Zeitung Heute : Rauer Ton, Steine, Scherben

Pogrome im Norden Russlands – es trifft die Zugereisten aus dem Süden

Moritz Gathmann[Kondopoga]

In Kondopoga hat jeder seine eigene Wahrheit. Und nichts als die Wahrheit. Die Russen sprechen von einem „Gemetzel“, die Kaukasier von einer Schlägerei unter kriminellen Elementen. Russische Augenzeugen erzählen von „Allahu Akbar“-Rufen und von abgeschnittenen Ohren und Nasen. Die Kaukasier sprechen von Selbstverteidigung. Besonders wütend macht die Bewohner der Kleinstadt im Nordosten Russlands aber die Tatenlosigkeit der Polizei. „Die saßen in ihrem Auto, haben alles beobachtet und nichts getan“, sagt eine Augenzeugin des Dramas, das Kondopoga, russische Teilrepublik Karelien, im Land ähnlich bekannt gemacht hat, wie es in Deutschland einst das Städtchen Mölln war. Unter vielen der 35 000 Einwohner hat sich eine Pogromstimmung gegen Kaukasier ausgebreitet. Russische Nazis erklärten die Stadt gar zum Fanal im Kampf für den Erhalt des Russentums.

Das Drama begann vor einigen Wochen im Restaurant „Tschajka“, mitten im Zentrum. Ein stadtbekannter Krimineller, der erst kurz zuvor aus dem Gefängnis entlassen wurde, verprügelte zusammen mit seinen Saufkumpanen den aserbaidschanischen Barkeeper. Kurz darauf griffen einige Tschetschenen mit Messern, Ketten und Eisenstangen in die Situation ein, töteten zwei Russen und schlugen mehrere krankenhausreif.

„Die sind nicht von hier“, sagt der Staatschef der Teilrepublik Karelien, Sergej Katanandow. Doch seither ist die Luft vergiftet – von Gerüchten, die wie die weißen Rauchwolken aus den Schornsteinen des Zellulosekombinats über der Stadt hängen. Dass die Kaukasier, dazu gehören neben Aserbaidschanern und Tschetschenen auch die Armenier und Osseten, dass also die Kaukasier sich benähmen wie sie wollten. Und dass die Polizei zuschaue, weil sie mit ihnen unter einer Decke stecke.

Ohne Vertrauen zu den Autoritäten nehmen die Menschen ihre Probleme selbst in die Hand. Innerhalb weniger Tage zündeten Jugendliche nicht nur mehrere Male das Restaurant „Tschajka“ an, sondern zerstörten auch Autos, Spielautomaten, Geschäfte und Marktstände kaukasischer Besitzer. Den Siedepunkt erreichte der Volkszorn Mitte September: auf einer „Volksversammlung“ forderten etwa 2000 Menschen die Ausweisung aller Kaukasier aus Kondopoga innerhalb von 24 Stunden. Nur einige Hundertschaften Polizei konnten der Pogromstimmung ein vorläufiges Ende setzen.

Viele der Bewohner Kondopogas und mit ihnen die öffentliche Meinung in Russland haben sich eine eigene Wirklichkeit gebastelt: Die Kaukasier zahlen demnach weder Steuern noch Gebühren für den Kindergarten, außerdem kaum Miete für ihre Wohnungen. Sie treiben Schutzgeld ein und haben selbst keine Lizenzen für ihre Marktstände. Die Polizei deckt sie, weil sie großzügige Schmiergelder zahlen. Mit Panik im Blick erzählt mancher Russe von der hohen Geburtenrate der Einwanderer und der Angst vor islamistischen Terroristen.

Der Konflikt hat bisher wohl nur deshalb keine weiteren Opfer gefordert, weil die meisten Kaukasier die Stadt inzwischen verlassen haben. Sie leben jetzt in den Ferienhäusern des Pionierlagers „Ajno“, wenige Kilometer außerhalb der karelischen Hauptstadt Petrosawodsk. Wie soll es mit ihnen weitergehen? Ahnungslose Gesichter. Bei ihnen hat sich bisher kein offizieller Vertreter gemeldet, auch wenn Staatschef Katanandow die Stabilisierung der Lage verkündet und die Flüchtlinge zur Rückkehr aufgerufen hat.

Ende September will Katanandow im Rathaussaal von Kondopoga Ruhe schaffen. In dem Raum drängen sich Kamerateams, Vertreter der Stadt, des Gouverneurs, Bürger. Am Kopf des langen Tisches sitzt Katanandow und fragt: „Wer war verantwortlich?“ Die im Rathaus versammelten Vertreter der Staatsmacht erstatten Bericht. „Auswärtige Provokateure“, sagt der schmallippige Vertreter des Geheimdienstes FSB. „Die soziale und ökonomische Lage“, sagt der Bürgermeister Kondopogas. „Der Informationsterror der Medien“, sagt die Bildungsministerin Kareliens. Katanandow will demonstrieren, dass er die Lage unter Kontrolle hat. Und dass das Volk „zu Geiseln einer großen Aggression“ geworden ist. Damit meint er radikale Nationalisten, die sich unter das Volk gemischt hätten. Am Ende gibt er einen Ratschlag für die anstehende „Volksversammlung“: „Mit dem normalen Volk wird geredet – den Nationalisten mit dem Knüppel auf den Arsch.“

Knackige Worte, wie sie in Kondopoga gerade beliebt sind. Obwohl die Polizei inzwischen mehrere Verdächtige festgenommen hat, fordern einige Mütter vor laufenden Kameras: „Wir wollen friedlich leben, wie früher!“ Bevor die Kaukasier kamen, meinen sie. Der Bürgermeister antwortet: „Wir können die Kaukasier nicht einfach aussiedeln, das verletzt die russische Verfassung.“ Später, abseits der Kameras, fügt er hinzu: „Aber wir werden sie unauffällig herausdrängen.“

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