Zeitung Heute : Rauchen macht doof . . .

Der Tagesspiegel

Von Tanja Buntrock

Mit 15 hat es Sabrina Schaldach noch Spaß gemacht zu rauchen. Erst tat sie es heimlich und „auf Backe“, mit 16 dann vor ihren Eltern und „auf Lunge“. In der Clique haben alle geraucht. Das Übliche eben. Ans Aufhören hat die heute 21-Jährige nie gedacht. Bis sie vor fünf Monaten erfahren hat, dass sie schwanger ist. „Ich wusste, dass Rauchen während der Schwangerschaft gefährlich ist fürs Kind“, sagt Sabrina Schaldach. Doch von 10 bis 15 mittelstarken Zigaretten pro Tag auf null zu kommen, ist schwierig. „Ich war total gereizt, nervös und habe bei jeder Kleinigkeit losgeheult“, schildert die Marzahnerin. „Mein Freund ist dann schnell ne Packung holen gegangen.“ Danach habe sie versucht, weniger zu rauchen. Bis ihr Frauenarzt ihr den Tipp mit dem Virchow-Klinikum gegeben hat.

Das Virchow ist das einzige Krankenhaus in Deutschland, das eine spezielle Beratung zur „Rauchentwöhnung bei Schwangeren“ anbietet. Die Kurse sind vor zwei Jahren am Elternkolleg des Weddinger Klinikums eingerichtet worden, da die Deutsche Herzstiftung eine Studie zu diesem Thema in Auftrag gegeben hat. Anne Wilkening, 30, ist klinische Psychologin und betreut die Studie. Sie berät die Schwangeren und versucht, sie von ihrer Nikotin-Sucht zu befreien. Bis vor kurzem war das Angebot noch kostenlos. Jetzt, wo die Studie fast abgeschlossen ist und nur noch ausgewertet werden muss, kostet ein intensiver Beratungstermin 10 Euro für die Schwangere, für Paare 15 Euro. „Nur so können wir dieses Angebot weiter am Leben halten“, sagt Wilkening.

Als Sabrina Schaldach um 13 Uhr bei Anne Wilkening im Beratungszimmer sitzt, hat sie schon fünf Stunden keine Zigarette mehr geraucht. „Ich will durchhalten. Meine Mutter war in der Schwangerschaft nikotinsüchtig“, erzählt sie. Das Rauchen hatte Folgen. „Ich bin untergewichtig zur Welt gekommen. Meine Schwester ist geistig zurückgeblieben und verhält sich mit 19 Jahren wie eine 12-Jährige.“ Anne Wilkening nickt. Denn die Beeinträchtigungen sind erwiesen. Die häufigste Folge sei, dass die Babys zu klein und zu leicht auf die Welt kämen, weil sie zu wenig mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt wurden. Häufig sind diese Kinder später hyperaktiv oder geistig zurückgeblieben. Wilkening bringt es auf den Punkt: „Rauchen macht doof.“ Auch das Risiko einer Fehlgeburt läge um ein Drittel höher als bei Nichtraucherinnen. Folgen können aber auch Früh- oder Totgeburten sein. Zudem steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind an Atemwegserkrankungen und Allergien leidet. Die Psychologin betont, dass es in jeder Phase der Schwangerschaft Sinn mache aufzuhören. Auch in der Stillzeit. „Sonst gibt die Mutter über die Milch die Giftstoffe weiter.“

Dass der plötzliche Nikotinentzug während der Schwangerschaft schädlich sein soll – wie einige Frauenärzte behaupten – hält Wilkening für ein „Ammenmärchen“. „Ich weiß nicht, wie sich dieses Gerücht halten konnte.“ Nur beim „Sofort-Stopp“ sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Schwangere es schafft, ganz mit dem Rauchen aufzuhören.

Damit die Entzugszeit für Sabrina Schaldach nicht allzu schwierig wird, gibt Anne Wilkening ihr eine Packung Nikotinpflaster und erklärt deren Wirkung. Die Schwangere soll sich jeden Tag fragen, ob sie das Pflaster wirklich braucht und es höchstens eine Woche lang tragen. „Die meisten Frauen brauchen das Pflaster nur zwei bis drei Tage. Anderen wiederum reicht allein, dass sie wissen, dass sie es nehmen könnten, wenn sie wollten.“ Die Pflaster enthalten viel weniger Nikotin als Zigaretten, „in ihnen steckt nur so viel, wie nötig ist, um die Entzugserscheinungen zu bekämpfen“, erklärt Wilkening. Für den „Nikotin-Flash“, den Raucher so benötigen, bekommt die Schwangere noch ein Päckchen Nikotin-Kaugummis. „Die sollen die Frauen wirklich nur dann nehmen, wenn sie merken, sie brauchen jetzt unbedingt einen tiefen Zug. Das ist immer noch besser, als wenn sie wieder zur Zigarrette greifen.“

Damit Sabrina Schaldach auch ohne Pflaster motiviert ist durchzuhalten, hat die Psychologin neben einer „Ich werde rauchfrei“-Broschüre noch ein paar Tipps parat. So helfe es, wenn die Schwangere das Ultra-Schallbild ihres Babys gut sichtbar in die Wohnung hängt – und alle Aschenbecher wegräumt.“ Auch könne es vorkommen, dass sie anfangs noch mit Stimmungsschwankungen oder Depressionen zu kämpfen haben wird. Als Sabrina Schaldach das Beratungszimmer verlässt, fühlt sie sich ganz ruhig. Zu Hause wartet ihr Freund, ein Raucher. Vielleicht, sagt sie, könne sie ihn dazu bringen, auch das Rauchen aufzugeben.

Anmeldung unter: 450564117.

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