Zeitung Heute : Raumnovellen

Wenn Romanfiguren ein Zuhause brauchen, werden Autoren zu Architekten, erfinden Grundrisse, Vasen und Ausblicke. Zwei Schriftsteller über ihre fantastischen Orte.

Michael Ondaatje



Schreiben ist erfundenes Leben an einem anderen Ort – und bis zu einem gewissen Grad Wohnen an einem anderen Ort. Das Innere eines Hauses oder einer Wohnung interessiert mich dabei nicht, auf Beschreibungen lege ich keinen großen Wert. Ich sehe aus dem Haus heraus. Das muss mich überzeugen. Für meinen neuen Roman, „Divisadero“, bin ich zum Beispiel nach Südfrankreich gefahren, in die Gegend nördlich von Toulouse. Ein Teil sollte dort spielen, also suchte ich nach einem passenden Haus – einem Haus, das so unpersönlich war, dass es nichts preisgab. Es sollte blank wie eine Leinwand sein, so dass ich es nach meinen Wünschen formen konnte.

 Dasselbe Verfahren hatte ich schon bei meinem Roman „Der englische Patient“ angewandt. Da habe ich eine Villa in der Toskana gesucht, in der das Krankenbett des ungarischen Grafen stehen sollte. Ich dachte, ein reales Gebäude hilft mir, die Geschehnisse besser zu erzählen. In der Gegend von Florenz sah ich mich nach möglichen Villen um – und fand die Villa San Girolamo, ein kleines Kloster 30 Kilometer nördlich der Stadt. Hinein konnte ich nicht, schwarze Dobermänner bewachten das Gelände. Aber es war besser, das Innere nicht gesehen zu haben. Als ich das Buch weiterschrieb, lebte ich in meinem Kopf in der Villa.

So ähnlich lief das auch dieses Mal ab, aber diesmal hatte ich Hilfe. Ein Freund kannte ein Wochenendhaus in der Nähe von Toulouse, er fuhr mich hin, es sah verlassen aus. Ich stand eine Viertelstunde davor – und wusste, ich hab mein Haus gefunden. Mir reichten die äußeren Wände, um mir das Innere vorzustellen. Es war ein Haus aus dem frühen 20. Jahrhundert, glaube ich. Ich bin noch dreimal dort gewesen, einmal sogar im Haus, und das war äußerst langweilig. Ein Raum ging nach links ab, einer nach rechts, die Treppe führte nach oben, und vom Flur gingen noch einmal Zimmer ab. Im Roman skizziere ich das Haus nur: eine rechteckige Fläche, zwei Etagen, Stein-Fußböden, oben ein Schlafzimmer, unten eine Küche, die auf den Garten hinausgeht.

Mich interessierte mehr, was man sieht, wenn man aus dem Haus hinausschaut: Erst blickt man auf einen Rasen, dann auf Bäume, dahinter versteckte sich ein See – und man konnte erahnen, dass so ein Ort mehrere Möglichkeiten zulässt, wie ich eine Geschichte erzählen kann. Wenn ein Ort zu stark definiert ist, kann ich nicht darüber schreiben. Das ist wie bei der Recherche: Manchmal habe ich zu viel Wissen über ein Spezialgebiet erlangt, da kann ich mich nicht mehr als Schriftsteller bewegen und mit den Fakten jonglieren.

Den Großteil des Buches habe ich in Toronto geschrieben, an meinem Schreibtisch. Ich schreibe mit Hand auf Papier, im Normalfall von neun Uhr morgens bis vier Uhr am Nachmittag, unterbrochen von einem kleinen Mittagessen. Wenn Sie meinen Schreibtisch sehen könnten: Auf dem türmt sich ein wildes Durcheinander. Er ist sehr lang, etwa drei Meter, ein schöner Holztisch. Alles, woran ich in den letzten drei Jahren gearbeitet habe, was ich gesehen habe, findet sich auf dem Schreibtisch wieder. Briefe, auf denen noch der Stempel „dringend“ steht. Kleine Steine, die ich irgendwo gefunden habe.

Ich gebe zu, das Chaos hat ein System. Auf dem Schreibtisch stapelt sich alles, was ich eigentlich tun müsste, wozu ich aber keine Lust habe, und auf dem Fußboden liegen alle Dokumente verstreut, die ich wirklich brauche, oder Bücher, in denen ich etwas nachlesen muss. Ich arbeite an einer Ecke des Tisches, wo eben noch ein paar Blatt Papier hinpassen. Nach rechts schiebe ich alles, was ich später erledigen kann. Wenn ich ein Buch beende, sieht mein Arbeitstisch wie eine archäologische Ruine aus.

 Auch zu Hause sind mir Möbel nicht so wichtig. Gut, sie müssen zur Farbe des Zimmers und der anderen Möbelstücke passen, aber ich bin kein großer Fan von Einrichtung. Kürzlich haben meine Frau und ich ein Sofa gekauft, dunkelblau, mir gefällt die Farbe. Was will man mehr?

Der kanadische Schriftsteller Michael Ondaatje wurde 1943 in Sri Lanka geboren und lebt in Toronto. Einem großen Publikum wurde er mit dem Roman „Der englische Patient“ bekannt, der 1992 erschien und später erfolgreich verfilmt wurde. Jetzt erschien sein neuestes Buch „Divisadero“ (Hanser Verlag).


William C. Gordon

Will ich eine Wohnung beschreiben, muss ich eine Regel einhalten: die Atmosphäre stimmig gestalten! Eine Szene in meinem Buch „Der Tote im Smoking“ spielt in einem Penthouse, in dem ein reicher Chinese in San Franciscos Chinatown wohnt. Das heißt, die Wohnung muss teuren Geschmack reflektieren. Ich versuchte, das Pompöse ein wenig herunterzuspielen, und habe mich für eine Kombination aus amerikanischem Wohnen und chinesischem Kitsch entschieden – für mannshohe Porzellanvasen aus der Ming-Zeit, eine Sammlung von Jade-Objekten und Kerzenlicht beim Abendessen. Wichtig war die Aussicht: auf die Bucht von San Francisco. Denn Reichtum bringt Privilegien, und zu solchen Privilegien gehört nun die beste Aussicht der Stadt.

Der Leser muss sinnlich erfahren, wie so ein Ort beschaffen ist. Es ist immer gut, einen Geruch in das Zimmer hineinzuschreiben, in dem obigen Fall hängt vielleicht der von Chop- Suey-Sauce in der Luft. In einer Hindu-Wohnung in Indien dagegen weht eine Wolke von Curry und Kardamom durch das Haus – kräftige Gewürze, die für die Landesküche typisch sind. Ich war noch nie in einem indischen Haushalt, aber so könnte ich ihn mir in Fragmenten vorstellen. Im Hintergrund läuft im Fernsehen ein Bollywood-Musical. Eine Frau im Sari würde durch die Zimmer laufen, die Wände sind safrangelb gestrichen. Wahrscheinlich steht irgendwo ein meisterlich geschnitzter Stuhl, reich verziert, wunderschön anzusehen und höllisch unbequem. Über der ganzen Szene summt ständig der Deckenventilator.

So eine Wohnung habe ich aus dem Stegreif skizziert. Die Wohnung von armen Chicanos in Kalifornien kann ich dagegen im Schlaf beschreiben. Ich habe als Anwalt über Jahrzehnte hinweg Familien aus der mexikanischen Community vertreten, weil ich selbst gut Spanisch spreche. In mein Buch fließt so eine Erfahrung natürlich ein. Ein Teil der Handlung spielt in einem Chicano-Viertel. Wenn man in solche Wohnungen geht, spürt man sofort die Armut. Das Sofa und die Sessel sind in durchsichtige Plastikfolie verpackt. An der Wand hängt ein Kreuz, im Zentrum steht ein Fernseher – so groß, wie ihn sich eine Familie leisten kann –, der ständig auf Kanal 14 läuft: Das ist der mexikanische Sender. Der Geruch von Bohnen, dem mexikanischen Nationalgericht, hängt in der Luft. Mehr als zwei Zimmer gibt es selten. Manchmal leben unterschiedliche Familien in je einem Zimmer. Die Toiletten sind auf dem Hausflur, Kakerlaken rennen über den Boden. Und immer findet man irgendwo einen mexikanischen Serapi, das ist ein bunter Wandteppich in den Farben Mexikos, mit dem Wappentier, dem Adler, darauf.

Ein beengtes Wohnen ist das, das kann ich mir für mich persönlich gar nicht mehr vorstellen. Mir ist bei einer Wohnung Platz wichtig, so dass man sich nicht eingeengt fühlt. Und ein Zimmer sollte eine schöne Aussicht haben. Nicht so wie mein Arbeitsraum. Das ist im Keller, mein Schreibtisch steht an der Wand, nur wenn ich mich anders hinsetze, kann ich etwas von den Bäumen im Garten sehen. Zum Schreiben gehe ich deshalb oft in ein anderes Zimmer, besonders gerne in eins in der ersten Etage. Dort steht ein ovaler alter Schreibtisch, aus schwerem Holz, mit dicken Füßen. Er gehört meiner Frau, der Schriftstellerin Isabel Allende. Obwohl die Tischplatte gesprungen ist, hebt sie ihn aus sentimentalen Gründen auf. Er gehörte früher ihrem Großvater, an dem Tisch hat sie ihren Bestseller „Das Geisterhaus“ geschrieben. Jetzt benutze ich ihn zum Arbeiten. Wenn ich an ihm sitze, sehe ich auf die Bucht von San Francisco hinaus – eine ähnliche Aussicht, wie ich sie vom chinesischen Penthouse beschreibe.

Wir sind vor sechs Jahren in das Haus gezogen. Isabel war für die Einrichtung verantwortlich. Leider hat es beim Umzug meine Lieblings-Standuhr nicht in die Wohnung geschafft, sie steht jetzt in der Garage. Ich habe sie vor 15 Jahren selbst gebaut, aus Holz, mit einem Pendel darin, etwa 1,80 Meter hoch. Immer nehme ich mir vor, einen Platz für sie zu finden, ich bin stolz auf die Uhr, und mir gefällt das beruhigende Klicken. Wenn ich nach Hause zurückkomme, stelle ich sie vielleicht ins Büro.

William C. Gordon wurde 1927 in San Francisco geboren, arbeitete lange als Rechtsanwalt und heiratete in dritter Ehe die Schriftstellerin Isabel Allende, mit der er in San Francisco lebt. Erst 2002 begann er mit dem Schreiben. Sein Debütroman „Der Tote im Smoking“ erschien gerade bei Hoffmann und Campe.

Aufgezeichnet von Ulf Lippitz

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