Zeitung Heute : Raumpatrouille

Szenenbildner lesen, zeichnen und tüfteln wochenlang – und das alles, damit eine Wohnung im Film verdammt normal aussieht.

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Von Annabel Wahba Seine Frau hat ihn aus dem Schlafzimmer verstoßen. Jetzt liegt er nachts im alten Stockbett der Kinder, vor der Tapete mit den Hühnern. In grünrot kreischen sie ihn von der Wand an. Der Rest, ein melancholisches Sepia.

Ein halbes Leben breitet sich in diesem Zimmer aus. Es erzählt die letzten 30 Jahre eines Mannes: die gescheiterte Ehe, die Vergangenheit in der DDR. Damals war er jemand, der Sportreporter Jakob Zuckermann, bekannt als Jacky Zucker. Fotos hängen an der Wand, wie Jacky und Honecker sich die Hand schütteln. Der Tiefpunkt in Jackys Leben , das ist klar, war die Wende. Heute hat er sein Leben nicht mehr im Griff: Der Raum ist zugestellt mit schweren Schränken, kaum, dass Luft zum Atmen bleibt. Ein überquellender Schreibtisch und Kisten voller Briefe und Dokumente versperren den Weg zum Neuanfang.

Das Leben von Jacky Zucker hat Christian Goldbeck eingerichtet. Er hat das Szenenbild der Komödie „Alles auf Zucker“ (Regie: Dani Levy) entworfen und ist für den Deutschen Filmpreis am 8.Juli nominiert. Goldbeck, 31, hat in London drei Jahre Architektur studiert, dann Szenografie an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg.

Eine Filmwohnung muss den Charakter einer Figur widerspiegeln, muss deren Seele in zwei, drei Kameraeinstellungen offenbaren. Szenenbildner sind so etwas wie Raumpsychologen, nach dem Prinzip: Zeig mir deine Wohnung, und ich sag dir, wer du bist. Goldbeck geht genau umgekehrt vor wie ein Architekt: „Der stellt Vermutungen auf, welche Vorlieben seine Kunden haben. Ein Szenenbildner dagegen kennt den Charakter seiner Bewohner aus dem Drehbuch ganz genau und gestaltet nach diesen Vorgaben den Raum.“ Und woher weiß er, wie ein Jacky Zucker wohnt, einer, der über 40000 Euro Schulden hat, und jetzt Besuch bekommt von seiner jüdischen Mischpoke, mit der er die Mutter zu Grabe trägt? „Das ist die Fantasie des Szenenbildners.“ Und eine Menge Recherche. Für „Alles auf Zucker“ las Christian Goldbeck Bücher über DDR-Architekturgeschichte, sah sich hunderte Familienfotos an, auch alte Defa-Filme. Der Regisseur Levy brachte ihm aus New York ein Buch mit: „Jüdisches Leben für Dummköpfe“.

Zuckers Zuhause wurde in einer Wohnung in Szene gesetzt. 300 Quadratmeter groß, damit sich die Kamera darin frei bewegen kann. „Allerdings lag die nicht wie im Film in der Karl-Marx-Allee, sondern im Westen, direkt am Lietzensee“, sagt Goldbeck. Drei Wochen lang wurde die Wohnung umgebaut und eingerichtet, die neuen Tapeten wurden patiniert – vom Kunstmaler mit Nikotinflecken und Schmutzrändern versehen. Danach kamen die Requisiteure mit den Möbeln und die so genannten Setdresser, die die Zimmer mit Vasen, Bildern und Nippes dekorieren, Leben in den Raum bringen.

Vor dem Film „Alles auf Zucker“ entwarf Christian Goldbeck das Szenenbild zu Hans-Christian Schmids „Lichter“ und Hans Weingartners „Die fetten Jahre sind vorbei“. Darin geht es um drei Mittzwanziger in Berlin – Jan, Jule und Peter –, die sich gegen das reiche Establishment auflehnen, in Wohnungen einbrechen und das Mobiliar verstellen, um den Bewohnern einen Schrecken einzujagen. Für die Wohnung der Protagonisten sah sich Goldbeck in Friedrichshainer WGs um und erinnerte sich an eigene WG-Erfahrungen: an Metallspinde und Matratzen auf dem Boden. Filmwohnungen müssen bis in die letzten Details authentisch sein. Da ist zum Beispiel die Plattensammlung des zurückhaltenden und feingeistigen Jan (gespielt von Daniel Brühl): Goldbeck hat sie vorwiegend mit Jazzplatten bestückt, während bei Peter (Stipe Erceg), einem DJ, nur Dancehallplatten im Regal stehen. „Das mache ich zum Teil für den Schauspieler, damit er sich so gut wie möglich in die Rolle einfinden kann.“ Aber natürlich auch für den Zuschauer. Nichts in der Wohnung darf inkonsequent sein, sonst fällt es dem Kinobesucher auf.

In Goldbecks Szenenbildern taucht immer irgendwo die Farbe Rot auf, wie eine Metapher zieht sie sich durch die Filme: In „Lichter“ gab es nur rote und weiße Autos, in „Alles auf Zucker“ ist es der rote Mülleimer in der Wohnung von Jackys Tochter, die Blume am Fenster. Warum das so ist, warum ihm rot lieber ist als blau, weiß er selber nicht. „Gefühlssache“, sagt er.

Wer jedes Jahr um die 50 Filmwohnungen einrichtet, ist mit den eigenen Räumen vorsichtig. Ein Stück Pizza in der Pappschachtel oder eine Tasse mit Kaffeerändern– das könnte der Besucher als Nachlässigkeit deuten. Vielleicht ist Goldbecks Büro deshalb so aufgeräumt und leer. Hier, so sieht es aus, arbeitet einer, der strukturieren kann: keine Papierstapel, nur ein paar Schiebeschränke voll mit Aktenordnern ducken sich unter den Schreibtisch. Das Arbeitsmodell eines Mühlenhofs steht daneben, ein Entwurf für den nächsten Film von Hans-Christian Schmid, die Verfilmung von Otfried Preußlers Jugendbuch „Krabat“. An der Wand hängen Fotos von möglichen Drehorten in Osteuropa, auf einem langen Tisch darunter liegen Bildbände, aufgereiht wie im Heimatkundemuseum.

Davon auf den Charakter seines Besitzers zu schließen, wäre dumm. Szenenbildner wissen schließlich um die Aussagekraft von Räumen. „Wenn ich in fremde Wohnungen komme“, sagt Christian Goldbeck, „würde ich am liebsten direkt in den Keller gehen. Das ist die Seele, da wandert hin, was der Mensch nicht mehr haben will. Und das sagt einiges über ihn aus.“ Sein Zuhause im Wedding ist auch ziemlich leer. Er weiß zwar genau, was er nicht haben will, aber weil er immer auf das ultimative Möbelstück wartet, hat er nur ziemlich wenige.

Ein Kollege Goldbecks, der Szenenbildner Lothar Holler, hat seiner Frau nach dem zweiten Filmpreis vom Podium aus versprochen, sich nun mal der eigenen Wohnung zu widmen, endlich die Wände neu zu streichen. „Daheim macht es mir nicht so viel Spaß“, sagt Holler. „Ich bin kein Nestbauer.“ Bücher, die sind ihm wichtig, sonst schmeißt er vieles weg. Er ist keiner, der Erinnerungen braucht, nicht mal eigene Entwürfe hebt er auf. Antiquitäten mag er nicht.

Die Filmpreise bekam er für das Szenenbild von „Sonnenallee“ und „Good bye, Lenin“. Beide Male musste er die eigene Vergangenheit einrichten. Er baute die Wohnungen eines Staates nach, in dem er selbst groß geworden war, und den es nun nicht mehr gab. Vor der Wende entwarf Holler Bühnenbilder für die Opern von Ruth Berghaus, Szenenbilder für Heiner Carow und Helke Misselwitz. 1986 gestaltete er die Bühne für den „Urfaust“, der in der Übersetzung von Pasternak in Moskau aufgeführt wurde. Zur gleichen Zeit geschah in Tschernobyl der Reaktorunfall, Michail Gorbatschow ließ die Pressezensur aufheben. Als Holler zurückkam nach Ost-Berlin, ahnte er: „Da kommt Bewegung in den Block.“

Heute ist ein Film über die DDR schlicht ein Historienfilm. „Wenn ich meinen Studenten von der DDR erzähle, bin ich für die der Opa, der vom Krieg erzählt.“ Lothar Holler, 56, ist Professor für Szenografie in Babelsberg. Anders als Christian Goldbeck bei „Alles auf Zucker“ konnte Holler die Kulisse für „Good bye, Lenin“ im Studio Adlershof bauen lassen. Die 79 Quadratmeter DDR waren in Wahrheit 250. Ob Filmwohnungen im Studio nachgebaut werden, ist eine Frage des Budgets: Es ist schlicht teurer, als eine vorhandene Wohnung umzubauen. Holler dreht lieber in Studiokulissen: „Die Realität im Drehbuch ist ja eine künstliche, die kann man schlecht in realen Wohnungen abbilden.“

Für „Good bye, Lenin“ entwarf er die Tapeten teilweise selbst, einige Requisiten ließ er bauen. Die Mutter, gespielt von Kathrin Saß, ist eine kranke Frau, die ins Koma gefallen war. „Sie hat strubbeliges Haar und liegt im Bett, aber sie ist sympathisch, also braucht sie eine freundliche Umwelt.“ Holler hat für ihr Zimmer Tapeten in Sonnengelb entworfen, mit fein ziselierten Ornamenten, die so schön sind, dass sie auch als Hintergrund für das Filmplakat dienen. Er hat Möbel aus Naturholz verwendet, kein Furnier. „Liebenswerte Möbel“, wie Holler sagt. Im Film sitzt die Mutter zwar krank in ihrem Bett und doch thront sie in einer sonnigen Welt.

Wenn Holler von den Charakteren spricht, für die er Räume entwirft, klingt der große Mann mit dem Vollbart und den wilden Haaren fast zärtlich, als spreche er von engen Freunden. Bevor er ein Szenenbild entwirft, hängt er sich die Fotos der Schauspieler an die Wand, „man sieht doch in den Augen, was einer für ein Leben führt“. Seine Entwürfe müssen genau auf den Schauspieler abgestimmt sein. Für Götz George würde er etwas anderes entwerfen als für Henry Hübchen, selbst wenn sie dieselbe Rolle spielten.

Gerade hat er mit Leander Haußmann an „Kabale und Liebe“ gearbeitet. Der Fernsehfilm spielt im Barock. So ein Szenenbild, sagt Holler, darf auf keinen Fall nach Museum aussehen. „Wir verbreiten Lebensspuren.“ In den Räumen muss der Ruß zu sehen sein von den offenen Feuern. Deutschland versank im 18. Jahrhundert in der Kleinstaaterei, die Landesväter verkauften ihre Soldaten. Der Zuschauer muss den Gestank förmlich riechen, der in den Schlössern hing. Es gab ja keine Toiletten und keine Bäder. Nur der Lady Milford hat Holler in ihrem Schloss ein Bad gebaut. „Sie ist eine Frau, die sich nach Liebe sehnt. Im Bad pflegt sie sich und trifft ihre Vorbereitungen, bevor sie Ferdinand trifft.“ In Lady Milfords Salon dominiert rosa, warm und weiblich, sogar die Tassen sind darauf abgestimmt. Es wurde viel bei Kerzenlicht gedreht, denn „der Glanz in den Augen ist ein anderer“, sagt Lothar Holler, „die Konturen im Gesicht sind weicher“.

Der Zuschauer merkt natürlich nicht, dass die Filmkerzen Doppel- und Dreifachdochte haben. Überhaupt darf ihm nicht auffallen, dass alles nur inszeniert ist. Das größte Kompliment, das Hollers jüngerer Kollege Christian Goldbeck einmal bekam, war von einem Zuschauer nach der Premiere von „Lichter“. Der Mann aus dem Publikum fragte Goldbeck: Und was haben Sie eigentlich gemacht?

Lothar Holler, Christian Goldbeck und Uli Hanisch diskutieren am 10. Juni um 18Uhr30 im Filmmuseum Berlin über Privaträume im Film.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

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