Zeitung Heute : Raum greifend

Antje Sirleschtov

Täglich werden 93 Hektar Boden in Deutschland zu Verkehrs- und Siedlungsflächen umgewandelt. Wie kommt es, dass sich der Flächenverbrauch so schwer begrenzen lässt?

Die Deutschen machen sich in der Landschaft breit. Mehr als ihre Nachbarn. Und zwar jeden Tag um 93 zusätzliche Hektar. So viel unbebauter Boden wird deutschlandweit neu mit Beton, Schotter oder sonstigem Baumaterial bepflastert und damit zu Siedlungs- und Verkehrsfläche umgewandelt – täglich. Unsere Nachbarländer sind da viel zurückhaltender. Grund genug also für die deutschen Umweltverbände, sich dagegen zu wehren. Denn in der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie haben die Akteure auf allen Ebenen vereinbart, den Flächenfraß bis 2020 auf 30 Hektar täglich zu begrenzen. Und bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

Warum die Deutschen so flächengierig sind, ist alles andere als einfach zu beantworten. Was im Übrigen auch einen Teil der Schwierigkeiten erklärt, dem Ganzen Einhalt zu gebieten. Grund Nummer eins ist sicher, dass die Deutschen – erst einmal zu ein wenig Wohlstand gekommen – gern ruhig im Grünen wohnen und von der Politik durch allerlei Steuergaben (etwa die Eigenheimzulage) dazu auch ermuntert werden. Der Drang zum eigenen Haus am Waldrand ist daher ungebrochen und fordert von Kommunalpolitikern, die gern wiedergewählt werden, immer neue Bebauungsgebiete am Rande der Ortschaften auszuweisen.

Beinahe zwangsläufig ergibt sich daraus Grund Nummer zwei: Die so einmal entstandenen Wohngebiete wollen erschlossen werden, man ruft nach Umgehungsstraßen – und bekommt sie meistens auch.

In der Auflösung dieses Teufelskreises für die Natur liegt der Schlüssel zu weniger Zersiedlung in Deutschland. Wohnen und Arbeiten muss in den Städten selbst wieder attraktiver werden. Ob das allerdings funktioniert, hängt wesentlich vom Verhalten vieler Akteure vor Ort ab, nicht nur der Politiker. Denn gesetzlich anweisen kann das keine Bundesregierung.

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