Zeitung Heute : Rauch und Feuer

Als Supermoto zum Austoben sieht Aprilia die SMV 750 Dorsoduro. Und hat Recht damit

Norbert Meiszies

„Das ist kein Bike für Anfänger“, verkündet Aprilia-Mann Francesco Polimeni mit ernster Stimme. Dann schiebt er nach: „Das ist kein Bike für die Fahrt zum Date mit der Freundin.“ Schade, denke ich mir, denn Frauen stehen eigentlich auf heiße Motorräder – und manchmal auch auf deren Besitzer. Zum Schluss kommt der Italiener zum Punkt: „Das ist ein Bike für richtige Männer, allein für den persönlichen Spaß, ein Motorrad zum Austoben.“ Jetzt werde ich hellhörig. Hat sich die lange Reise zur Präsentation des Supermoto-Fegers SMV 750 Dorsoduro am Ende doch gelohnt? Die lieben Kollegen aus England, die mir auf unserer ersten Testfahrt entgegenkommen, scheinen ihn beim Wort zu nehmen. Entweder sie bewegen sich nur auf dem Hinterrad vorwärts oder sie greifen derart in die Eisen, dass auf dem Asphalt schwarze Linien gezogen werden.

Von hinten wirkt die 750er mit dem geteilten Endtopf aus Edelstahl absolut elegant. Die Einarmschwinge am Hinterrad ist wie die Scheinwerfereinheit mit dem schmalen, senkrecht aufgestellten Abblendlicht ein Hingucker. Nicht nur nützlich, sondern auch stilistisch gelungen. Die Handprotektoren erwecken den Eindruck, als trüge der 905 Millimeter breite Lenker Flügel. Auch wenn rund 65 Prozent aller Bauteile zwischen der Dorsoduro und dem Schwestermodell Shiver 750 unterschiedlich oder überarbeitet sind, so kommen uns zahlreiche Details doch sehr bekannt vor. Schließlich gilt auch bei Aprilia das Baukastenprinzip. Die Rahmenkonstruktion, die Bremsanlage, das Sachs-Federbein, selbst die Cockpit-Instrumente sind identisch mit der Shiver. Sogar der Motor gleicht zumindest in den Eckdaten wie Bohrung und Hub sowie dem Verdichtungsverhältnis dem der Shiver, ist aber mittels Eingriff in die Motorelektronik auf 91 PS abgesoftet.

Die elektronisch gesteuerten Drosselklappen funktionieren bei der Dorsoduro perfekt. Schon beim leichtesten Dreh am Gasgriff spürt man, dass die Supermoto nichts am Fleck hält. Dabei kommt der Vortrieb nicht unvermittelt, sondern gleichmäßig und beherrschbar – aber dennoch mit Macht. Selbst in engsten Kurvenkombinationen wird jeder Gasstoß ohne Murren in Beschleunigung umgesetzt. Fahrer, die nur selten auf einem V2 sitzen und eher Vierzylinder gewohnt sind, werden von der Geschmeidigkeit des Motors begeistert sein. Auf die Charakteristik der Leistungsentfaltung kann dabei Einfluss genommen werden. Denn auch bei der Dorsoduro vertrauen die Aprilia-Techniker ihrem Drive-by- Wire-Einspritzsystem, gegenüber der Shiver in einer deutlich verbesserten Version. Dabei hat der Fahrer die Möglichkeit, zwischen drei Fahrmodi zu wählen: Sport, Touring und Regen. Der Unterschied liegt im Ansprechverhalten des Motors auf Gasgriff-Impulse. In der Endleistung gibt es dabei kaum Unterschiede, je nach Modus werden aber die Drehzahl beschnitten und die Drosselklappenstellung verändert. Touring reicht eigentlich völlig aus, um flott unterwegs zu sein, in der Einstellung Sport zeigt die 750er ihr wahres Gesicht, aggressiv und angriffslustig. Hier wären Anfänger wirklich überfordert.Oder sie sind ausschließlich im langweiligen Regenmodus unterwegs. Aber wer fährt mit einer Dorsoduro schon im Regen?

Wobei erwähnt werden sollte, dass der V2 kein reines Supermoto-Sportgerät ist. Dagegen sprechen die knapp 210 Kilo Fahrgewicht, die für einen Sportler recht komfortable Abstimmung der Federelemente und die entspannte Sitzposition auf dem schmalen Polster hinter dem lediglich 12 Liter fassenden Tank. Teilweise kommt man sich wie auf einer schicken Reise-Enduro vor, weil die Fußrasten nicht zu einer verkrampften Haltung zwingen, alle Hebeleien leicht erreichbar und individuell einstellbar sind, und die radialen Vierkolbenbremssättel kräftig, aber nicht unkontrollierbar in die beiden Wave-Bremsscheiben greifen. Zudem bietet Aprilia ein reichhaltiges Zubehörprogramm inklusive Koffersystem mit Softbags an. Ein weiteres Argument stellt Aprilia mit dem Preis bereit. Für rund 8600 Euro plus Nebenkosten bekommt man bei anderen Herstellern gerade einmal eine einzylindrige Supermoto für den Straßengebrauch.

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