei Verdacht auf Copyright-Verletzungen müssen sie diese Daten herausgeben.

„Diese Sache wird vielen ganz erhebliche Angst einjagen“, bewertet Mike Goldwin von der US-Verbraucherorganisation Public Knowledge die Initiative der US-Musikindustrie. Bislang waren die meisten Versuche, den massenhaften Musiktausch einzudämmen, wenig erfolgreich. Das könnte sich diesmal ändern.

Was die Vorgänge in den USA für deutsche User interessant macht: Eine ähnliche Rechtsauffassung findet sich im Regierungsentwurf für ein neues deutsches Urheberrecht. Zwar hängt das Gesetz im Vermittlungsausschuss fest, doch die entsprechende Passage steht nicht zur Debatte. Auch in Deutschland wird zukünftig derjenige eine Ordnungswidrigkeit begehen, der seine Musiksammlung via Internet anderen zugänglich macht.

Und was hält die deutsche Musikindustrie von der US-Initiative? „Ich weiß, dass es Programme gibt, die die Downloadströme verfolgen können und bin gerade auf der Suche, um mehr Information zu bekommen“, sagte Thomas Stein, Deutschland-Chef der Bertelsmann-Tochter BMG, dem Tagesspiegel. Allerdings müsse man nicht nur die rechtliche Seite im Auge halten, sondern könne die gewonnenen Daten auch nutzen, um den Usern legale Angebote zu machen. Man müsse dem einen oder anderen kräftig auf die Finger hauen, um in Sachen Copyright für ein besseres Bewusstsein unter den Usern zu sorgen.

Justizministerin Brigitte Zypries sagte jüngst bei der Vorstellung des Entwurfs für ein neues Urheberrecht, man habe nicht die Absicht, die Schulhöfe zu kriminalisieren. Das will auch BMG-Chef Stein nicht. „Wir werden den Teufel tun, einen kleinen Jungen zu verklagen, der für seine Freundin eine CD brennt.“ Aber in den Schulhöfen gebe es Internet-Nutzer, die Kopien gegen Geld verkauften. Das seien keine Bagatellen mehr.

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